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Das sind die außenpolitischen Herausforderungen dieses Jahres

Auslandsreporter des Handelsblatts berichteten Lesern beim Korrespondentenabend vom Alltag in ihren Einsatzgebieten. 2020 wird ein Jahr internationaler Weichenstellungen.

In diesem Jahr werden wichtige Weichen in der internationalen Politik gestellt: der künftige US-Präsident, die künftige Beziehung zwischen Großbritannien und der EU, Wahlen im Iran, in Südkorea und in Israel, um nur einige Ereignisse zu nennen.

Für die 30 Auslandskorrespondenten des Handelsblatts, die täglich für die Leser das weltweite Geschehen einordnen, wird es ein spannendes und anspruchsvolles Jahr werden. Auf dem Korrespondentenabend analysierten sieben von ihnen in der Handelsblatt-Zentrale in Düsseldorf die Ereignisse und gaben den rund 200 anwesenden Lesern einen tiefgründigen Einblick in ihre Arbeit.

So erzählte Brüssel-Büroleiterin Ruth Berschens, wie sich die erste Frau an der Spitze der EU-Kommission in ihrem Führungs- und Lebensstil komplett von ihrem Vorgänger unterscheidet. Ursula von der Leyen lebt anders als Jean-Claude Juncker gänzlich nüchtern und verlangt von ihrem Team deutsche Disziplin.

Brasilien-Korrespondent Alexander Busch überraschte die Gäste mit seinen Hintergründen zum umstrittenen Präsidenten Jair Messias Bolsonaro und wie er es schaffen konnte, vom politisch unbedeutenden Hauptmann vor allem durch Social Media zum wichtigsten Mann in dem Schwellenland zu werden.

Groß war der Diskussionsbedarf der Leser bei der Frage, wie es mit dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union weitergeht. Wie London-Korrespondent Carsten Volkery berichtete, ist noch völlig unklar, wie die Handelsbeziehungen zukünftig aussehen werden. Die Verhandlungen bleiben schwierig. Das verunsichert auch weiterhin die deutsche Wirtschaft.

Claudia Scholz

Großbritannien: Brexit ist teuer, aber machbar

Auch dieses Jahr wird Großbritannien ganz im Zeichen des Brexits stehen. Nach dem EU-Austritt am 31. Januar beginnen die Gespräche über die künftige Beziehung zur EU. Der konservative Premierminister Boris Johnson will die Verhandlungen bis Ende 2020 beenden, doch die Europäer halten die Zeit für zu knapp.

Nur weil das britische Parlament eine Frist in einem Gesetz festschreibe, werde die EU sich nicht zur Eile drängen lassen, bekräftigte der irische Außenminister Simon Coveney am Sonntag. Eine Verlängerung der Übergangsperiode über 2020 hinaus gilt als wahrscheinlich.

Denkbar bis Ende des Jahres wäre allenfalls ein Minimaldeal, der den zollfreien Güterhandel garantiert. Dafür müsste London aber Auflagen zu Umwelt, Arbeit, Steuern und Subventionen akzeptieren – was Johnson bislang ablehnt. Obendrein macht der Güterhandel nur einen kleinen Teil der britisch-europäischen Beziehung aus. Wichtige Bereiche wie Verkehr, Sicherheit und Energie müssen ebenfalls geregelt werden.

Weil diese Bereiche nicht allein in die Zuständigkeit der EU-Kommission fallen, sondern auch die Mitgliedstaaten betreffen, dürften die Verhandlungen langwierig werden. Johnson hofft auf einen schnellen Güterdeal, um einen Erfolg zum Ende des Jahres präsentieren zu können. Er setzt darauf, dass die Handelsgespräche nicht mehr täglich auf den Titelseiten landen, sondern nur noch die Experten beschäftigen.

Angesichts der vielen Streitpunkte dürfte es jedoch erneut zu Showdowns zwischen Brüssel und London kommen. Für Unternehmen hält die Brexit-Unsicherheit an, das britische Wirtschaftswachstum bleibt schwach. Während im Güterhandel beide Seiten die Barrierefreiheit betonen, sind die Aussichten für den Dienstleistungssektor trübe. Der britische Finanzsektor hat sich bereits damit abgefunden, künftig keinen privilegierten Zugang zum Binnenmarkt mehr zu haben. Alle großen Akteure werden ihr Geschäft künftig über EU-Töchter abwickeln. Das ist teuer, aber machbar.

Carsten Volkery

Brasilien: Bolsonaros Revolution

Nach genau einem Jahr im Amt hat sich Brasilien unter dem ehemaligen Hauptmann Jair Messias Bolsonaro als Präsident stark verändert. Das Land ist politisch gespalten, der politische Diskurs vergiftet. Bolsonaro konnte die Wahlen als Außenseiter gewinnen, der das politische Establishment herausfordern will mit dem Kampf gegen Korruption und die Linke. Mit seinen rechtsradikalen Parolen konnte er eine neue politische Anhängerschaft gewinnen, die er weiterhin mit seinen aggressiven Tiraden gegen Demokratie, Umweltschutz und Menschenrechte bedient.

Erfolgreich konnte er seinen rechtsideologischen Kurs in den Ressorts Kultur, Bildung, Familie umsetzen. Die Minister glänzen in der Öffentlichkeit mit Aussagen, wie, dass die Erde flach sei oder der russische Geheimdienst die Beatles erfunden habe, um die westliche Jugend zu unterwandern.

Im Außenministerium, für das China der globale Feind des Abendlandes und Trump der natürliche Verbündete war, ist ein neuer Pragmatismus eingekehrt. China wird als wichtiger Handelspartner und Investor inzwischen respektiert, von Trumps hohlen Versprechen ist man enttäuscht.

Eine positive Volte zeichnet sich in der Wirtschaft ab: Mit der Rentenreform, die in nur zehn Monaten durch den Kongress verabschiedet wurde, und dem weiteren ehrgeizigen Reformprogramm von Minister Paulo Guedes hat sich in der Wirtschaft ein neuer vorsichtiger Optimismus breitgemacht. Die Investitionen steigen, das Wachstum nimmt zu. Mit dem niedrigsten Leitzins und der niedrigsten Inflation seit Jahrzehnten steht Brasiliens Wirtschaft wohl vor einem profunden Aufwärtszyklus. Ein Hinweis für die Dynamik ist auch die schnell wachsende Zahl von Start-ups.

Das größte Risiko ist, dass Bolsonaro die Resultate der wirtschaftlichen Reformen zu langsam erscheinen und er versucht sein könnte, seinen wirtschaftsliberalen Ministers Guedes abzusägen. Das würde einen sofortigen Vertrauensverlust der Investoren bewirken. Positiv ist zudem, dass sich Brasiliens Demokratie und seine Institutionen wie Justiz und Medien als wehrhaft erweisen. Negativ ist, dass Brasilien in der Welt zunehmend isoliert ist.

Alexander Busch

EU: Mit neuem Führungsstil

Erstmals seit über fünfzig Jahren steht mit Ursula von der Leyen eine Deutsche an der Spitze der EU-Kommission - und erstmalig eine Frau. Doch der Start ins neue Amt verlief holprig: Nur mit einer knappen Mehrheit wurde sie vom Europaparlament zur Nachfolgerin von Jean-Claude Juncker gewählt.

Selbst aus der eigenen Partei kassierte die Christdemokratin Nein-Stimmen. Und dann lehnte das Parlament auch noch die französische Kommissarskandidatin Sylvie Goulard ab. Mit Thierry Breton wurde zwar Ersatz gefunden, dennoch verzögerte der Vorfall den Start der Kommissionschefin und ihres Kollegiums um einen Monat.

Mit Ursula von der Leyen kehrt ein neuer Führungsstil in Brüssel ein. Auf den Lebemann Juncker folgt eine Frau, die nie Alkohol trinkt, stilles Wasser bevorzugt und nach 18 Uhr nur noch Salat isst. Was deutsche Disziplin bedeutet, bekommen auch die Kommissionsbeamten zu spüren. Ursula von der Leyen lässt ihre Mitarbeiter allmorgendlich stehend zum Rapport antreten. Das geht schneller als eine Konferenz im Sitzen.

Auch für die deutschen Lobbyisten in Brüssel verändert sich viel. Anders als der vorherige deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger kann sich von der Leyen als Präsidentin nicht für deutsche Interessen stark machen, denn sie muss immer Kompromisse schmieden zwischen allen EU-Staaten. Die deutschen Lobbyisten haben daher in der Kommission ihren Ansprechpartner verloren – und weichen deshalb nun öfter auf den österreichischen EU-Kommissar aus.

Inhaltlich hat Ursula von der Leyen drei Schwerpunkte gesetzt: Klimaschutz, Digitalisierung und Geopolitik. Sie will den Kontinent bis 2050 klimaneutral machen. Darum soll sich ihr Vizepräsident Frans Timmermans kümmern. Vizepräsidentin Margrethe Vestager soll dafür sorgen, dass Europa bei der Digitalisierung nicht den Anschluss verliert. Und der neue EU-Außenbeauftragte Josep Borrell bekam den Auftrag, der EU mehr Geltung in der Welt zu verschaffen.

In der zweiten Jahreshälfte muss dann Bundeskanzlerin Angela Merkel als EU-Ratspräsidentin die EU-Finanzierung für die Jahre 2021 bis 2027 sicherstellen. Das wird schwierig: Nettozahler kämpfen gegen Nettoempfänger. Süd- und Osteuropäer streiten sich um EU-Strukturfonds. Frankreich weigert sich Agrarsubventionen zu kürzen. Und der britische Nettobeitrag fällt weg.

Ruth Berschens

USA: Gute Chancen für Trump 

Wird Donald Trump wiedergewählt? Das wird wohl stark davon abhängen, wie es den Amerikanern wirtschaftlich geht. Und da sieht es derzeit immer noch sehr gut aus. Nicht nur die Unternehmen zahlen weniger Steuern. Auch die Privatpersonen haben am Ende des Monats mehr Geld auf dem Konto.

Außerdem liegt die Arbeitslosigkeit auf einem Rekordtief – auch bei Schwarzen und Latinos. Viele neu entstandene Jobs sind nicht hochbezahlt. Aber für viele Menschen sind zwölf oder fünfzehn Dollar Mindestlohn immer noch besser als Arbeitslosigkeit.

Nicht alles läuft perfekt. So haben die Steuersenkungen von Donald Trump insgesamt nicht in der Höhe zu Investitionen in neue Fabriken und Unternehmen geführt, wie es die Regierung gehofft hatte. Stattdessen sind sie in den Rückkauf eigener Aktien geflossen, mit denen die Unternehmen künstlich ihren Aktienkurs beflügeln. Das ist oft ein Ausdruck von Ideenlosigkeit: Die Unternehmen wissen nicht, wohin mit ihrem Geld, und das liegt auch daran, dass sie durch den Handelskrieg verunsichert sind. 

Dennoch geht es den meisten Unternehmen trotz Handelskrieg unterm Strich gut unter Trump. Den Farmern hat Trump als Ausgleich für ihre weggefallenen Exporte nach China gleich zweimal zweistellige Milliardenpakete zukommen lassen. Mit dem Nafta-Ersatz und dem möglichen baldigen Deal mit China hat er zudem durchaus Verhandlungsstärke bewiesen.

Aber nicht nur die Farmer und viele Arbeiter stehen hinter Trump. Auch in der Wirtschaftselite in der Demokraten-Hochburg New York erntet Trump schon mal Standing Ovations wie bei seinem Auftritt vor dem renommierten Economic Club dort. Dort konnte man einen an‧deren, fast charmanten und selbstironischen Trump beobachten, der wenig mit dem pöbelnden Prä‧sidenten im Wahlkampf gemein hat. 

Was seinen Wahlsieg verhindern könnte, wäre ein Krieg im Nahen Osten, der sich auch auf die Wirtschaft auswirken könnte, oder ein starker Gegenkandidat oder eine -kandidatin aufseiten der Demokraten. Aber die sind zunächst mit ihrem aussichtslosen Impeachment beschäftigt.

Katharina Kort

China, USA, Israel: Trends und Gefahren der Digitalisierung

Das digitale Leben entwickelt sich überall auf der Welt weiter, doch zum Teil auf ganz unterschiedliche Weise, wie die Handelsblatt-Korrespondenten Dana Heide (Peking), Astrid Dörner (New York) und Pierre Heumann (Israel) schilderten.

In China dreht sich alles um die Handy-App WeChat. Über den Messengerdienst findet die Kommunikation statt, man zahlt damit sein Essen im Restaurant, und wenn man dem Bettler davor eine Spende zukommen lassen will, scannt man dessen QR-Code mit dem Handy und schickt ihm ein paar chinesische Yuan.

In kaum einem anderen Land ist die Digitalisierung so weit fortgeschritten wie in China. Innerhalb kürzester Zeit sind chinesische Unternehmen wie Alibaba und Tencent zu riesigen Tech-Konzernen herangewachsen. Die Lehren, die Deutschland aus dieser Entwicklung ziehen kann, sind jedoch begrenzt.

Denn ein großer Teil des Erfolgs geht darauf zurück, dass der Riesenmarkt mit mehr als 800 Millionen Internetnutzern gegen ausländische Konkurrenz abgeschottet ist: Google, Facebook, Twitter sind in China blockiert. Eines könnte sich Deutschland aber abschauen: Die Chinesen gelten als technikaffin, sie probieren gerne Neues aus – und das hilft dann auch den chinesischen Unternehmen. 

Doch die große Abhängigkeit von digitalen Diensten führt auch zu Problemen. Die Chinesen hinterlassen im Alltag Unmengen an digitalen Spuren – Daten, die auch vom chinesischen Staat zur Überwachung seiner Bürger genutzt werden können.

Datenschutz wird bei chinesischen Unternehmen nicht sehr ernst genommen. Dabei wächst weltweit die Sensibilität für Datenschutz – auch in China ist davon schon an der einen oder anderen Stelle etwas zu spüren. Darin könnte auch eine Chance für europäische Anbieter liegen, die sich an strenge Datenschutzregeln halten müssen.

Auch Amerika diskutiert verstärkt über Nutzen und Risiken von Gesichtserkennung – sowohl für den Einsatz bei Behörden als auch für Privatpersonen. Die können über sogenannte „Smart Locks“ bestimmen, wer Zugang zu bestimmten Räumen bekommt.

Die smarten Schlösser gleichen dann zuvor hochgeladene Fotos mit den Gesichtern der Besucher ab. Doch die Technologie ist längst noch nicht ausgereift und anfällig für Missbrauch. Insgesamt sind die Amerikaner deutlich kritischer gegenüber Tech-Konzernen geworden. Längst sind auch die Risiken der Technologienutzung für die mentale Gesundheit bekannt: Je mehr Zeit Teenager in den sozialen Medien verbringen, desto eher zeigen sie depressive Symptome.

Silicon-Valley-Korrespondent Alexander Demling berichtete den Lesern live von der Technikmesse CES aus Las Vegas, dass sich insgesamt eine gewisse Technologiemüdigkeit erkennen lasse. So gebe es zwar viele smarte Geräte, doch so richtig verbesserten sie den Alltag der Menschen noch nicht. Auch entwickele sich in den USA eine Gegenbewegung hin zu mehr Datenschutz.

In Israel spielt das Militär eine zentrale Rolle beim Erfolg der Hightech-Industrie. Bei der Rekrutierung werden die besten Köpfe für die „Unit 8200“ verpflichtet, eine Einheit, die Teil des militärischen Geheimdienstes ist. Dort lernen sie, mit Cyberherausforderungen umzugehen, ein Know-how, das sie später in Start-ups anwenden können.

Doch wer in Israel ein Unternehmen über eine gewisse Größe hinaus entwickeln will, kommt an einem Organigramm nicht vorbei. Und hier hat Israels Start-up-Industrie eine prekäre Schwäche. Oft werden die Start-ups von amerikanischen Firmen aufgekauft, weil sie selber beim Aufbau des Unternehmens scheitern.

Dana Heide, Astrid Dörner und Pierre Heumann