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Big Tech: Die langen Schatten der Nifty Fifty

Ausgerechnet die Vorzeigekonzerne der Techbranche haben ein fürchterliches Börsenjahr hinter sich. Glaubt man historischen Vorbildern, könnte die GAFAM-Schwäche einen Paradigmenwechsel ankündigen, wie er sich nur alle paar Jahrzehnte vollzieht.

Die GAFAs: Börsenstars der 10er-Jahre – abgehängt in den 20ern? (Foto: REUTERS/File Photos)
Die GAFAs: Börsenstars der 10er-Jahre – abgehängt in den 20ern? (Foto: REUTERS/File Photos)

Der Anblick erscheint surreal. Seit Jahresbeginn 50 bis 70 Prozent hinten – das ist nicht nur die 2022er Börsenperformance von Kryptowährungen, sondern auch von einigen der wertvollsten Konzerne: PayPal, Tesla oder Meta. Auch die noch wertvolleren Big Tech-Konzerne haben ihren Aktionären erheblichen Kummer bereitet: Apples Minus von 19 Prozent seit Januar mutet noch wie ein positives Ausrufezeichen an – Microsoft (–26 Prozent), Alphabet (–33 Prozent) und vor allem Amazon (–45 Prozent) haben 2022 noch weitaus mehr verloren.

Dabei dominierten die glorreichen Fünf, denen in der Börsenwelt mit dem Akronym GAFAM oder FAAMG ein Denkmal gesetzt wurde, für über eine Dekade die Wall Street. Ein Gewicht von fast 25 Prozent hatte das Big Tech-Quintett im marktbreiten S&P 500 vor einem Jahr zu Höchstkursen besessen – dann endet die Party.

Big Tech 2022 das ganze Jahr unter Druck

Nach dem ersten Handelstag im neuen Börsenjahr befindet sich Big Tech im Abwärtstrend. Die großen Kursgewinne schienen ausgereizt, das neue herausfordernde wirtschaftliche Umfeld in Form einer immer höheren Inflation und in der Folge immer weiter steigender Leitzinsen sollte sich als Gift für die erfolgsverwöhnten Anlegerfavoriten erweisen. Zuerst knickten die Kurse ein, dann beschleunigte sich der Ausverkauf immer massiver wie nach den jüngsten Quartalsbilanzen.

Dabei folgt der Ausverkauf durchaus bekannten historischen Mustern: Endet eine Ära, folgt auf die Börsenparty gerade bei den früheren Favoriten ein schwerer Kater. Je erfolgreicher, desto härter und gnadenloser der Selloff, weil Anleger aus einem Jahrzehnt der Zugewinne viel zu verlieren haben und beim Trendbruch nun entsprechend prozyklisch auf den Verkaufsknopf drücken – die letzten Gewinne, sofern noch vorhanden, wollen irgendwie gesichert werden. Das bekannte Bild, bei dem alle Marktteilnehmer zum symbolischen Ausgang stürmen, drängt sich auf. Hauptsache noch irgendwie raus, raus, raus!

Favoritenwechsel in jeder Dekade an der Börse

Der bemerkenswerte Aufstieg und der darauffolgende Fall von Anlegerlieblingen ist dabei nicht einmal ein neues Phänomen. Die Börse ist reich an dramatischen Favoritenwechseln. Die Nullerjahre galten gemeinhin als das Jahrzehnt der Rohstoffe und Emerging Markets. In den 90er-Jahren erlebte der Tech- und noch junge Internetsektor seinen ersten Boom.

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Die 80er-Jahre waren bestimmt vom Siegeszug der japanischen Aktien, während in der Energiekrise der 70er-Jahre wieder Rohstoffe und Schwellenländer gefragt waren. Nichts hielt für die Ewigkeit und wurde oft im folgenden Jahrzehnt von der Anlegergunst wieder fallen gelassen.

Vorbild Nifty Fifty-Aktien

Nicht anders verhielt es sich mit den Favoriten der 60er-Jahre, die als sogenannte „Nifty Fifty“-Aktien in die Geschichte eingehen sollten. In den „Swinging Sixties“ hielt eine glanzvolle Ära Einzug, der Hollywood in der Kultserie “Mad Men“ ein Denkmal gesetzt hat – die Ära war geprägt vom amerikanischen Traum des Hochkapitalismus. Coca Cola, McDonald’s, Revlon, Polaroid oder Eastman Kodak standen stellvertretend für Glamour, Genuss und Fortschrittsgläubigkeit jener Dekade.

„Mad Men“-Held Don Draper stellt seinem Kunden, dem damaligen Foto-Giganten Kodak, etwa eindrucksvoll vor, wie er sein neues Produkt, einen Diaprojektor mit dem Namen „Carousel“, zu bewerben gedenkt: "Im Griechischen bedeutet ‚Nostalgie’ wörtlich ‚die Schmerzen von einer alten Wunde’. Es ist ein Stich im Herzen, viel mächtiger als eine Erinnerung allein. Dieses Gerät ist kein Raumschiff. Es ist eine Zeitmaschine. Es geht vorwärts, rückwärts. Es führt uns an einen Ort, an den wir gerne zurückkehren würden.“ Man kennt das Gefühl von heute: Ein bahnbrechendes Trendprodukt, das seinen Besitzer emotional in seinen Bann zieht – man kann sagen, der 1962 vorgestellte Carousel war das iPhone seiner Zeit.

Kodaks Carousel: Das iPhone seiner Zeit

Ganz nebenbei ist „Mad Men“ eine Lehrstunde über den Aufstieg und Fall von Weltkonzernen. Wir tauchen ein in die Welt von Kodak, Pan Am und Bethlehem Steel, für die der aufstrebende Jungkreative Pete Campbell die griffige Headline textet: "Backbone for America" – „das Rückgrat Amerikas“. Bethlehem Steel? In den 60er-Jahren gehörte der Stahlriese zu den zehn wertvollsten Konzernen der USA. Der wertvollste seinerzeit: Pan American World Airways – kurz: Pan AM.

Es gab viel zu gewinnen in den 60er-Jahren an der Börse – wenn man die richtigen Aktien besaß, die „Nifty Fifty“-Aktien, die als „One Decision Stocks“ für den Käufer zum Selbstläufer werden sollten. Kaufen, halten reich werden, lautet das Mantra jener glitzernden Dekade. Es ging gut, bis es schiefging. In den 70ern lähmte Amerika gleichermaßen der Vietnamkrieg als auch die aufziehende Energiekrise, die für einen tiefgreifenden Wandel an der Wall Street sorgte. Mit dem steigenden Ölpreis vollzog sich ein Favoritenwechsel: Die alten, hoch gewetteten Lieblinge stürzten dramatisch ab, neue Aktien aus dem Energiesektor machten die Performance.

Sind Big Techs die neuen Nifty Fifty-Aktien?

Die Parallele zum Jahr 2022 und dem plötzlichen Einbruch der Big Techs wirkt gespenstisch: Everybody’s Darling hat sich plötzlich zum Kursgift verwandelt. Wiederholt sich die Geschichte, müssen sich Techanleger möglicherweise auf eine verlorene Dekade einstellen. Coca Cola etwa benötigte 13 Jahre, um die alten Hochs wieder zu toppen. Andere Überflieger wie Polaroid oder Kodak gingen gar pleite.

So schrill die Warnung aus der Vergangenheit sein mag, so sehr unterscheiden sich zumindest einige der heutigen Glamour-Aktien von ihren Pendants vor mehr als einem halben Jahrhundert, die seinerzeit mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGV) von 90 (Polaroid) bis 40 (IBM) turmhoch bewertet wurden. Zum Vergleich: Amazon (KGV 85) und Tesla (50) befinden sich zwar aktuell in ähnlichen Bewertungssphären, Microsoft (KGV 27) , Apple (KGV 24), Alphabet (KGV 17) und Meta (KGV 11) jedoch nicht. Die meisten GAFAMs sind damit auf den ersten Blick deutlich günstiger als die Nifty Fifty-Aktien seinerzeit.

Ob Techanleger das vor weiteren Verlusten schützt, ist die Multi-Billionen-Dollar-Frage. „Veränderung ist weder gut noch schlecht; sie ist schlicht Teil des Lebens“, sollte „Mad Men“-Held Don Draper einst feststellen. GAFAM-Aktionäre wünschten vermutlich, sie könnten zumindest etwas in die Glaskugel schauen…