Deutsche Märkte geschlossen

Cengiz Ehliz – Münchens „Unternehmer des Jahres“ soll ins Gefängnis

Die CSU feierte Cengiz Ehliz 2019 für seine Vision. Dann verurteilte ihn ein Gericht wegen Betrugs. Nun will er 100 Millionen Euro für eine neue Kryptowährung einsammeln.

Einmal im Jahr lädt die CSU die bayerische Schickeria zum Ball „Münchner G’schichten“, um ein Aushängeschild der lokalen Wirtschaft zu ehren. Am 9. Februar 2019 feierten 1200 Gäste mit Altministerpräsident Edmund Stoiber in der Traditionsgaststätte Nockherberg einen vermeintlichen Visionär des Einzelhandels. Bei Lachs vom Holzkohlegrill und Schoko-Himbeer-Törtchen zeichnete die Partei Cengiz Ehliz als „Unternehmer des Jahres“ aus.

Der 49-Jährige hat ein Cashback-System entwickelt, bei dem Kunden anstelle digitaler Wertmarken bares Geld ausgezahlt bekommen sollen. In der Region München beteiligen sich seinen Angaben zufolge bereits 5000 Händler an seinem Wee-System, weltweit gut 30.000.

Hochmotivierte Vertriebsorganisationen seien in 19 Ländern mit 8000 Partnern aktiv. Bis 2024 sollen 100.000 weitere stationäre Einzelhändler und zehn Millionen Konsumenten an das Wee-System angeschlossen werden.

Solche Zahlen hinterlassen Eindruck. CSU-Landtagsmitglied Josef Schmidt betonte bei der Preisverleihung, die Digitalisierung sei ein wichtiger Punkt auf der Agenda der CSU-Politik. „Die Digitalisierung des Einzelhandels durch Wee können wir deshalb nur begrüßen.“

Die Urkunde für Ehliz unterschrieb Ministerpräsident Markus Söder. Einen Tag später postete der Gewinner ein Bild davon auf Facebook. Er sei glücklich und überwältigt, schrieb Ehliz. Dann stellte er die bange Frage: „Habe ich diese Auszeichnung wirklich verdient?“

Eine gute Frage. Ein belgisches Gericht hat Ehliz gerade zu einer Gefängnisstrafe von mehr als drei Jahren verurteilt. Es sei erwiesen, dass Ehliz und zwei Geschäftspartner bei ihrer früheren Unternehmung Flexcom ihre Partner betrogen, um sich zu bereichern. Sie sollen mit Absicht Cashback-Geräte vertrieben haben, die nicht funktionierten. Das Gericht bezeichnete Ehliz und seine Partner im Urteil als Mitglieder einer kriminellen Organisation und konfiszierte 430.000 Euro, die nun auf die 40 Kläger verteilt werden.

Ehliz teilte dem Handelsblatt mit, das Urteil richte sich „ausschließlich gegen mich als Privatperson und steht in keinem Zusammenhang“ mit der Wee-Gruppe. Die Entscheidung des Gerichts habe ihn „unerwartet und persönlich hart getroffen“. Er wolle nun alles unternehmen, um die Vorwürfe zu entkräften.

Freilich, üblicherweise unternehmen Beschuldigte solche Anstrengungen vor einem Prozess, nicht danach. Warum verspätet sich Ehliz? Sein Sprecher sagt, aus „prozessualen Gründen“ könne er sich nicht zu Details äußern. Man bereite eine Berufung gegen das Urteil vor.

Der Traum von der Cashback-Revolution

Das Verfahren gegen Ehliz lief seit 2014. Trotzdem lebte der Sohn türkischer Gastarbeiter der Öffentlichkeit den Traum vom Tellerwäscher zum Millionär vor. Ehliz wuchs in den 1970er-Jahren in Bad Tölz auf, rund 50 Kilometer von München entfernt. Die Eltern arbeiteten hart für ihren „deutschen Traum“, schreibt er auf seiner Website.

Der Sohn nahm sich ein Beispiel. Als Kind habe er sich für fünf Mark am Tag um die Einkaufswagen eines Supermarktes gekümmert, nach der Schule Elektrotechnik gelernt. Mit 23 habe er sich selbstständig gemacht, fünf Jahre lang Überwachungssysteme verkauft, dann sei er in die Telekommunikations- und Energiebranche gewechselt.

Seine Geschäftsidee sei ihm 2004 am Mailänder Flughafen gekommen. Er habe beobachtet, wie Reisende im Duty-free-Shop mit Kreditkarten bezahlten. So habe er sich gefragt, wer bei den Transaktionen mitverdiente – und ob darin eine Geschäftschance lag. Zwar gab es damals schon Bonusprogramme wie Payback, deren Kunden beim Einkaufen Prämienpunkte sammeln. Doch Ehliz schwebte ein neuartiges System vor, bei dem die Käufer Geld zurückerhalten.

2010 gründete er laut Werbebroschüre die Flexcom International in der Türkei. Händler sollten mit eigens dafür produzierten Bezahlterminals Einkäufe abwickeln und ihren Kunden Rabatte gewähren. Diese würden die Kunden in Form von „Flexmoney“ auf ihren Karten sparen, anschließend bei anderen Unternehmen einlösen oder sich in Euro auf ihr Konto auszahlen lassen. Einen Teil der Erträge wollte Flexcom an Vertriebspartner verteilen. Je mehr Händler oder weitere Vertriebspartner sie rekrutierten, desto höher wäre ihre Vergütung.

Ein Jahr später hielten Ehliz und seine Kollegen in Hotels Vorführungen für potenzielle Vertriebspartner ab. Sie behaupteten, ihr System sei in der Türkei bereits ein Erfolg. Flexcom unterhielte ein Hauptbüro in Ankara und Zweigstellen in Istanbul und Izmir.

Täglich würden Provisionen ausgezahlt. 1,5 Millionen Kundenkarten wären schon in Umlauf, Tausende von Läden nähmen an dem Cashback-System teil. Bis 2013 würde man in 20 Länder expandieren. Erfolgreiche Lizenznehmer könnten auf Zehntausende Euro Gewinn hoffen. Die besten würden mit Boni wie Luxuslimousinen belohnt.

Es war die klassische Vertriebsmasche. Erst weckte Ehliz in seinen potenziellen Partnern die Gier, dann präsentierte er ihnen die Bedingungen. Zwischen 1600 und 3000 Euro sollten sie zahlen, damit er ihnen Lizenzen und Bezahlterminals überließ, die sie dann weiterverkaufen durften. Viele schlugen zu, reisten bis nach Antalya, um möglichst schnell ins Geschäft zu kommen.

Doch das Geschäft verzögerte sich. Es gab Mängel, die Kartenterminals funktionierten nicht. Statt die Fehler zu beheben, vertrösteten Ehliz und seine Führungscrew den Vertrieb. Sie stellten neue Systeme vor. Wieder sollten die Partner zahlen und kostenpflichtige Fortbildungskurse absolvieren. Ehliz ging in seinem Statement nicht im Detail auf die Vorwürfe ein, sprach lediglich von „gewissen, langjährig zurückliegenden Aspekten der Geschäftstätigkeit der Firma Flexcom“.

2014 verloren die ersten Vertriebspartner die Geduld. Flexcom hatte noch immer nicht die für das System erforderliche Banklizenz erhalten. Menschen, die sich schon vor Jahren im Mercedes AMG sitzen sahen, saßen stattdessen auf ihren Kosten von teils 10.000 Euro und mehr. Ein Verdacht wuchs: Es würde nie ein Geschäft geben. Etwa 40 der einst hoffnungsfrohen Vertriebspartner aus Belgien und den Niederlanden erstatteten Anzeige in Antwerpen.

Die drei Beschuldigten reagierten jeder auf seiner Weise. Asker S. zog in die Türkei um und war für die Justiz nicht mehr erreichbar. Erwin F. stellte seine Tätigkeit im Vertriebsgeschäft ein. Ehliz machte unter einem neuen Markennamen weiter: Wee.

Im Mai 2017 wurde Wee Hauptsponsor des Eishockey-Teams Tölzer Löwen. Sechs Monate später sprang Ehliz bei einer Veranstaltung des Unternehmens in der Arena des Klubs aus einem Hubschrauber. Anschließend holte er den Ehrengast auf die Bühne: der frühere Ministerpräsident Edmund Stoiber.

„Ihr traut euch was“, sagte der CSU-Politiker zu Beginn seiner Rede. Er habe sich das Wee-Modell angeschaut und finde die Idee dahinter „wegweisend und richtig“. Ehliz stärke nicht nur den Einzelhandel, lobte Stoiber, sondern trage auch „zum Erhalt der traditionellen bayerischen Lebensart mit ihren Dorfläden und kleineren Betrieben“ bei.

Ist das so? Auf der Website von Wee sind aktuell mehr als 20.000 Shops angezeigt. Ein Großteil ist mit Hinweisen wie „Coming soon“ oder „Cashback-Vergabe inaktiv“ versehen. Außerdem finden sich groteske Einträge in der Liste. So heißt es in der Beschreibung des Düsseldorfer Ladens „Annabelle Diepuppe“: „Spirituelles & Auragedöns *****Sterne-Qualität. BlaBlaBla & feel well things von Beauty und Wellness bis hin zu sämtlichen Therapien, alles was sonst nicht gibt, da fake-shop.“

Wie viel an Wee ist Fassade? Das Gericht in Belgien fragte Ehliz’ Anwälte. Sie legten den Bericht eines Notars vor. Der bestätigte, dass das Wee-System in der Bad Tölzer Eishockey-Arena im Einsatz sei. Momentan sei es allerdings weder inner- noch außerhalb der Arena möglich, Cashback-Punkte einzutauschen. Außerdem könne außerhalb des Stadions nicht mit der Karte gezahlt werden.

Einzelhandelsexperten können mit den Namen Ehliz oder Wee wenig angefangen. Der Handelsverband Bayern teilt auf Anfrage mit, dass der CSU-„Unternehmer des Jahres“ dort niemandem ein Begriff sei. Auch Unternehmen, die mit Wee kooperieren, seien dem Branchenverband nicht bekannt. Eine Sprecherin des Konkurrenten Payback sagt: „Wir haben Wee bisher nicht wahrgenommen.“

Durchblick zu erlangen fällt selbst bei genauem Hinsehen nicht leicht. Unter dem Dach der Swiss Fintec Invest firmieren zwölf Wee-Gesellschaften. Darunter ist die Schweizer weeConomy AG, laut AGB der offizielle Vertragspartner der Wee-Kunden. Ihr steht Ehliz’ bulgarische Lebensgefährtin als Präsidentin vor. Wer den Kontrollmehrheiten nach oben folgt, landet bei der Schweizer CSC Switzerland AG, ehemals Flexcom Group AG. Hier ist Ehliz selbst Präsident.

Geschäftszahlen liegen für die meisten Firmen nicht einzeln vor. Der letzte veröffentlichte Jahresabschluss der Münchener WeeBusiness GmbH, mit der Ehliz den Preis auf dem CSU-Ball gewann, weist für 2017 einen Überschuss von 35.000 Euro aus. Die Schweizer Holding Swiss Fintec Invest gibt für 2018 einen Verlust von zwei Millionen Euro an.

Die nächste Vision: 100 Millionen für den Wee-Coin

Die bescheidenen Zahlen bremsen Ehliz nicht in seinem Elan. „Multi-Unternehmer“ nennt er sich in PR-Meldungen und verweist auf seiner Website auf sein Vorbild: Friedrich den Großen. Der König von Preußen habe bewiesen, „dass man eine Vision umsetzen kann, wenn man nur hartnäckig und unnachgiebig genug daran arbeitet“.

Die nächste Vision ist schon da. In der Schweiz will die Weenexx AG, die zu Ehliz’ Netzwerk gehört, die angebliche „Revolution des Einkaufens“ mit einem virtuellen Börsengang vorantreiben. Derzeit gibt das Unternehmen Wee-Token aus, deren Hauptnutzen laut Unternehmensangaben darin besteht, Händler und Kunden den Zugang zum Wee-Marktplatz zu ermöglichen.

Den Erlös will Ehliz nutzen, um in einer zweiten Phase eine digitale Münze auszugeben. Der „weePayCoin“ soll Kunden in die Lage versetzen, „aufwendige, komplexe und teure Banksysteme“ zu umgehen. Ehliz’ Ziel: Die Anleger geben ihm 100 Millionen Euro, im Gegenzug erhalten sie digitale Münzen. Diese seien dann „eins zu eins an den Euro gekoppelt“.

Nach Angaben der Weenexx haben Anleger per „Friends-and-Family-Programm“ bereits 45 Millionen Euro in Token gesteckt. Das Unternehmen feiert den virtuellen Börsengang als „strategischen Quantensprung“, Ehliz selbst gibt an, er habe beim Lesen der zugehörigen PR-Meldung „Gänsehaut bekommen“.

Die Einstellung der CSU zu Wee und Ehliz klingt dagegen inzwischen eher verhalten. Die bayerische Staatskanzlei wollte Fragen zum „Unternehmer des Jahres“ nicht beantworten und verwies an die Veranstalter der Preisverleihung. Von dort meldete sich der Münchener CSU-Schatzmeister Hans Hammer und erklärte, man wolle Ehliz’ Berufungsverfahren abwarten. Eine Aberkennung des Preises käme erst infrage, wenn der „Unternehmer des Jahres“ hinter Gitter müsse.