Deutsche Märkte geschlossen

Was der Ausfall von Großevents die Versicherer kostet – bisher

Zahlreiche Großveranstaltungen abgesagt, die Olympischen Spiele verschoben. Für die Rückversicherer wird die Coronakrise zu einem Belastungstest.

Keine Durchfahrt: Die Olympischen Sommerspiele Tokyo 2020 wurden für 2020 abgesagt. Die Kosten werden auch Versicherer zu tragen haben. Foto: Ramiro Agustin Vargas Tabares/ZUMA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa

Thomas Bach hat lange gezögert – aber am Ende war der Druck zu stark. Der Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hat diese Woche die Sommerspiele in Tokio für das laufende Jahr abgesagt und peilt nun einen neuen Termin im Frühjahr 2021 an. Für viele Leistungssportler und Besucher bringt das nun Klarheit.

Für viele Assekuranzen bringt es aber neue finanzielle Unsicherheit. So hat in den Chefetagen der großen Versicherer angesichts der Verschiebungen bereits das große Rechnen begonnen.

Vor allem die führenden Rückversicherer, darunter der Dax-30-Konzern Munich Re, müssen sich nun wegen des zunehmenden Ausfalls von Großveranstaltungen auf deutliche finanzielle Belastungen einstellen. „Je stärker sich die Viruswelle ausbreitet, desto stärker könnte auch die Munich Re betroffen sein“, warnte das Unternehmen bereits vor wenigen Tagen im Geschäftsbericht.

In der Schaden- und Unfallsparte drohe insgesamt ein mittlerer bis hoher dreistelliger Millionenbetrag, vor allem weil der Rückversicherer Großveranstaltungen versichert habe, die nun auszufallen drohen. Allein an der Police der Olympischen Spiele in Tokio sei die Munich Re als Mitglied eines Konsortiums mit einer dreistelligen Millionensumme beteiligt, hieß es noch vor einigen Wochen.

Die Olympischen Spiele sind schließlich nicht nur ein Sportereignis, sondern ein hochprofessionelles Milliardengeschäft. Bei den Sommerspielen 2016 in Rio, in deren Vorfeld über das Zika-Virus debattiert worden war, verdiente das IOC rund 5,3 Milliarden Euro. Experten rechnen wegen der Verschiebung mit Kosten von umgerechnet bis zu 5,7 Milliarden Euro.

Versicherer zögern, Zahlen zu nennen

Die Versicherer und die meisten ihrer Kunden halten sich jedoch noch mit konkreten Zahlen bedeckt. Die Analysten der Investmentbank Jefferies schätzen, dass die Veranstalter, Fernsehanstalten und Sponsoren mit rund zwei Milliarden Dollar gegen eine Absage der Olympischen Spiele versichert sind. Dazu kämen rund 600 Millionen Dollar für Hotels und Reiseveranstalter.

Dem Online-Fachportal „The Insurer“ zufolge versichert sich das IOC üblicherweise mit nur rund 800 Millionen Dollar gegen einen Ausfall der Sommerspiele. Für die Spiele 2016 in Rio de Janeiro habe das IOC dafür Versicherungsprämien von 14,4 Millionen Dollar bezahlt. Bei den Winterspielen in Pyeongchang 2018 seien es 12,8 Millionen Dollar gewesen.

Deutliche Spuren werden die Olympischen Spiele aber wohl auf jeden Fall bei den Versicherern hinterlassen. Der Finanzchef von Swiss Re, John Dacey, hatte die Belastung seines Konzerns auf bis zu 250 Millionen US-Dollar (233 Millionen Euro) beziffert. Was eine Verschiebung den Rückversicherer kosten würde, wurde nicht gesagt. Zuvor war schon über eine Belastung von bis zu einer Milliarde Dollar durch Olympia für die Swiss Re spekuliert worden.

Auch die Hannover-Rück ist Teil des Konsortiums, das die Olympischen Spiele versichert hat. Vorstand Michael Pickel nannte vor einigen Tagen für sein Unternehmen im Fall einer Olympia-Absage eine Summe von höchstens einem mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Betrag als mögliche Belastung.

Wesentlich zugeknöpfter gibt sich dagegen der größte deutsche Rückversicherer Munich Re. Der Branchenriese wollte auch nach der Entscheidung des IOC nicht näher beziffern, wie teuer die Verschiebung für das Unternehmen werde könnte. Vorstand Torsten Jeworrek hatte Ende Februar lediglich bestätigt, dass der Münchener Konzern Teil des Konsortiums ist, das die Veranstalter gegen einen Ausfall der Spiele versichert hat.

Große Risiken gehören zum Geschäft

Laut „The Insurer“ könnten dem Konzern Belastungen von insgesamt bis zu 500 Millionen Dollar drohen, da der Dax-Konzern weitere Olympia-Risiken abseits des IOC-Vertrags versichert habe. Ein Sprecher wollte dazu nicht Stellung nehmen.

Detailliert werde sich Munich Re zu den finanziellen Folgen der Olympia-Verschiebung möglicherweise erst im Mai äußern, hieß es. Noch seien die Mitarbeiter, die weitgehend im Homeoffice verteilt sind, dabei, die Unterlagen zu sichten.

Es gehört allerdings zum Geschäftsprinzip des Dax-Konzerns, größere Risiken zu schultern. Allein die Hurrikans „Harvey“, „Irma“ und „Maria“, die im Jahr 2017 binnen weniger Tage über die Karibik, den Golf von Mexiko und den Süden der USA hinweggezogen waren und massive Verwüstungen angerichtet hatten, hinterließen bei der Munich Re damals beispielsweise eine Belastung von 2,7 Milliarden Euro.

Zusammen mit weiteren Naturkatastrophen wie dem Erdbeben in Mexiko addierten diese sich zu einer Gesamtschadensbelastung von 3,2 Milliarden Euro. Dennoch kappte der Rückversicherer damals nicht seine Dividende.

Ratingagentur senkt Einstufung

Die Ratingagentur Fitch senkte wegen Corona diese Woche ihren Ausblick für die Fundamentalfaktoren des Rückversicherungssektors. Die Ratings im Rückversicherungssektor blieben allerdings auf „stabil“. Die Branche könnte die Coronafolgen wie den Ausfall von Events, Reise- und Unfallkosten sowie Kreditausfälle stemmen, obwohl der Markt immer noch herausfordernd sei. Die Rückversicherer hätten jedoch verhältnismäßig wenig Risiken versichert und zudem Höchstsummen sowie Ausschlüsse vereinbart.

Die Absage von Großveranstaltungen wird allerdings Spuren in den Büchern der Branche hinterlassen. Im Moment gehe der Rückversicherer Hannover Rück im Worst-Case-Szenario mit einer maximalen Belastung von rund 200 Millionen Euro aus, sagte Vorstandschef Jean-Jacques Henchoz vor wenigen Tagen.

Durch die Absage von Veranstaltungen drohe dem Konzern jedoch nur maximal eine Belastung im mittleren zweistelligen Millionenbereich, sagte Finanzchef Roland Vogel. Ein Schutz gegen epidemiebedingte Umsatzausfälle ist in aller Regel nicht Bestandteil der Standardverträge.

Deutlich besser ergeht es da der Allianz. Europas größter Versicherer steigt erst ab kommendem Jahr als neuer Partner der Spiele so richtig in das Geschäft mit der Olympischen und Paralympischen Bewegung ein. Allerdings hat die Allianz-Tochter AGCS rund um Olympia 2020 bereits Risiken außerhalb des IOC-Vertrags versichert. Doch eine AGCS-Sprecherin gibt weitgehend Entwarnung. Infolge der Verschiebung rechne die Allianz-Tochter für ihr Geschäft nur mit begrenzten Schäden. Konzernchef Oliver Bäte dürfte das gern hören.
Mehr: Münchener Rück macht sich mehr Sorgen um Kapitalanlagen