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Commerzbank schluckt Comdirect – Bangen um Arbeitsplätze

Die Institute haben einen Verschmelzungsvertrag unterzeichnet, doch viele Fragen sind offen – nicht nur wegen der Coronakrise.

Die Commerzbank hatte im September angekündigt, sich die Comdirect ganz einverleiben zu wollen. Foto: dpa

Die Commerzbank treibt die Komplettübernahme von Comdirect trotz Coronakrise voran. Am Freitag unterzeichneten beide Institute in Frankfurt den Verschmelzungsvertrag. Er sieht eine stufenweise Integration der Onlinebank vor.

„Nach der rechtlichen Verschmelzung soll das Leistungsangebot der Commerzbank und der Comdirect zunächst unverändert fortgeführt werden“, erklärte das Frankfurter Geldhaus. „Im Anschluss sollen die Angebote aus beiden Banken zusammengeführt, vereinheitlicht und ausgebaut werden.“

Die Commerzbank will im Zuge der Integration das digitale Angebot für ihre Kunden ausbauen und Kosten sparen – unter anderem durch den Abbau von Doppelfunktionen und das Nutzen einer gemeinsamen Infrastruktur.

Comdirect-Chefin Frauke Hegemann soll nach der Zusammenführung Bereichsvorständin bei der Commerzbank werden. Finanzchef Dietmar von Blücher wird laut dem Verschmelzungsvertrag eine Aufgabe mindestens in der zweiten Führungsebene unterhalb des Commerzbank-Vorstands angeboten. Marketing- und Vertriebsvorstand Matthias Hach soll leitender Angestellter werden.

Die Standorte von Comdirect in Quickborn und Rostock bleiben erhalten. Sämtliche Arbeitsverhältnisse der Comdirect-Mitarbeiter gehen mit der Verschmelzung auf die Commerzbank über. Im Gesamtkonzern sollen dann jedoch mindestens 4300 Stellen wegfallen – Finanzkreisen zufolge sind davon vermutlich auch Hunderte Arbeitsplätze in Quickborn betroffen.

Verdi fordert Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen

Verdi-Gewerkschaftssekretär Stefan Wittmann fordert, im Rahmen der Verschmelzung auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. „Die Comdirect braucht in der jetzigen Situation jeden Beschäftigten, um den gewohnten gute Service weiter bieten zu können“, erklärte Wittmann, der auch im Aufsichtsrat der Commerzbank sitzt. „Die Commerzbank hat dieses Instrument noch nie gezogen – und ich bin zuversichtlich, dass sie es auch künftig nicht tun wird.“
Commerzbank-Finanzchefin Bettina Orlopp hat angekündigt, älteren Mitarbeitern ab April Angebote zu unterbreiten, vorzeitig in Ruhestand zu gehen. „Es gibt keinen Grund, warum wir mit dem Programm nicht starten sollten – ungeachtet von Corona“, sagte sie am Donnerstag. Bei den weiteren Gesprächen mit den Arbeitnehmervertretern über den Arbeitsplatzabbau könne es wegen der Coronakrise allerdings Verzögerungen geben.

Im Rahmen ihres Umbaus rechnet die Commerzbank mit Restrukturierungskosten von rund 850 Millionen Euro. 101 Million Euro davon hat sie bereits im Geschäftsjahr 2019 zurückgestellt. Wenn die Gespräche mit den Arbeitnehmern über den Arbeitsplatzabbau 2020 abgeschlossen werden, könnte sie den Rest im laufenden Jahr verbuchen. Andernfalls würden die verbliebenen Belastungen auf 2020 und 2021 verteilt.

In dem ebenfalls am Freitag vorgelegten Geschäftsbericht bekräftigte die Bank, dass sie im laufenden Jahr einen Gewinn erwartet. „In Abhängigkeit der gebuchten Höhe von Restrukturierungsaufwendungen kann der Konzernüberschuss allerdings signifikant unter der Größenordnung des Vorjahres liegen.“ Im vergangenen Jahr hatte die Bank einen Gewinn von 644 Millionen Euro eingefahren.

Gesamtvergütung des Vorstands steigt um 39 Prozent

Operativ erwartet die Commerzbank laut Geschäftsbericht ein Ergebnis in der Größenordnung des Vorjahres von 1,26 Milliarden Euro. Mögliche Effekte aus dem geplanten Verkauf der polnischen Tochter mBank sind bei der Prognose nicht berücksichtigt.

Das Gleiche gilt vermutlich auch für die Folgen der Coronakrise, deren Ausmaß bei der Erstellung des Geschäftsberichts wohl noch nicht absehbar waren. Finanzchefin Orlopp hatte es am Donnerstag bei einer Investorenkonferenz von Morgan Stanley vermieden, die Ziele für das laufende Jahr zu bestätigen oder zu korrigieren.

Orlopp erwartet im Zuge der Coronakrise einen Anstieg der Risikovorsorge für ausfallgefährdete Kredite. Wie hoch dieser Anstieg ausfalle, sei aktuell aber sehr schwer abzuschätzen, sagte sie. Viel hänge davon ab, wie die Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung für Unternehmen wirkten.
„Wir fühlen uns sehr wohl mit unserer Kapital- und Liquiditätssituation“, betonte Orlopp. Sie machte jedoch auch deutlich, dass durch die Coronakrise der Druck auf die Commerzbank steigt, ihren Sparkurs zu verschärfen. „Es ist wichtiger denn je, dass wir über zusätzliche Einsparmaßnahmen nachdenken.“
Für die Führungsspitze der Commerzbank verlief das vergangene Jahr – zumindest finanziell – erfreulich. Vorstandschef Martin Zielke erhielt 2,6 Millionen Euro und damit gut ein Drittel mehr als im Jahr zuvor. Die Gesamtvergütung des Vorstands kletterte um 39 Prozent auf 12,1 Millionen Euro.
Im Vergleich zum Nachbarn Deutsche Bank ist die Bezahlung allerdings nach wie vor niedrig. Der Deutsche-Bank-Vorstand kam im vergangenen Jahr auf eine Gesamtvergütung von 34,8 Millionen Euro. Konzernchef Sewing erhielt fünf Millionen Euro und damit fast doppelt so viel wie sein Commerzbank-Kollege Zielke.