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Warum Anleger von einer Erholung am Ölmarkt kaum profitieren

·Lesedauer: 7 Min.

Ein Corona-Impfstoff könnte dem Ölpreis neuen Schwung geben. Darauf zu wetten ist aber riskant. Denn viele Investments bleiben hinter dem Markt zurück.

Die Aktie des Öl-Konzerns steht unter Druck. Foto: dpa
Die Aktie des Öl-Konzerns steht unter Druck. Foto: dpa

Wenn die Opec über die Entwicklung des Rohölmarktes spricht, ist meist eine gehörige Portion Zweckoptimismus dabei. Bis 2022, erwartet der Zusammenschluss von 13 erdölproduzierenden Ländern, soll die Ölnachfrage auf das Niveau von vor dem Ausbruch der Coronakrise zurückgekehrt sein. Für die kommenden 20 Jahre erwartet die Opec einen Wachstumsmarkt, erst in den 2040er-Jahren soll der Zenit der Ölnachfrage erreicht sein.

Damit blickt die Opec deutlich optimistischer in die Zukunft als viele multinationale Ölkonzerne, etwa Shell und BP oder die Internationale Energieagentur (IEA).

Doch selbst wenn das optimistische Szenario der Opec Realität wird: Für Anleger bedeutet das noch längst keine Entwarnung. Wer zu Jahresbeginn in Öl investiert war, etwa über börsengehandelte Ölindexprodukte (ETPs) oder Ölaktien, hat nicht nur viel Geld verloren. Auch die Möglichkeiten, von einer Erholung an den Ölmärkten zu profitieren, waren begrenzt.

Viele bei Privatanlegern populäre Produkte bleiben bei der Performance auf Jahressicht hinter den Rohölpreisen zurück. Die am Aktienmarkt oft Erfolg versprechende Strategie, investiert zu bleiben und Verlustphasen auszusitzen, hat bei Ölinvestments in diesem Jahr also bisher nicht funktioniert.

Während Tech-Aktien mitunter die Niveaus von vor der Covid-19-Krise weit übertroffen haben, hat sich der Ölmarkt noch längst nicht vom Pandemie-Schock erholt. Der wichtigste Referenzpreis für Europa, die Nordseesorte Brent, notiert derzeit bei rund 42 Dollar pro Barrel (rund 159 Liter). Seit Jahresbeginn beträgt das Minus knapp 36 Prozent.

Kaum besser sieht es in den USA aus. Texanisches Öl der Sorte WTI notiert bei rund 40 Dollar pro Fass, rund 34 Prozent tiefer als zu Jahresbeginn.

Hohe Hürden für die Opec

Von ihren Tiefs konnten sich die Ölpreise zwar erholen. Brent-Öl war zwischenzeitlich auf knapp elf Dollar pro Fass gefallen, WTI-Öl sogar auf minus 37 Dollar. Die 23 Staaten umfassende Opec-plus-Allianz um Saudi-Arabien und Russland reagierte mit einer historischen Marktintervention und nahm auf einen Schlag mehr als zehn Prozent der weltweiten Ölnachfrage vom Markt. Doch seit Mai verharrt der Ölpreis in einem vergleichsweise engen Korridor zwischen 38 und 46 Dollar pro Barrel. Anzeichen dafür, dass der Ölpreis schon bald nennenswert aus dieser Spanne ausbrechen könnte, gibt es nicht.

So schreibt Giovanni Staunovo, Ölanalyst der Schweizer Bank UBS, in einer aktuellen Studie: „Die Erholung der Nachfrage setzt sich fort, aber die einfachsten Zugewinne liegen hinter uns.“ Er erwartet, dass der Preis für Brent-Öl die Marke von 45 Dollar bis Jahresende kaum überschreiten dürfte.

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Warren Patterson, Chefrohstoffstratege der niederländischen Bank ING. „Die anhaltenden Nachfragesorgen sowie eine mögliche Rückkehr des Ölangebots aus Libyen sind eine Hürde für die Opec-plus bei der Ausbalancierung des Markts.“

Für Anleger sind das schlechte Nachrichten: Denn in der Seitwärtsbewegung der Ölmärkte liegt der wichtigste Grund dafür, dass viele Investmentprodukte noch schlechter als der Markt abgeschnitten haben. Bestes Beispiel ist der US Oil Fund, ein milliardenschwerer börsengehandelter Indexfonds (ETF) auf den US-Ölpreis WTI. Eigentlich soll der ETF den Rohölpreis eins zu eins abbilden – doch der US Oil Fund notiert auf Jahressicht rund 70 Prozent im Minus, der Verlust fällt also doppelt so hoch aus wie der Einbruch des Rohölpreises.

Weniger extrem, aber in der Tendenz ähnlich sieht es bei in Europa verbreiteten Anlageprodukten aus. So beträgt das Minus des Indexprodukts auf Brent-Öl des US-Vermögensverwalters Wisdom Tree etwa 43 Prozent. Dieser ETC schneidet damit auch schlechter ab als der Marktpreis. Das Konkurrenzprodukt der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS Xtrackers bleibt ebenfalls leicht hinter dem Markt zurück.

Indexprodukte auf den Rohölpreis leiden unter sogenannten Rolleffekten. Sie basieren auf Futures, also Lieferkontrakten, die an den Rohstoffbörsen gehandelt werden. Wer einen Future kauft, sichert sich das Recht auf eine Lieferung Rohöl zu einem bestimmten Termin, ist jedoch meist auch zur Abnahme des physischen Öls verpflichtet. Die Ölfonds sind allerdings nie an einer physischen Öllieferung interessiert. Daher müssen sie einen auslaufenden Future rechtzeitig verkaufen und durch einen länger laufenden Terminkontrakt ersetzen.

Dieses sogenannte „Rollen“ läuft weitgehend automatisiert ab, dennoch fallen dabei Kosten an. Denn üblicherweise sind länger laufende Terminkontrakte teurer als Öl zur sofortigen Lieferung. Bei den Ölpreisen, die Anleger etwa auf dem Smartphone, auf handelsblatt.com oder Finanzportalen ersehen können, bleiben diese Kosten unberücksichtigt. Sie zeigen meist den Preis des Futures mit der kürzesten Restlaufzeit.

Künstliche Knappheit

Die Rollkosten fallen immer dann hoch aus, wenn kurzfristig genügend Öl am Markt vorhanden ist, zumal die Lagerung langfristig Kosten verursacht. Und genau das ist aktuell der Fall, wie etwa UBS-Stratege Staunovo schreibt. Zwar bestehe eine leichte Angebotsknappheit. „Doch der Markt ist künstlich verknappt, nicht strukturell.“

Die Opec-Staaten förderten zwar noch immer deutlich weniger Öl, als sie könnten. Damit sicherten sie den Ölpreis vor weiteren Abstürzen. Aber die Opec-Staaten hielten eben auch extrem große Reservekapazitäten vor, erklärt Staunovo.

Die Ölexportländer können also innerhalb kurzer Zeit ihre Ölproduktion hochfahren, wenn sich die Preise leicht erholen, um die Verluste in diesem Jahr zumindest etwas zu mindern. Daher begrenzen die Reservekapazitäten der Opec den Ölpreis nach oben: „Um nachhaltig höhere Preise zu sehen, müsste der Ölmarkt vom künstlichen in ein strukturelles Defizit rutschen. Dazu müsste die Reservekapazität sinken“, schreibt Staunovo.

Dafür sei jedoch eine weitere deutliche Erhöhung der Ölnachfrage notwendig – und die könnte nur ein Impfstoff auslösen, der für eine breite Immunisierung der Bevölkerung und damit eine Normalisierung des Wirtschaftsgeschehens samt anziehender Rohstoffnachfrage sorgte.

Ähnlich sehen das die Rohstoffexperten der Commerzbank: Zwar sei eine Erholung der Ölnachfrage in China zu beobachten. Die dürfte jedoch auf Dauer nicht ausreichen, um andere Belastungsfaktoren wie die Überkapazitäten der Ölexportstaaten zu kompensieren – zumal mit einem Wahlsieg von Joe Biden bei den US-Präsidentschaftswahlen auch der Iran als Produzent auf den Weltmarkt zurückkommen könnte, meint Commerzbank-Analyst Carsten Fritsch: „Wir erwarten daher einen weiteren Rückgang der Ölpreise.“

Die Seitwärtsbewegung der Ölmärkte drückt jedoch nicht nur die Performance von börsengehandelten Indexprodukten. Sie belastet auch die Aktien der großen Ölkonzerne. Üblicherweise sind Ölaktien weniger volatil als der Marktpreis. Das zeigte sich beim großen Ölmarktcrash im März und April. Während Brent-Öl zwischen Januar und März um mehr als 60 Prozent einbrach, fiel der Index für europäische Öl- und Gaswerte, der Stoxx Europe 600 Oil & Gas, um rund 50 Prozent.

Doch inzwischen hat sich unter den Ölförderern die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Ölpreis noch lange auf einem Niveau verharren dürfte, das für viele dieser Konzerne zu niedrig ist. Die Aussichten auf Wachstum sind erst mal dahin. Shell, BP und Co. haben massiv Investitionen zusammengestrichen und ihre Dividende gekappt.

Daher notieren Ölaktien derzeit nur rund 25 Prozent über ihrem Tief vom März, während sich der Rohölpreis nahezu vervierfacht hat. Eine schnelle Erholung bei Ölaktien im April entpuppte sich als Strohfeuer. Seither entwickelt sich der europäische Branchenindex nach teils massiven Ausschlägen mehr oder weniger seitwärts, in den vergangenen zwölf Monaten verlor er gut ein Drittel. Noch trister ist die Lage nur in den USA: Das wichtigste Branchenbarometer, S & P 500 Energy Index, notiert auf Jahressicht rund 45 Prozent im Minus.

„Als Katalysator für höhere Preise“, meint UBS-Stratege Staunovo, „dürfte ein effizienter und breit verfügbarer Impfstoff wirken.“ Den erwartet er für das zweite Quartal 2021. Um davon zu profitieren, müssten Anleger jedoch den günstigsten Einstiegszeitpunkt kurz vorher abpassen – ein notorisch schwieriges Unterfangen. Und solange noch kein Schutz gegen Corona gefunden ist, dürften sowohl Indexprodukte auf Rohöl als auch Ölaktien unterdurchschnittlich abschneiden.