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Arbeitswelt der Zukunft: Macht die Coronakrise uns digitaler, flexibler und gleicher?

Die Pandemie hat viele Unternehmen gezwungen, umzudenken. Der neue Report der „Initiative Chefsache“ zeigt, welche Chancen und Risiken die Coronakrise für die Arbeitswelt der Zukunft bietet.

Die Coronakrise bietet auch Chancen, insbesondere für Gleichberechtigung und Inklusion. Foto: dpa

Erst die Kurzarbeit, dann die Entlassungen: Die schlechten Nachrichten von Lufthansa, BMW und anderen Unternehmen sowie die pessimistischen Arbeitsmarktprognosen insgesamt zeigen, welche negativen Folgen die Coronakrise haben mag. Dieser Tristesse stellt sich nun die „Initiative Chefsache“ mit ihrem Jahresreport 2020 mutig gegenüber.

Die Kernaussage: Die Coronakrise bietet auch Chancen, insbesondere auch für Gleichberechtigung und Inklusion. Und die Aussage hat Gewicht, weil niemand Geringeres als Bundeskanzlerin Angela Merkel seit fünf Jahren die Schirmherrin der „Initiative Chefsache“ ist. Morgen wird sie deshalb wieder auf der – in diesem Jahr erstmals virtuellen – Konferenz der Initiative sprechen.

Das Netzwerk zur Förderung eines ausgewogenen Verhältnisses von Frauen und Männern in Führungspositionen wird von 26 Unternehmen und Institutionen getragen, darunter Deutsche Telekom, Google, Siemens, Volkswagen und die Fraunhofer Gesellschaft. In diesem Jahr stand auch die „Initiative Chefsache“ vor der besonderen Herausforderung sich in der Coronakrise zu positionieren. Es siegte die Überzeugung: „Chancengerechtigkeit herzustellen und zu halten ist in der Krise wichtiger denn je“, sagt Philipp Justus, Managing Director von Google und Mitglied der Initiative Chefsache.

Für den Chefsache-Jahresreport 2020 hat das Marktforschungsinstitut Innofact deshalb gleich noch eine zweite repräsentative Umfrage durchgeführt, um zu erforschen, welchen Einfluss New Work auf die Chancengerechtigkeit der Geschlechter hat. Die erste Umfrage unter 1047 Beschäftigten fand im Januar 2020 statt. Sie gibt Auskunft darüber, wie sich New Work auf die Arbeitsrealität auswirkt.

Die zweite Umfrage unter 1029 Beschäftigten lief im April, als die deutsche Wirtschaft im Lockdown war. Sie gibt Aufschluss darüber, welchen Einfluss die Corona-Pandemie auf New Work und Chancengerechtigkeit im Arbeitsalltag hat. Teilnehmende waren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland.

Mit mehr Flexibilität die Chancengleichheit fördern

Das zentrale Ergebnis lautet: Die Coronakrise könnte für viele Arbeitnehmer auch zur Corona-Chance werden. Die Ausnahmesituation verdeutlicht schließlich mehr denn je: Die Arbeitswelt von morgen wird eine andere sein. „Die Corona-Krise hat flexible Arbeitsmodelle in kürzester Zeit in vielen Unternehmen und Organisationen zur neuen Normalität werden lassen. Im Home Office sind Kollegen und Kunden nur noch einen Videoanruf voneinander entfernt", erklärt Justus.

Jetzt gelte es, die neugewonnene Arbeitsflexibilität dauerhaft zu ermöglichen und damit mehr Chancengleichheit zu fördern. Und Julia Sperling, McKinsey-Partnerin und Leiterin der Koordinierungsteams der „Initiative Chefsache“, ergänzt: „Wenn wir jetzt nicht alles falsch machen, haben wir die Chance, uns und unsere Arbeitswelt um 30 Jahre nach vorne zu katapultieren.“

Fakt ist: New Work birgt Chancen aber auch Risiken. Nur wenn gezielt Kompetenzen gefördert, flexibles Arbeiten zum Standard gemacht, die digitale Infrastruktur weiter ausgebaut und Diversität und Inklusion gestärkt werden, wird Chancengerechtigkeit möglich. In der Pflicht stehen Arbeitgeber und -nehmer.

Dass sich Arbeitnehmer in der rapide verändernden Arbeitswelt kontinuierlich weiterbilden oder auf komplett neue Berufsbilder umschulen müssen, ist bei der großen Mehrheit der Beschäftigten nach Aussage der Chefsache-Umfragen bereits angekommen: Mehr als 80 Prozent der Befragten sehen die Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten als notwendig an.

Pandemie macht deutsche Arbeitnehmer kompetenter

So hat die Corona-Pandemie zu einem generellen Upskilling geführt. Noch im Januar sagten 35 Prozent der Beschäftigten, sie würden digitale Kompetenzen gut oder sehr gut beherrschen. Bei der Umfrage im April sah das Bild bereits anders aus: Für jede einzeln abgefragte digitale Kompetenz sahen mehr als 50 Prozent der Befragten eine Verbesserung ihres eigenen Könnens.

Besonders breit ist die Verbesserung bei Fähigkeiten der digitalen Interaktion (65 Prozent). Gerade Frauen konnten hier profitieren: Im Durchschnitt geben 15 Prozent mehr Frauen als Männer an, sich während der Krise hier stark oder sehr stark verbessert zu haben. Bei fünf von neun abgefragten Kompetenzen verbesserten sie sich stärker als die befragten Männer.

Auch die Unternehmensseite ist gefragt: Viele Chefsache-Unternehmen haben bereits früh Maßnahmen ergriffen, um vor allem Mitarbeiterinnen gezielt zu fördern: von digitalen Lernformaten (RWE, Audi) über Mentoring- (Siemens, Airbus) und Coaching-Programme (Bundesministerium der Verteidigung), Trainings on the job (Allianz, NDR) oder dem Ausprobieren neuer Methoden (NDR, BASF, KION).

„Learning on the Job funktioniert gerade bei zukunftsträchtigen Fähigkeiten, das haben die vergangenen Monate gezeigt. Jetzt ist es an der Zeit, diesen Schub zu nutzen – und zwar Unternehmen, Politik und Bildungsträger gemeinsam“, sagt Sperling von McKinsey.

„Diese Krise ist eine große Chance. Gerade Vielfalt und Inklusion sind wesentliche, erfolgstreibende Faktoren.“ Und Justus von Google erklärt: „Ich bin ebenfalls sehr zuversichtlich, dass wir diese Krise als Chance nutzen. Ein Automatismus ist es aber natürlich nicht. Es braucht Einsicht und Engagement.“