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Cannabis-Branche: Canopy Growth will nach Kurssturz Geschäft in Europa ausbauen

Canopy Growth hat sich mit Zukäufen Deutschland breit aufgestellt. Der größte kanadische Hanfkonzern will künftig auch fertige Cannabis-Arzneimittel anbieten.

Das kanadische Unternehmen ist bereits mit mehreren Zukäufen auf dem europäischen Markt aktiv. Foto: dpa

So richtig kommt das Geschäft mit Cannabis nicht in Gang: Der Freizeitkonsum ist seit vergangenem Jahr in Kanada erlaubt. Allerdings sind die Umsätze der Branche zuletzt hinter den Erwartungen der Märkte zurückgeblieben.

Das gilt auch für den mit derzeit 5,9 Milliarden Euro bewerteten wertvollsten Cannabis-Konzern Canopy Growth, der binnen eines Jahres mehr als 40 Prozent seines Börsenwertes eingebüßt hat. Und so haben die kanadischen Cannabis-Konzerne ihren Blick über die Grenzen hinaus gerichtet und Europa ins Visier genommen.

„Deutschland und Europa sind für Canopy Growth sehr wichtig und werden noch weiter an Bedeutung gewinnen. Der europäische Markt ist größer als der von Kanada und den US-Staaten, die den Gebrauch von Cannabis legalisiert haben, zusammen“, sagt Paul Steckler, Co-Chef für das Europa-Geschäft von Canopy, im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Allein im größten Markt Deutschland rechnet er damit, dass die Zahl der Patienten, die Cannabis als Medizin verordnet bekommen, von derzeit etwa 40.000 bis 60.000 in den kommenden Jahren auf rund 800.000 wächst.

„Legt man die Entwicklung in Kanada als Maßstab zugrunde, wo ein Prozent der Bevölkerung medizinisches Cannabis erhält, könnten es in Europa mehr als 7,6 Millionen Patienten werden“, so Steckler. Der 46-jährige Brite mit mehr als zwei Jahrzehnten Erfahrung in der Pharmaindustrie führt Canopy Growth Europa seit wenigen Monaten gemeinsam mit dem langjährigen Jannsen-Pharmamanager Steve Wooding.

Cannabis-Blüten und -Extrakte sind in Deutschland seit März 2017 für den therapeutischen Einsatz bei bestimmten schwerwiegenden Erkrankungen erlaubt. Schon vorher gab es zugelassene Fertigarzneimittel.

Canopy Growth hat sich bereits mit mehreren strategischen Akquisitionen im europäischen Markt positioniert. So erwarb das Unternehmen Ende 2016 den Großhändler Spektrum Cannabis aus St. Leon Rot. Ende 2018 folgte der Kauf der Tuttlinger Firma Storz & Bickel für 145 Millionen Euro. Der deutsche Mittelständler stellt Vaporisatoren zum Verdampfen von Cannabis-Blüten her und hat dafür als einziger Anbieter die Zulassung als Medizinprodukt.

Im Mai dieses Jahres erwarb Canopy zudem die Cannabis-Sparte C3 des Naturarzneiherstellers Bionorica. Mit dem Kauf für rund 226 Millionen Euro sicherte sich Canopy das Geschäft mit dem Rezepturarzneimittel Dronabinol mit dem Cannabis-Inhaltstoff THC. Auf das Mittel, mit dem Bionorica im vergangenen Jahr rund 27 Millionen Euro Umsatz erzielte, entfällt in Deutschland etwa ein Drittel der Cannabis-Verordnungen.

Tochtergesellschaften in Europa aufgebaut

Parallel hat Canopy in Dänemark in der Nähe von Odense eine große Produktionsanlage für den Anbau von Cannabis-Blüten hochgezogen: Auf 24.000 Quadratmetern soll künftig pro Monat eine Tonne Cannabis-Blüten geerntet werden.

Canopy-Growth-Manager Steckler erwartet, dass das Unternehmen im zweiten Quartal kommenden Jahres Cannabis-Blüten aus Dänemark nach Deutschland liefern kann. „Unser Plan ist, von der Anlage in Dänemark aus den gesamten europäischen Markt bedienen zu können“, sagt Steckler. Deutschland hatte im zweiten Quartal 2019 laut offizieller Statistik rund 1,5 Tonnen Cannabisblüten zu medizinischen Zwecken importiert.

Für den therapeutischen Gebrauch ist Cannabis neben Deutschland auch in Dänemark, Großbritannien, Luxemburg, Polen, der Tschechischen Republik und Italien erlaubt. In Einzelfällen ebenso in der Schweiz. Laut Schätzungen der US-Researchfirma Brightfield soll der europäische Markt für medizinisches Cannabis von 316 Millionen US-Dollar Umsatz im vergangenen Jahr auf fast acht Milliarden Dollar im Jahr 2023 wachsen bei einer jährlichen Wachstumsrate von 83 Prozent.

Verschiedene kanadische Cannabis-Unternehmen – darunter Aphria, Aurora und Tilray – wollen diese Marktchance nutzen und haben in Europa Tochtergesellschaften aufgebaut. Aphria und Aurora beispielsweise haben Zuschläge bei der offiziellen Ausschreibung für den Anbau von Cannabis in Deutschland bekommen. Tilray hat eine Cannabis-Produktion in Portugal errichtet, Aphria und Aurora jeweils eine in Dänemark.

Canopy Growth ist durch seine Zukäufe besonders breit im Markt aufgestellt. Zudem sind die erworbenen Firmen Storz & Bickel sowie C3 von Bionorica profitabel und tragen zum Gewinn der Muttergesellschaft in Kanada bei.

„Durch unsere Zukäufe hat Europa den größten Anteil an den internationalen Umsätzen von Canopy und steuert auch Profit bei“, sagt Steckler. Canopy Growth hält Stecklers Angaben zufolge derzeit in Europa im Bereich medizinisches Cannabis mit Blüten und Dronabinol einen Marktanteil von 70 Prozent bezogen auf den Umsatz. Konkrete Zahlen nennt er nicht.

Der Mutterkonzern weist für das erste Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres (31. März) einen internationalen Umsatz bei Medizinal Cannabis von 28,6 Millionen kanadische Dollar (rund 20 Millionen Euro) aus, wozu der Zukauf von C3 mehr als die Hälfte beisteuert. Insgesamt erzielte Canopy Growth von April bis September einen Umsatz von umgerechnet rund 114 Millionen Euro, mehr als dreimal so viel wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Der operative Verlust allerdings stieg im Halbjahr April bis September um knapp 60 Prozent auf umgerechnet 266 Millionen Euro. Ungeachtet des Verlusts sehen die Analysten von Bloomberg Intelligence die Wettbewerbsstärke von Canopy als beachtlich an, sowohl mit Blick auf Produktionskapazitäten, Forschung & Entwicklung sowie die Bilanz. Nach dem Ausscheiden des Firmengründers Bruce Linton im Sommer erwarten sie, dass Canopy Growth unter dem alleinigen CEO Mark Zekulin stärker Kostendisziplin hält.

Investitionen in Forschung und Entwicklung

In Europa sieht Steckler die Aufgaben des Managements derzeit vor allem darin, die Zukäufe zu integrieren und das Geschäft operativ weiter auszubauen. Aktuell beschäftigt Canopy in Europa 483 Mitarbeiter, davon 308 in Deutschland. Zugleich will das Management aber auch die Produktpalette erweitern und plant, künftig auch Cannabis-Fertigarzneimittel auf den Markt zu bringen.

Canopy investiert mit umgerechnet knapp 14 Millionen Euro im Geschäftshalbjahr vergleichsweise stark in Forschung und Entwicklung und führt verschiedene klinische Studien zum Einsatz von Cannabis als Therapie bei Schlaflosigkeit, Schmerzen oder auch Multiple Sklerose durch. Am weitesten fortgeschritten ist eine Studie mit Dronabinol als Fertigarzneimittel bei Patienten mit Multipler Sklerose, die von Bionorica initiiert wurde.

Wenn alles läuft wie geplant, könnte Canopy Growth nach Einschätzung von Steckler 2022 oder 2023 eine Marktzulassung erreichen. „Der Vorteil von zugelassenen Fertigarzneimitteln ist, dass ihr Gebrauch nicht einfach eingeschränkt werden kann. Inwieweit Cannabis-Zubereitungen oder Blüten an einen Patienten abgegeben werden dürfen, ist dagegen immer eine Frage der länderspezifischen Regelungen“, sagt er. Grundsätzlich gehe man aber davon aus, dass es immer einen Markt für individuell zubereitete Medizin geben werde.

Auch wenn der Konzern derzeit einen Fokus auf medizinischem Cannabis hat, kann sich Steckler vorstellen, in weiterer Zukunft auch in den Markt der freiverkäuflichen Cannabidiol-Produkte vorzudringen: In den Bereich Funktional Food etwa oder auch Getränke. Schließlich ist der Getränkekonzern Constellation Brands 2018 bei Canopy eingestiegen.

Im Bereich der Kosmetik ist Canopy Growth in Europa schon aktiv: Im Mai hatten die Kanadier die britischen Kosmetikmarke „This works“ gekauft, die unter anderem ein schlafförderndes Spray im Angebot hat, mit dem man sein Kopfkissen einsprühen kann. Canopy will laut Steckler jetzt wissenschaftlich untersuchen, ob die Beimischung von Cannabidiol einen tiefen Schlaf noch besser unterstützt.

Ob und wann die Legalisierung von Cannabis für den Freizeitkonsum in Deutschland oder Europa kommt, darüber mag Steckler nicht spekulieren. „Im Moment sind wir mit dem Thema medizinisches Cannabis vollauf beschäftigt. Aber auch wenn Cannabis für den Freizeitkonsum freigegeben ist, wird es den medizinischen Bedarf weiter geben. Insbesondere auch bei älteren Menschen mit chronischen Erkrankungen“, sagt er.