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„Brasilien und Lateinamerika haben deutlich an Attraktivität verloren“

Philipp Schiemer leitet Mercedes-Benz do Brasil. Im Interview spricht er über den Standort Brasilien – der nicht nur unter Präsident Bolsonaro leidet.

Herr Schiemer, Brasilien ist zum Epizentrum der weltweiten Pandemie geworden. Versagt die Regierung von Präsident Jair Bolsonaro?
Das Krisenmanagement der Regierung lässt zu wünschen übrig. Die ständigen politischen Streitereien verunsichern zusätzlich. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit Brasiliens. Doch bei aller berechtigten Kritik – die Regierung macht auch vieles richtig.

Zum Beispiel?
Sie hat schnell und effizient finanzielle Nothilfe für die Armen organisiert. Das war extrem wichtig für den sozialen Frieden. Sie hat die Arbeitsgesetze flexibilisiert, dass es bisher nicht zu Massenentlassungen gekommen ist wie in den USA. Inzwischen streitet sich die Regierung aber wieder vor allem.

Ist die Demokratie in Brasilien gefährdet?
Ich möchte nicht darüber spekulieren.

Die Regierung will aber zurück zu einem staatlich kontrollierten Wirtschaftsmodell wie unter der Militärdiktatur.
Überall auf der Welt hat in der Krise der Populismus zugenommen, weil der einfache Lösungen verspricht. Aber bisher höre ich nur, dass ein neues Wirtschaftssystem nicht wirklich verfolgt wird in dieser Regierung.

Sind von dieser Regierung noch Reformen in Staat und Wirtschaft zu erwarten?
Die Reformen stecken in der Warteschleife. Die Krise jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, heilige Kühe zu schlachten. Die Chancen für Reformen bestehen weiterhin. Da ist einiges in Bewegung. Zumal auch der Kongress die Reformen will.

Die deutsche Wirtschaft hat wegen der Reformagenda auf Bolsonaro gesetzt. Ist sie jetzt enttäuscht?
Ich würde nicht von Enttäuschung reden. Wir wissen ja, wie schwierig der politische Prozess in Brasilien ist. Ich würde mir aber wünschen, dass sie mehr Energie für die Reformen aufwendet, anstatt sich ständig auf Nebenkriegsschauplätzen zu verausgaben.

Die ausgebremste Reformagenda schadet Brasilien aber bereits jetzt.
Es ist keine Frage, dass Brasilien und Lateinamerika deutlich unattraktiver geworden sind in der Welt. Asien, die USA, auch Europa sind wichtiger. Doch der Abstiegsprozess hat schon vor Jahren unter Präsidentin Dilma Rousseff begonnen.

Was heißt das für die deutsche Wirtschaft in Brasilien?
Viele Firmen wird die Coronakrise für Jahre zurückwerfen. Vor allem für die Unternehmen der verarbeitenden Industrie und im Konsumbereich ist das ein Schlag ins Genick.

Es heißt, dass viele deutsche Unternehmen in Brasilien schon seit Jahren keine Gewinne mehr machen.
Das gilt sicherlich für einige Branchen. Wenn Sie etwa die Zahlungsbilanz der Automobilindustrie anschauen, dann wird da seit Jahren massiv von den Mutterhäusern Geld überwiesen, um den Standort am Laufen zu halten.

Die deutsche Industrie und Politik waren die maßgeblichen Treiber hinter dem Abkommen zwischen dem Mercosur und der EU. Hat der Vertrag noch eine Chance ratifiziert zu werden?
Ich halte das für extrem schwierig. Zumal ja auch die Regierung in Argentinien wieder nationalistischer denkt. Und dort ist der Reformbedarf noch deutlich höher als in Brasilien. Als Brasilien würde ich mich eher nach den USA, Europa oder China orientieren.
Herr Schiemer, vielen Dank für das Interview.