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Beitragshammer für Privatversicherte: Wie ein sprunghafter Anstieg der Prämien verhindert werden könnte

Waschinski, Gregor
·Lesedauer: 6 Min.

Die Prämien in der privaten Krankenversicherung steigen 2021 deutlich. Mit einer Reform könnten Beitragssprünge für Versicherte abgemildert werden.

Verbraucherschützer fordern eine Reform der Beitragskalkulation in der privaten Krankenversicherung Foto: dpa
Verbraucherschützer fordern eine Reform der Beitragskalkulation in der privaten Krankenversicherung Foto: dpa

Privatversicherte müssen sich im kommenden Jahr auf deutlich höhere Beiträge einstellen. Der Verband der privaten Krankenversicherung (PKV) erwartet nach einer Umfrage unter Mitgliedsunternehmen im Schnitt einen Anstieg in den Tarifen von 8,1 Prozent. Einer der größten Anbieter, die Debeka, peilt ab Januar sogar eine Erhöhung von 17,6 Prozent an.

Verbraucherschützer fordern eine Neuregelung, die derartige Beitragssprünge in Zukunft verhindern soll. Auch die Versicherungsbranche wünscht sich eine Änderung der rechtlichen Vorgaben, nach denen sie die Beiträge kalkulieren muss. Doch ein Streit in der Großen Koalition verhindert eine Reform.

Die Kosten für einen Tarif in der PKV können über Jahre stabil bleiben – bis ein Beitragshammer kommt. „Die unregelmäßigen Beitragssprünge sind für die Versicherten unbefriedigend, weil sie keine Planungssicherheit haben“, sagt Lars Gatschke, Finanzexperte von der Verbraucherzentrale Bundesverband.

Die Versicherungsunternehmen müssten nach Ansicht der Verbraucherschützer dazu verpflichtet werden, ihre Beiträge jährlich anzupassen. „Wir brauchen mehr Transparenz für die Versicherten und im Markt“, so Gatschke.

Nachholeffekte sorgen für Beitragsschock

Bislang dürfen in der PKV die Beiträge nur angepasst werden, wenn die Leistungen in einem Tarif um mindestens zehn Prozent über der Kalkulation liegen. Wenn die Kostensteigerungen unter dieser Schwelle liegen, dürfen sie nicht weitergegeben werden. So können für Privatversicherte mehrere Jahre ohne Beitragsänderung vergehen, ehe es auf einen Schlag zu einem starken Anstieg kommt.

Die Beitragskalkulation in der PKV unterscheidet sich je nach Versicherer und Tarif, ein genauer Überblick über Mehrbelastungen ist daher schwierig. Aber die Richtung für 2021 ist klar: Neben der Debeka erhöhen auch andere große Anbieter, die Barmenia etwa im Schnitt um elf Prozent und die Allianz um durchschnittlich sechs Prozent.

Vergleichsweise gering fällt der Anstieg bei der Signal Iduna aus, die nach eigenen Angaben zum 1. Januar 2021 eine Beitragsanpassung von 3,9 Prozent auf den Gesamtbestand vornimmt. Bei der AXA Krankenversicherung werden die Prämien um durchschnittlich 3,6 Prozent steigen. Die Anpassung kann in einzelnen Tarifen aber höher ausfallen

„Extreme Erhöhungen passieren oft bei Tarifen mit Selbstbehalt oder knapp kalkulierten Einsteigertarifen“, sagt Gatschke. „Dort fallen Steigerungen bei den Leistungskosten besonders ins Gewicht und werden dann irgendwann nachgeholt.“

Auch die Versicherungsunternehmen sind unzufrieden mit den geltenden Regeln. „Die Politik muss endlich die gesetzlichen Vorgaben zur Beitragskalkulation modernisieren“, sagt Florian Reuther, Direktor des PKV-Verbands. „Denn die vorgeschriebenen Schwellenwerte führen oft dazu, dass es jahrelang keine Beitragsanpassung gibt, während sich die realen Kosten und Zinsentwicklungen aufstauen – um dann plötzlich wie eine kalte Dusche auf die Versicherten niederzugehen, wenn die Schwellenwerte überschritten sind.“

Allerdings sieht Gatschke einen Teil der Verantwortung auch bei der Versicherungsbranche. „Bislang gibt es einen Anreiz für die Versicherungsunternehmen, mit den Regelungen kreativ umgehen“, sagt der Verbraucherschützer. „Kurz vor dem Erreichen eines Schwellenwerts wird dann noch einmal knapper kalkuliert, um die Beitragserhöhung noch ein Jahr hinauszuzögern und sich so einen Vorteil im Markt zu verschaffen.“

Vor dem Abschluss einer privaten Krankenversicherung müssen die Unternehmen dem Interessenten in der vorvertraglichen Information die Beitragserhöhungen der letzten zehn Jahre darstellen. „Wenn Versicherungsunternehmen in vergangenen Jahren nicht erhöhen mussten, sieht das besser aus“, so Gatschke. „Für die Versicherten kommt dann nicht selten nach dem Abschluss die böse Überraschung.“

Konflikt in der Großen Koalition

Eine Umstellung auf eine jährliche Anpassung scheitert an der politischen Gemengelage in der Großen Koalition. Während sich die Union offen für eine Reform der PKV zeigt, strebt die SPD einen Systemwechsel an.

„Wir brauchen eine solidarisch finanzierte Bürgerversicherung: eine Kranken- und Pflegeversicherung, in die alle einzahlen und durch die alle die notwendigen medizinischen Leistungen bekommen, unabhängig vom Status als Beamter, Angestellter oder Selbstständiger“, sagt die für Gesundheitspolitik zuständige Vizechefin der SPD-Bundestagsfraktion Bärbel Bas. „So können die Kosten fair verteilt werden.“

Die Gesundheitsexpertin der Unionsfraktion Karin Maag wirft dem Koalitionspartner eine Blockade jeglicher Änderung der gesetzlichen Grundlagen vor – „auch jene, um die starren Regeln für Beitragsanpassungen aufzuweichen“. Es handele sich um eine „ideologische Auseinandersetzung“, die auf dem Rücken der Versicherten ausgetragen werde.

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Die CDU-Politikerin sieht Reformbedarf im PKV-System. „Es gibt viele ältere Versicherte, die durch die jetzt auch wieder steigenden PKV-Prämien stark belastet werden“, sagt sie. „Ich würde zum Beispiel gerne den Standardtarif wieder öffnen und im Basistarif Verbesserungen anmahnen, da die ärztliche Versorgung dort schwierig ist.“

Maag sagte, dass „wenigstens vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie“ Erleichterungen geschaffen wurden. So sei geregelt worden, dass Privatversicherte, die vorübergehend hilfebedürftig werden und in den Basistarif wechseln, einfacher und ohne erneute Gesundheitsprüfung in ihren Ursprungstarif zurückwechseln können.

Die Sozialdemokraten sehen die Forderung aus dem PKV-Lager nach neuen Regeln für die Beitragskalkulation mit Argwohn. Das Ziel der Versicherungsbranche sei „eine jährliche Prämienanpassung unabhängig von der Steigerung der Leistungsausgaben“, vermutet Bas.

Steigen durchschnittliche Belastungen in der PKV langsamer?

„Die Kopplung der Prämienentwicklung an die Leistungsausgaben ist sachgerecht und schützt die Versicherten“, so die SPD-Politikerin. „Helfen würde den Versicherten viel mehr, den Wechsel zwischen einzelnen privaten Versicherungen zu ermöglichen – inklusive der Mitnahme der Altersrückstellungen.“

Das würde zu mehr Wettbewerb zwischen den Versicherungen und damit zu geringeren Beitragssteigerungen führen. „Die angekündigten höheren Prämien belasten die Privatversicherten stark. Gerade viele Ältere können sich die PKV schon heute kaum noch leisten“, sagt Bas.

Die privaten Krankenversicherer weisen das zurück – und versuchen, Negativschlagzeilen mit dem Verweis auf die mittelfristige Entwicklung der finanziellen Belastung zu entkräften. Das Wissenschaftliche Institut der PKV legte Berechnungen vor, nach denen die durchschnittliche jährliche Steigerung der Beitragsbelastung im vergangenen Jahrzehnt für Privatversicherte drei Prozent betragen hat. Das sei weniger als in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), wo die Belastung der Versicherten im Schnitt um 3,3 Prozent gestiegen sei.

Reuther: „Stetigere Entwicklung“ gewünscht

Vergleiche zwischen beiden Systemen sind allerdings nicht ganz einfach. Die Prämien in der PKV hängen von Leistungsumfang, Alter und Krankheitsrisiken ab, in der GKV vom Arbeitseinkommen.

Die Beitragssätze der gesetzlichen Krankenkassen waren im vergangenen Jahrzehnt weitgehend stabil, die Abgaben für die Versicherten steigen aber mit Lohnerhöhungen. Außerdem wird die Beitragsbemessungsgrenze beim Einkommen regelmäßig nach oben angepasst – was gesetzlich versicherte Gutverdiener trifft.

PKV-Verbandschef Reuther glaubt, dass sich Privatversicherte eine „stetigere Entwicklung“ bei den Beiträgen wünschen. Für die Versicherungsbranche geht es aber auch um ein Imageproblem: Gleichmäßige Erhöhungen jedenfalls wären leichter zu kommunizieren als Meldungen über Beitragsschocks.

Mehr: Die größte private Krankenversicherung Debeka erhöht die Beiträge 2021 deutlich.