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Corona-Pandemie: Dem Nahverkehr fehlen mehr 3,5 Milliarden Euro

·Lesedauer: 4 Min.

Die Pandemie-Folgen sind gravierender als bislang angenommen: Kommunale Verkehrsunternehmen rechnen für 2021 mit Umsatzausfällen in Milliardenhöhe.

Weil die Fahrgäste Busse und Bahnen meiden, brechen die Umsätze ein. Foto: dpa
Weil die Fahrgäste Busse und Bahnen meiden, brechen die Umsätze ein. Foto: dpa

In Zeiten vor Corona konnten sich die 450 kommunalen und regionalen Verkehrsunternehmen oft vor Fahrgästen nicht retten. Vor allem im Berufsverkehr ging häufig gar nichts mehr: Busse, Bahnen und Metros waren proppenvoll. Fast elf Milliarden Menschen nutzten die öffentlichen Verkehrsmittel 2019 in Deutschland, das waren 30 Millionen jeden Tag – Tendenz seit Jahren steigend.

Das bescherte den Verkehrsbetrieben auch stetig wachsende Einnahmen aus dem Ticketverkauf – 13,3 Milliarden Euro waren es zuletzt. Das Geld brauchten die Unternehmen dringend, um neue Busse und Züge zu bestellen oder Fahrerinnen und Fahrer einzustellen. Allein der politisch forcierte Umstieg auf emissionsarme Elektrobusse kostet Milliarden.

Doch im Frühjahr war der Nachfrageboom jäh zusammengebrochen. Den Verkehrsbetrieben fehlten wegen des Lockdowns nicht nur Fahrgäste, sondern auch die Einnahmen. Eilig wurde daher im Frühsommer ein Hilfspaket mit dem Bund geschnürt. Fünf Milliarden Euro Staatshilfe sollte es geben – eine Hälfte davon kommt aus Berlin, die andere sollten die Bundesländer beisteuern. Das Geld wird aber nicht reichen, um auch durch das nächste Jahr zu kommen. Das ergaben jüngste Berechnungen des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegen.

Die kommunalen Unternehmen und ihr Spitzenverband VDV haben den Umsatzausfall für 2021 akribisch berechnet. Genau 3.541.388.860 Euro werden danach in den Kassen fehlen. Diese Rechnung präsentierte am Donnerstag VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff dem Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU).

Das erneute Milliardendefizit kommt etwas überraschend, waren die Betriebe des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) doch bislang davon ausgegangen, dass sich im kommenden Jahr Busse und Bahnen langsam wieder füllen. Doch die neuesten Corona-Entwicklungen gaben Anlass, noch einmal genau nachzurechnen – mit der Erkenntnis, dass vorerst und auf Sicht mit einer deutlich geringeren Nachfrage zu rechnen sei.

Verkehrsbetriebe basteln an neuen Ticketangeboten

Ursachen dafür sind nach Meinung des VDV steigende Arbeitslosigkeit, geringere Wirtschaftsleistung und vor allem die Impfpläne: Wenn Anfang des zweiten Quartals 2021 Impfstoffe zur Verfügung stünden, würden diese nach Angaben der staatlichen Impfkommission erst einmal an Risikogruppen abgegeben und erst viel später an die breite Bevölkerung. Fazit: „Wir werden frühestens 2022 zur Normalität zurückkehren“, sagte Wolff dem Handelsblatt.

Wobei die Normalität dann wohl eine andere sein wird als die in Vor-Coronazeiten: Die Fahrgastzahlen würden unter dem vorherigen Niveau liegen, erwartet Wolff. Die Verkehrsunternehmen müssten davon ausgehen, dass generell vorerst weniger Fahrgäste kommen, und daher mit flexibleren Ticketangeboten vor allem diejenigen überzeugen, die seltener fahren.

Doch genau die Gelegenheitsfahrgäste bringen den Unternehmen das Geld. Sie kaufen zwar nur 30 Prozent der Tickets, machen aber die Hälfte der Fahrgeldeinnahmen aus. Kunden mit Zeitkarten und Abonnements fahren eben viel günstiger und springen auch nicht so schnell ab.

Zumal sich viele Verkehrsunternehmen etwas haben einfallen lassen: In Nordrhein-Westfalen etwa können Kunden ihr Abo pausieren, was früher nicht möglich gewesen wäre. Damit lassen sich dann Phasen der Kurzarbeit oder Homeoffice-Zeiten überbrücken, ohne das Abonnement zu kündigen. Laut Wolff basteln die Verkehrsunternehmen zudem an neuen Ticketangeboten – beispielsweise Jobtickets, auf denen Partner auch tagsüber mitfahren dürfen. Die Deutsche Bahn hat sich schon etwas einfallen lassen: Sie bietet eine Zehnertageskarte für den Nahverkehr an.

Einnahmen brechen um bis zu 40 Prozent ein

Im Frühjahr waren die Zahlen der Fahrgäste um bis zu 80 Prozent eingebrochen. So schlimm ist die Situation derzeit zwar nicht, weil es nur ein „Lockdown light“ ist. Aber die Kundschaft hat schon die Lust verloren, mit der U-Bahn in die Stadt zu fahren. Folge: mehr als 40 Prozent Umsatzausfall für die Verkehrsunternehmen in diesen Monaten. Auch der typische Weihnachtsverkehr dürfte in diesem Jahr eher bescheiden ausfallen.

Der Verband erwartet nicht, dass sich die Lage im Winter wesentlich ändern wird. Für die ersten Monate des kommenden Jahres rechnen die Verkehrsexperten deshalb auch mit einem Umsatzausfall von bis zu 40 Prozent. Erst in der zweiten Jahreshälfte wird eine leichte Entspannung erwartet.

Immerhin gibt es einen Lichtblick: Laut VDV-Chef Wolff werden die Einnahmen für die neun Monate seit Pandemiebeginn nicht ganz so dramatisch einbrechen wie noch im Frühjahr befürchtet. „Wir werden bei rund 3,5 Milliarden Euro Defizit herauskommen. Für 2021 rechnen wir mit einem ähnlich hohen Verlust, allerdings fürs Gesamtjahr“, sagt Wolff. „Die zugesagten fünf Milliarden Euro aus dem Rettungsschirm sind voraussichtlich im April weg.“ Bund und Länder müssten dann noch einmal rund zwei Milliarden Euro drauflegen.

Wolff findet das eine „moderate Aufstockung“, weil die Unternehmen die öffentliche Mobilität aufrechterhielten. „Jeder, der zu seinem Arbeitsplatz muss, für den fährt auch weiterhin morgens der erste Bus und abends die letzte Bahn“. Minister Scheuer allerdings dürfte nicht zu den Kunden zählen, die solche Angebote nutzen.