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Auslandseinsatz in der Pandemie: Zur Not kommt der Ambulanzjet

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Unternehmen sind oft auf Auslandsreisen angewiesen. Dienstleister wie International SOS helfen beim Risikomanagement – und im akuten Notfall.

Plötzlich zeigt ein Mitarbeiter einer deutschen Firma in Kasachstan leichte Symptome, die an Corona erinnern. Der Mann informiert seinen Arbeitgeber, der nimmt Kontakt zu International SOS in Frankfurt auf. Der Berater bei medizinischen und sicherheitstechnischen Fragen rund um Geschäftsreisen vermittelt vor Ort einen Test. Der fällt positiv aus.

„Der Mitarbeiter war nicht ängstlich, aber wir hatten die Sorge, dass sich seine Symptome verstärken könnten, und haben eine Rückholung nach Deutschland empfohlen“, erzählt Stefan Eßer, der Ärztliche Leiter Zentraleuropa von International SOS. Ein Ambulanzflugzeug wird organisiert, der Mitarbeiter in einer tragbaren Isolierstation nach Berlin-Tegel geflogen und mit dem Krankenwagen in eine Klinik in Berlin-Nord gebracht. Eine gute Entscheidung, wie sich zeigt: Der Zustand des Mannes verschlechtert sich. „Mittlerweile ist er aber wieder auf dem Weg der Besserung“, freut sich Eßer.

Wie ist es möglich ist, wieder Mitarbeiter ins Ausland zu entsenden, ohne diese gesundheitlich zu gefährden? Die Pandemie stellt Unternehmen auch an diesem Punkt vor eine gewaltige Herausforderung. Gerade die deutsche Exportwirtschaft sei auf Reisen ins Ausland zwingend angewiesen, sagte Dieter Kempf, der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) vor wenigen Tagen.

Reisewarnungen und Beschränkungen müssten sich noch stärker am lokalen Infektionsgeschehen orientieren, um den grenzüberschreitenden Verkehr nicht flächendeckend zu hemmen, so Kempf. Es geht zum Beispiel um Servicemitarbeiter, die vor Ort bei den Kunden gebraucht werden, soll die Fertigung nicht zum Erliegen kommen.

„Wir bekommen verstärkt Anfragen von mittelständischen Firmen, die ihre Mitarbeiter wieder zu Kunden etwa in Indien oder in der Türkei schicken und die wissen wollen, was es zu beachten gibt“, sagt Frédéric Balme, Regional General Manager der Region Continental Europe. Auch die Gewerkschaften und Betriebsräte würden beim Mitarbeiterschutz auf klare Vorgaben pochen, gerade im Ausland.

Kosten von bis zu 50.000 Euro innerhalb Europas

Deshalb hat International SOS eine sogenannte Covid-19-Impact-Map erstellt – eine Weltkarte, auf der die Kunden schnell eine erste Bewertung der aktuellen Situation in einem Land bekommen können. Dabei geht es nicht nur um das Infektionsgeschehen, sondern auch um Fragen wie die medizinische Versorgung oder die Logistik vor Ort.

Die Möglichkeit, einen Mitarbeiter zur Not evakuieren zu können, gehört für viele Unternehmen mittlerweile zum Werkzeugkasten. „Die Rückholung ist anders als bisher bei vielen unserer Kunden ein Bestandteil der Vorsichtsmaßnahmen, es ist das Netz und der doppelte Boden für den Fall der Fälle“, berichtet Balme.

Günstig ist die Evakuierung nicht. Innerhalb Europas können bis zu 50.000 Euro pro Fluggast anfallen. Bei Langstreckenüberführungen kann die Summe auf einen mittleren sechsstelligen Betrag steigen. „Das hängt von vielen Faktoren ab, etwa von der Flugdauer, der Verfügbarkeit eines Ambulanzflugzeuges, den erforderlichen medizinischen Maßnahmen an Bord und anderen Dingen“, so Balme. Die Kosten übernimmt in der Regel der Arbeitgeber, häufig auch dessen Versicherung.

Im Schnitt hat Corona die Kosten für Evakuierungsflüge steigen lassen. Vor Beginn der Pandemie wurden erkrankte Mitarbeiter zu sogenannten medizinischen Hubs gebracht, also dorthin, wo am schnellsten die beste Hilfe gewährleistet wurde. Das waren Drehkreuze etwa in den Emiraten oder der Türkei. Doch wegen Corona-19 gelten dort nun teils strenge Einreisebeschränkungen. Also müssen die Mitarbeiter direkt in die Heimat geflogen werden, was häufig deutlich längere Wege bedeutet.

Gleichzeitig fallen derzeit Linienflüge für die Evakuierung aus. Erstens werden wegen der Reisebeschränkungen immer noch verhältnismäßig wenige durchgeführt. Zweitens würde keine Airline einen Covid-19-Erkrankten an Bord nehmen – mit Rücksicht auf die anderen Fluggäste und das eigene Personal. „Dabei wäre selbst der Einsatz eines Transports in einer Isoliereinheit in einem Linienflugzeug durchaus machbar, ohne dass das Infektionsrisiko dadurch steigt“, sagt Eßer von International SOS.

Transport in Isolationseinheit

Trotz des Aufwands zücken Unternehmen im Zweifel den Geldbeutel, wenn es darum geht, Mitarbeiter zu schützen. „Seit Jahresbeginn haben wir 450 Flüge mit Ambulanzflugzeugen organisiert, davon waren 150 im Zusammenhang mit Covid-19“, erläutert Balme.

Dabei müssen längst nicht alle Infizierten aufwendig in die Heimat zurückgeholt werden. Gerade erst habe ein Mitarbeiter einer deutschen Firma bei der Einreise in die Türkei einen Corona-Test machen müssen, der positiv ausfiel, ohne dass es Symptome gab. „Wir haben die Situation mit allen Beteiligten, auch dem Krankenhaus in der Türkei, geklärt und empfohlen, dass der 38-Jährige vor Ort in Quarantäne gehen kann“, so Eßer.

Herrschte zu Beginn der Pandemie allerorten eine große Unsicherheit in Sachen Corona, hat sich die Situation zuletzt etwas entspannt – trotz wieder steigender Infektionszahlen. „Mittlerweile weiß man, dass Corona nicht so ansteckend ist wie zunächst angenommen, wenn man gewisse Maßnahmen ergreift“, sagt Eßer. Nur Patienten, die heftige Symptome zeigten, würden deshalb mit speziellen Isolationseinheiten – einer Trage, die mit einer Plastikhülle umgeben ist und speziell belüftet wird – transportiert. Bei den meisten würde dagegen eine hochwertige Mund-Nasen-Bedeckung reichen, so Eßer.

Und noch etwas hat sich durch Corona verändert. Vor Beginn der Pandemie waren die Behörden nur selten in solche Rückholaktionen involviert. „Bei einem Beinbruch ist das nicht notwendig“, sagt Eßer: „Bei Corona gilt aber in vielen Ländern, dass die Behörden informiert werden müssen, manchmal müssen sie die Überführung auch genehmigen.“ So ist zum Beispiel ein Transport eines infizierten Nicht-EU-Bürgers nach Deutschland nur dann möglich, wenn ein Krankenhaus die Aufnahme des Patienten vorab bestätigt und die Bundespolizei zustimmt.

Trotz der Ausnahmesituation – Eßer von International SOS ist überzeugt, dass es auch in Corona-Zeiten wieder möglich ist, Mitarbeiter ins Ausland zu entsenden. „Covid-19 ist nicht so gefährlich wie zum Beispiel Ebola. Wenn man die Situation vor Ort intensiv analysiert und die entsprechenden Maßnahmen ergreift, können die Mitarbeiter auch außerhalb Deutschlands sicher arbeiten.“