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Beatmungsgeräte aus der Autofabrik? Hersteller Dräger zweifelt daran

Der Medizintechnikkonzern glaubt nicht, dass der Plan von Donald Trump aufgeht. Viele deutsche Unternehmen leisten dennoch einen Beitrag zum Kampf gegen das Virus.

Können Autobauer die Geräte einfach so nachbauen? Foto: dpa

Seine erste große Pressekonferenz zur Coronakrise inszenierte US-Präsident Donald Trump vor wenigen Tagen als eine Gemeinschaftsaktion: Er trat unter anderem zusammen mit den Chefs des Google-Mutterkonzerns Alphabet und des Händlers Walmart auf und lobte die Anstrengungen der US-Unternehmen, dem Staat im Kampf gegen das Virus zur Seite zu stehen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verzichtet auf solche Bilder. Doch auch deutsche Unternehmen bringen sich derzeit aktiv in die Aufgabe ein.

Eine Idee, die in den USA populär ist, funktioniert jedoch wohl nicht: die Umrüstung von stillstehenden Autowerken auf Beatmungsgeräte. Zumindest zweifelt der deutsche Medizintechnikhersteller Drägerwerk an der Machbarkeit. Das Lübecker Unternehmen selbst kommt derzeit zwar an die Produktionsgrenze: 10.000 Geräte hat allein die Bundesregierung bestellt – deutlich mehr als die bisherige Jahresproduktion.

Dräger will daher Personal für einen Dreischichtbetrieb aufstocken und sucht nach Lösungen, um die Produktion und die Qualitätstests schnell hochzufahren. Doch daran, seine Technik extern weiterzugeben oder an Autohersteller zu lizensieren, glaubt das börsennotierte Unternehmen nicht.

„Die Kerntechnologie der heutigen Beatmungsgeräte – Elektronik und Software, die die Pneumatik steuern – unterscheidet sich elementar von dem Herstellungsbetrieb von Automobilherstellern“, sagt eine Unternehmenssprecherin. Die Komplexität des Outsourcings eines solchen Fertigungsbetriebs sei ziemlich hoch.

Schließlich sind solche Geräte inzwischen Hightech: „Es handelt sich bei den meisten Materialien um speziell entwickeltes Design und keine Standardteile. Sowohl die Materialqualifizierung bei den Lieferanten als auch im Produktionsbetrieb erfolgt mit speziell dafür entwickeltem produktspezifischen Test-Equipment“, erläutert die Sprecherin.

Zudem fehlen ebenso Kapazitäten bei den Lieferanten für Bauteile, die zudem von den Gesundheitsbehörden zugelassen worden sein müssen. „Neue Produktionslinien würden nur einen zusätzlichen Output generieren, wenn es auch die Zulieferindustrie verdoppelt, was aus Sicht der regulatorischen Qualifizierung kurzfristig unmöglich ist“, zweifelt die Sprecherin.

Das könnten beispielsweise einen Test von Volkswagen erschweren. Der Autohersteller will versuchen, auf seinen 3D-Druckern Teile für Beatmungsgeräte zu produzieren. Immerhin beziehen die Wolfsburger den Tüv mit ein, der sich um eine Zulassung kümmern könnte. Eine Hilfe kann die Auto-Branche jedoch sofort leisten: Volkswagen und andere Autohersteller geben gelagerte Atemschutzmasken, die eigentlich für den Arbeitsschutz im Werk vorgesehen werden, an Krankenhäuser ab.

SAP programmiert für die Regierung

Andere deutsche Unternehmen können direkt Know-how nutzen, um es in ungewöhnlichen Konstellationen einzusetzen. SAP beispielsweise sprang kurzfristig ein, als das Online-Register des Auswärtigen Amts für die Rückholung von Reisenden zusammenbrach. „Es muss einem ja jeder leidtun, der irgendwo gestrandet ist“, sagt SAP-Technikchef Jürgen Müller dem Handelsblatt. Ihn erreichte der Hilferuf am Dienstagabend.

Schnell fand sich ein virtuelles Team aus 40 Leuten in drei Zeitzonen zusammen, 23 Stunden später war die neue Lösung live. „Es macht mich stolz, dass die Kollegen das aus dem Homeoffice gestemmt haben“, sagt Müller. Technisch schwierig ist das Projekt, das auf bestehender SAP-Infrastruktur aufbaut, nicht – allerdings muss gewährleistet sein, dass die Daten der inzwischen 11.000 registrierten Urlauber und Geschäftsreisenden sicher verwahrt sind.

Überbewerten will Müller den Beitrag von SAP nicht. „Die eigentliche Arbeit fängt natürlich jetzt erst an, wenn es darum geht, die Leute nach Hause zu holen.“ Kostenlos überlassen kann SAP die Leistung dem Außenministerium nicht, da sie nach Vergaberecht wohl vergütet werden muss.

Auch Beiersdorf nutzt seine Anlagen, um außerplanmäßig zu helfen. Der Nivea-Hersteller produziert derzeit in Hamburg, Sachsen und Spanien 500 Tonnen Desinfektionsmittel, die an Einsatzkräfte und Krankenhäuser gehen sollen. Eigentlich hat Beiersdorf das Produkt nicht im Programm, verarbeitet aber Grundstoffe wie Alkohol. Um Profit geht es dabei nicht: Das Handdesinfektionsmittel soll direkt ab Werk an die benötigten Stellen gehen.

BASF stellt ähnliche Mittel in kleinerem Umfang für die Krankenhäuser in der Umgebung des Hauptwerks Ludwigshafen her. „Da unsere Produktionsmöglichkeiten sehr begrenzt sind, werden wir zunächst nur Krankenhäuser innerhalb der Metropolregion Rhein-Neckar beliefern können. So hoffen wir, die Nachfragesituation insgesamt zu entspannen“, sagt Standortleiter und Vorstand Michael Heinz.

Der Bielefelder Alpecin-Hersteller Dr. Wolff zieht die Produktion eines eigentlich erst für den Sommer zur Vermarktung geplanten Handgels vor und verteilt es in seiner Region um Bielefeld.

Bei einem knappen Gut setzen auch Textilproduzenten an. Der Hemdenproduzent Eterna hat bereits sein slowakisches Werk auf Atemschutzmasken umgerüstet und am ersten tag 13.000 Stück produziert, bald sollen es 25.000 Stück täglich sein. Möglich ist auch die Produktion von Schutzkleidung. Zugelassen sind die Atemmasken nach Unternehmensangaben derzeit allerdings nur für den slowakischen Markt.

„Eterna arbeitet aber mit Hochdruck daran, die rechtlichen Bedingungen und Einhaltung der Vorschriften für eine Lieferung in den Rest Europas möglich zu machen“, teilt das Unternehmen mit. Auch andere Mittelständler haben in dem Bereich Hilfe angekündigt. So näht Trigema waschbare Mundschutzmasken für Kliniken in der Umgebung, der Wäschehersteller Mey prüft ähnliche Schritte.