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Busch folgt auf Kaeser – Ein akribischer Arbeiter soll künftig Siemens führen

Der Technologievorstand wird Chef von Siemens. Roland Busch, der extrem fleißige Manager, muss nun beweisen, dass er dem Posten gewachsen ist.

Da sind sich bei Siemens alle einig: Roland Busch, der künftige Konzernchef, ist ein extrem akribisch arbeitender Manager. Bis tief in die Nacht wälzt er Akten. Und der Schlaf? „Sechs Stunden sind okay, es geht auch mal eine gewisse Zeit mit fünfeinhalb, aber sicherlich nicht nachhaltig, viel mehr brauche ich dann auch nicht“, sagte er dem Handelsblatt.

Mit seiner Detailkenntnis hat Busch bereits Erfolge erzielt. Als es beispielsweise in der Bahnsparte unter seiner Verantwortung schlecht lief, arbeitete er sich bis zur letzten Schraube in die ICE-Technologie ein, um die Probleme zu verstehen. Busch bekam die Herausforderung in den Griff. Seit Jahren glänzt die Mobility-Sparte nun mit stabilen Margen.

Doch nun muss Busch beweisen, dass er auch den CEO kann. Der Aufsichtsrat berief ihn am Donnerstagabend zum Nachfolger von Joe Kaeser als Vorstandsvorsitzender der Siemens AG. Im Lauf des Jahres soll Busch immer mehr Aufgaben von Kaeser übernehmen. Offiziell soll der Wechsel dann spätestens Anfang 2021 vollzogen werden, vielleicht auch schon etwas früher.

Fachkenntnis und ein gutes Netzwerk bringt Busch, 55 Jahre alt, zweifelsohne mit. Die Arbeitnehmer bei Siemens sehnen sich schon lange nach einem Ingenieur an der Spitze. Der Physiker Busch hatte 1994 bei Siemens in der Forschungsabteilung begonnen. Dass er in Erlangen geboren ist, schadete sicher nicht, hier schlägt noch immer das Herz von Siemens.

Später kümmerte er sich unter anderem um die Integration des Autozulieferers VDO. 2008 übernahm er als Strategiechef erstmals eine zentrale Schlüsselfunktion im Konzern. Seit dem Sprung in den Vorstand 2011 kamen immer mehr Aufgaben hinzu: Zunächst die Verantwortung für die Infrastruktur, dann das Technologieressort. Inzwischen ist er auch Personalchef und seit dem vergangenen Sommer stellvertretender Vorstandsvorsitzender.

Lieber im Hintergrund

Manchen gilt Busch immer noch zu sehr als Technokrat. Er müsse nun beweisen, dass er nicht nur Mikromanagement könne, sondern auch den großen CEO, sagt ein Berater, der viel im Hause Siemens zu tun hat. Kaeser hatte sich, gerade in seiner zweiten Amtszeit, immer wieder auch zu gesellschaftlichen Themen geäußert. Den Auftritt vor Analysten beherrschte er ebenso wie den vor Beschäftigten im Görlitzer Turbinenwerk, die um ihren Job fürchteten.

Noch ist der große Auftritt nicht immer die Sache von Roland Busch, er hält sich lieber im Hintergrund. Bei der Kür der „Erfinder des Jahres“ im November 2019 moderierte der hochgewachsene Manager auf der Bühne, scherzte und sprach frei. Als die Show vorbei war, reckte er die Faust in die Luft. Er wusste, dass es gut für ihn gelaufen war. Doch das war für ihn ein Heimspiel. Als Busch gemeinsam mit Kaeser im Februar dieses Jahres auf der Hauptversammlung die Zahlen vorlegte, hingen dagegen alle an Kaesers Lippen.

Doch habe Busch eindeutig Fortschritte gemacht und arbeite intensiv an sich, sagte ein Aufsichtsrat dem Handelsblatt. Zudem seien nach der Kaeser-Show viele im Unternehmen froh, wenn es künftig etwas dezenter zugehe. Und die Rolle des CEOs sehe in der neuen Siemens AG auch anders aus: Bislang war Kaeser als Vorstandschef in aller Welt unterwegs, um zum Beispiel in Verhandlungen mit Staatspräsidenten große Kraftwerke zu verkaufen.

Doch nun spaltet der Konzern sich auf, das Energiegeschäft geht an die Siemens Energy. Der neue Siemens-Konzern, den Busch führen wird, ist deutlich kleiner. Im Mittelpunkt stehen Digitalgeschäfte. Hier, meint ein Aufsichtsrat, sei vor allem technologisches Verständnis gefragt, und da sei Busch der richtige Mann.

Auch Ex-Atos-Chef Thierry Breton, der viel mit Busch zusammengearbeitet hat, sagte dem Handelsblatt, Busch habe ein großes Verständnis für die Schnittstellen zwischen Hard- und Software. „Roland Busch liebt Technologie.“ Als Ingenieur sei er sehr offen für Innovationen. In der Tat versteht Busch die Wertschöpfungsketten in der digitalen Welt. Er versucht das papierlose Büro zu leben. In Diskussionen zeichnet er Grafiken auf seinem Tablet auf.

Aufsichtsratschef Jim Hagemann Snabe sagte über seine Wahl: „Busch vereint unternehmerische Weitsicht, Nähe zu den Kunden und ein tiefes Verständnis all der Technologien, die Siemens erfolgreich gemacht haben und auf die es in Zukunft ankommen wird.“ Der künftige Chef werde den Geschäften und den Teams bei Siemens neue Impulse geben und „sie in Zeiten, die von der digitalen Transformation geprägt sind, konsequent weiterentwickeln“.

Im direkten Gespräch ist Busch freundlich und konzentriert. Doch wie viele detailorientierte Menschen kann er auch einmal ungeduldig werden, manche nennen seinen Führungsstil etwas ruppig. Darauf angesprochen sagte er dem Handelsblatt einmal: „Wenn es so wirkt, tut mir das leid. Richtig ist: Ich bin fordernd, rede Klartext, und ich komme schnell auf kritische Punkte. Dabei versuche ich aber, stets fair zu sein. Für mich ist wichtig, dass ich mit den Menschen so umgehe, wie ich gern selbst behandelt werde, mit gegenseitigem Respekt und Wertschätzung.“ In seinem direkten Umfeld wird auch betont, dass Busch teamorientiert sei.

Keine Ego-Show

Eine Ego-Show wie zuweilen bei Vorgänger Kaeser ist eher nicht zu erwarten. Als Siemens wegen der Beteiligung an dem umstrittenen Minenprojekt in Australien an die Öffentlichkeit ging, suchte Kaeser die Öffentlichkeit und traf die Klima-Aktivistin Luisa Neubauer. Nicht wenige im Konzern meinen, dass er damit die Aufmerksamkeit der Kritiker erst recht auf Siemens zog. Busch, so sind viele überzeugt, hätte versucht, die öffentliche Diskussion zu vermeiden. Doch damit, meint ein Berater, werde er als CEO nicht immer durchkommen.

Für Busch ist es hilfreich, dass die Entscheidung vorgezogen wurde. Die vergangenen Monate waren nicht einfach für ihn. Zwar beförderte der Aufsichtsrat ihn im vergangenen Sommer zum Vize; es gab damit aber offiziell keinen Automatismus, dass er auch Chef wird. Manche raunten, der Manager müsse sich erst einmal bewähren, notfalls könne Kaeser ja noch einmal verlängern. Und Kaeser verstärkte die Spekulationen, als er im Herbst 2019 in einem Interview sagte, in der größten Not könne er noch einmal verlängern.

Doch intern hat das eher eine Solidarisierungswelle mit Busch ausgelöst. Anfang Dezember traten Busch und Kaeser dann bei einem Townhall-Meeting gemeinsam vor die Mitarbeiter. Er selbst habe Busch als Stellvertreter vorgeschlagen, betonte der Siemens-Chef. Erstmals seit 15 Jahren habe der Konzern die Chance einer geordneten Nachfolgeregelung. Busch besitze seine volle Unterstützung. Wer glaube, dass man nicht auf einer Wellenlänge sei, liege „total falsch“. Und so lobte Kaeser auch gleich die Erfolge Buschs, zum Beispiel bei der Sanierung der Bahnsparte: „Roland fixed it.“

Am Donnerstagabend dann beschloss der Aufsichtsrat nun früher als geplant die offizielle Berufung Buschs. Dieser übernimmt bereits zum 1. April die Verantwortung für die künftigen Kerngeschäfte. Er soll auch bereits die Budgetplanung für das Geschäftsjahr 2021 leiten und ab dem 1. Oktober „alle dazu relevanten Aufgabengebiete im Vorstand“.

Noch mehr Verantwortung also für den Manager, der schon jetzt mehr als genug zu tun hat. So behilft er sich zuweilen mit Multi-Tasking. Als er für die geplante Fusion der Siemens-Bahnsparte mit Alstom verantwortlich war, trafen Mitarbeiter den frankophilen Manager zuweilen morgens um fünf Uhr im firmeneigenen Fitness-Raum. Mit Kopfhörern büffelte er während des Trainings Französisch, um seine ohnehin schon ordentlichen Sprachkenntnisse weiter zu verbessern.

Auch bei einem seiner großen Hobbies geht Busch akribisch vor. Er liest gern. Eine Zeitlang wechselte er zwischen aktuellen Romanen und Büchern aus einer Liste von Klassikern der Literatur, die er sich erstellt hatte. Die Zeit zum Lesen von Literatur dürfte für den Aktenfresser Busch in den nächsten Jahren allerdings weiter knapp sein.