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Auto-Experte Dudenhöffer sieht Tesla im Vorteil bei Mitarbeiterbezahlung

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Tesla will bei der Bezahlung seiner Beschäftigten in Grünheide keinen Metalltarifvertrag anwenden. Das könnte die deutschen Autobauer unter Druck bringen.

Tesla will in Grünheide vom kommenden Sommer an Elektroautos herstellen. In einer ersten Stufe sind 500.000 Fahrzeuge im Jahr geplant. Foto: dpa
Tesla will in Grünheide vom kommenden Sommer an Elektroautos herstellen. In einer ersten Stufe sind 500.000 Fahrzeuge im Jahr geplant. Foto: dpa

Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht den US-Elektroautobauer Tesla bei der Bezahlung seiner Mitarbeiter am Standort Grünheide im Vorteil gegenüber deutschen Autokonzernen. Deutsche Unternehmen zeichneten sich durch viel Zeitarbeit und eine „überbordende Tarif- und Lohngruppenhierarchie“ aus. „Diesen Weg geht Tesla nicht“, sagte der Direktor des Center Automotive Research (CAR) Duisburg dem Handelsblatt.

Konzernchef Elon Musk habe vielmehr ein großes Interesse an Fertigungstiefe und dem Innovationsvorsprung, den er mit seinen Mitarbeitern erziele. „Deshalb ist Musk kein Freund von industrieweiten Abkommen und Tarifverträgen und detailversessenen, gewerkschaftlich abgestimmten Arbeitsplatzgruppierungen.“

Dudenhöffer ist überzeugt: „Die Mitarbeiter brennen für Musk nicht wegen Besitzstandssicherung, sondern wegen der Möglichkeiten, etwas zu bewegen.“ Genau das setze die konventionellen Autobauer unter Druck.

Nach Angaben der Arbeitsagentur in Frankfurt an der Oder wird der US-Elektroautohersteller in seinem neuen Werk Grünheide in der niedrigsten Lohngruppe ein Brutto-Monatsgehalt von 2700 Euro zahlen. „Für Tesla ist es kein No-Go, jemanden einzustellen, der schon längere Zeit ohne Job war oder keine abgeschlossene Berufsausbildung hat. Das ist ein Statement, das von vielen anderen Unternehmen nicht kommt“, sagte der Chef der Behörde, Jochem Freyer, dem Handelsblatt.

Diese Personen erwarte ein Einstiegsgehalt von 2700 Euro. „Die Bezahlung ist einfach mal ein Kracher für diese Ebene.“ Mit einer einschlägigen Berufsausbildung gehe es etwa bei 3500 Euro brutto pro Monat los.

Langfristig 40.000 Beschäftigte angepeilt

Laut Freyer wird Tesla den Gehaltstarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie nicht übernehmen und anwenden. Aber er finde, es sei schon „ein großer Schritt, wenn wir uns einem Industrietarifvertrag annähern“. Das setze auch andere Betriebe im Wettbewerb um Arbeitskräfte unter Druck, sagte Freyer.

Dudenhöffer sprach von einem „individuellen Weg“, den Musk gehe, um schnell mit Tech-Vorsprung zu wachsen. In den Wachstums- und Technologieprozessen lägen die großen Chancen der Mitarbeiter. „Das ist eine andere Welt als durch Besitzstand abgesicherte Verträge“, erläuterte der Experte.

Tesla will in Grünheide vom kommenden Sommer an Elektroautos herstellen. In einer ersten Stufe sind 500.000 Fahrzeuge im Jahr geplant. Im Entwurf für den Bebauungsplan der Gemeinde Grünheide ist schon die Rede von bis zu 40.000 Beschäftigten bei einer möglichen vierten Ausbaustufe.

Laut Arbeitsagenturchef Freyer werden bis Sommer 2021 zunächst etwa 7000 unbefristete Vollzeitstellen besetzt. Zum Ende der ersten Ausbaustufe im Jahr 2022 sollen 5000 weitere folgen, sagte Freyer. Der überwiegende Teil der Mitarbeiter werde sich aus einem Job heraus direkt bei Tesla bewerben.

Stockende Bauarbeiten

Ziel der Arbeitsagenturen der Region sei, dass so viele Menschen wie möglich aus Berlin und Brandenburg bei Tesla eine Chance bekämen. „Ich halte es für realistisch, dass am Ende vier von fünf Arbeitsplätzen mit Bewerbern aus der Region besetzt werden“, so Freyer. Erste Einstellungen habe es bereits gegeben. „Etliche Führungskräfte und Spezialisten sind schon an Bord.“

Tesla-Chef Musk schaltete sich vergangene Woche bei einem Besuch in Grünheide in die Mitarbeitersuche ein. Vorab hatte er per Tweet angekündigt, vor Ort persönliche Einstellungsgespräche mit Ingenieuren führen zu wollen. Und er rief dazu auf, Bewerbungen einzureichen.

Bereits Anfang September war der Firmenchef auf dem Gelände, um den Fortschritt der Bauarbeiten mit eigenen Augen zu sehen, und sagte: „Deutschland rocks“. Obwohl das Werk jeden Tag mehr Form annimmt, gibt es bislang keine endgültige Baugenehmigung durch das Land Brandenburg. Tesla baut aber mit mehreren vorläufigen Zulassungen für einzelne Bauschritte. Umweltschützer und Anwohner befürchten durch den Bau negative Folgen für die Natur.

Die Bauarbeiten stockten zuletzt teilweise. Inzwischen genehmigte das Landesumweltamt Brandenburg Baumaßnahmen im Bereich der Gießerei und des Presswerks. Ein weiterer Antrag auf Zulassung des vorzeitigen Beginns für die Lackiererei und die weitere Rodung von Wald werde bearbeitet, teilte das Umweltministerium in Potsdam am Dienstag mit.

Bei dieser „umfangreichen Prüfung“ würden auch Erkenntnisse aus der öffentlichen Anhörung von Tesla-Kritikern berücksichtigt. Musk hatte sich daher vergangenen Donnerstag auch wegen des Zeitplans mit Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) getroffen.

Die Gemeinde Grünheide will ihren Beitrag für die Genehmigung der Fabrik noch in diesem Jahr unter Dach und Fach bringen. Mitte Dezember will die dortige Gemeindevertretung über den geänderten Bebauungsplan des Areals beschließen.

„Das Land braucht für die endgültige Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz den Satzungsbeschluss“, sagte Bürgermeister Arne Christiani (parteilos). Er gehe davon aus, „der Zeitplan ist realistisch“. In dem Bebauungsplan geht es unter anderem um Straßenausbau.

Die Landesregierung sieht keine Gefahr für den Zeitplan. Die Prüfung des sechsten Antrags auf vorzeitigen Baubeginn läuft nach Angaben des Umweltministeriums ebenso wie das Verfahren zur abschließenden Genehmigung. Der Antrag wird noch geprüft, weil darin Erkenntnisse aus einer Anhörung von Kritikern berücksichtigt werden sollen.