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Bringt ihr Ernteroboter den endgültigen Durchbruch im Indoor Farming?

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Dominik Feiden, Mario Schäfer, Hannah Brown, Marian Bolz - Gründungsteam von Organifarms.
Dominik Feiden, Mario Schäfer, Hannah Brown, Marian Bolz - Gründungsteam von Organifarms.

Wenn die Leute in den Achtzigern sich die Zukunft vorgestellt haben, dann wuchsen Obst und Gemüse 2021 in blauschimmernden Laboren. Roboter kümmerten sich um die Ernte. Stattdessen wird Obst und Gemüse unter schlechter werdenden Bedingungen noch immer auf Feldern angebaut. Und den bisweilen miesen, weil oft befristeten und unterbezahlten Job des Erntens erledigt weiter der Mensch. Wir hinken hinterher.

Scannen, pflücken, verpacken

In Konstanz aber möchte ein Unternehmen nun aufholen. Dort hat ein zehnköpfiges Team einen besonders smarten Ernteroboter entwickelt. Einen sechsachsigen, der mit einer 360-Grad-Kamera Früchte scannt, ihren Reifegrad und die Ernteklasse erkennt, sie pflückt, sortiert und in die Verpackung legt – in acht Sekunden pro Frucht.

Der Ernteroboter ist dabei erst der Anfang. Organifarms – so der Name des Startups – plant eine ganze Reihe von Maschinen: Roboter zu Bestäubung, für die Pflanzenpflege, zum Monitoring der Früchte. Alles, um Landwirtschaft besser, effizienter und nachhaltiger zu machen. Indoor-Landwirtschaft, um genau zu sein.

Seit Jahren liegt das Thema Indoor Farming im Trend. Das US-Marktforschungsinstitut Fortune Business Insights veröffentlichte im Sommer diesen Jahres einen Bericht namens „Vertical Farming Market, 2021-2028“. Darin heißt es, dass der Markt in diesem Zeitraum weltweit auf 17 Milliarden Dollar wachsen wird. Aktuell belaufe er sich erst auf drei. Führend sind derzeit die USA, am schnellsten wächst das Thema im asiatischen Raum.

Grün und effizient

Die Vorteile von Indoor Farming und dem Spezialfall Vertical Farming lesen sich ja auch recht überzeugend: Obst und Gemüse lassen sich damit dort anbauen, wo die meisten Menschen wohnen: in großen Städten. Das reduziert Transportkosten und Emissionen. Bewässerung und Dünger können viel präziser und damit effizienter eingesetzt werden. Schädlingsbefall ist im Gewächshaus kein Thema, Pestizide sind nicht nötig.

Das alles ist gut für den Mensch, gut für die Umwelt – und nicht zuletzt auch gut für den Landwirt und die Wirtschaftlichkeit seiner ganzen Branche. „Vor allem aber sehe ich einfach die Notwendigkeit, auf Indoor Farming zu setzen“, sagt Hannah Brown, Soziologin und Mitgründerin von Organifarms. „Der Klimawandel sorgt für immer schlechtere Bedingen auf dem Feld. Es gibt immer mehr Misserneten und Ernteausfälle.“ Risiken, die es im Indoor Farming nicht gibt.

Der Prototyp bei der Arbeit.
Der Prototyp bei der Arbeit.

Ein Riesenhebel, fand Brown, als sie auf der Suche nach guten Ideen im Kampf gegen den Klimawandel und für die Energiewende auf einem Hackathon in Berlin Dominik Feiden kennenlernte. Der war beim Nachdenken über die Probleme der Zukunft bereits bei Food-Produktion und Landwirtschaft angekommen. Und hatte sich als eine mögliche Lösung mit dem Thema Indoor und Vertical Farming beschäftigt. Er hatte Farmen in Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden besucht. Und erforscht, warum man da überall schon weiter war als in Deutschland.

Hohe Energiekosten, teures Personal

Sein Forschungsergebnis war relativ simpel: Hohe Energiekosten und teures Personal. Indoor-Farmen fressen eine ganze Menge Strom. Um konstant ideale Temperaturen für das Pflanzenwachstum zu schaffen, müssen die Gewächshäuser ständig geheizt oder gekühlt werden. Die Beleuchtung mit Tageslichtlampen braucht Strom, ebenso wie auch Pumpen zu Bewässerung und Belüftung.

Und dann kommt eben dazu, dass die Wartung der Systeme, Pflanzenpflege, Neupflanzung und Ernte bisher von Menschen gemacht werden müssen. „Das Thema steckt noch in einer frühen Phase. Es wurde herausgefunden, wie man Pflanzen indoor kultiviert, sie perfekt beleuchtet und mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt“, sagt Dominik Feiden, CEO und Mitgründer von Organifarms. „Aber es wurde noch nicht geklärt wie das ohne menschliches Zutun möglich ist.“

In Deutschland ist der Begriff Indoor Farming eng mit dem Namen Infarm verbunden, einem Berliner Startup, das als einer der ersten deutschen Player sichtbar mit dem Thema wurde. Infarm hat in neun Runden mehr als 400 Millionen Euro an Kapital eingetrieben und genießt internationale Aufmerksamkeit – aber die großen, die Art wie wir Essen verändernden Infarm-Farmen gibt es eben noch nicht. Und im Geschäftsbericht 2019 war von hohen Verlusten des Unternehmens zu lesen.

Schlüsseltechnologien wurden günstiger

Personal- und Versorgungskosten sind das eine, das andere sind Schlüsseltechnologien, die bisher schlicht zu teuer waren, und die dadurch die Entwicklung im Bereich Indoor Farming gebremst haben, jetzt aber deutlich weiterverbreiteter und damit günstiger sind. Wahrnehmungstechnologie, also Kameras und Sensoren. Künstliche Intelligenz, die die davon eingesammelten Daten verwertet. Und: Autonome Mechatronik, Roboter also, die durch das Gewächshaus fahren und ernten oder pflegen.

Im Prototyp von Organifarms kommt das alles zusammen, wenn er Erdbeeren scannt (Erdbeeren übrigens deshalb, weil die nach Kräutern und Salat das aktuelle Trendprodukt aus dem Indoor Farming sind) vorsichtig greift und sortiert. Dabei fährt er entweder auf Schienen, etwa über die das Gewächshaus auch geheizt wird. Oder aber, in vertikalen Konstrukten, fahren die einzelnen Regalböden zum Roboter. Organifarm kann das Produkt auf Gegebenheiten anpassen.

„Was wir da machen ist die Automatisierung komplexer und arbeitsaufwendiger Prozesse“, erklärt Hannah Brown. Und daran sind viele Interessiert: Vertical und Indoor Farmer ebenso wie die eher althergebrachten Gewächshauslandwirte. Anfang November wurde das Startup mit dem Innovationspreis Moderne Landwirtschaft ausgezeichnet. Die Expertenjury lobte unter anderem das „riesige Marktpotential“ von Indoor-Ernterobotern in einer Zukunft, die dann endlich doch da ist.

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