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ANALYSE/Sarasin: Aktienmärkte haben den Tiefpunkt noch nicht erreicht

FRANKFURT (dpa-AFX) - Seit dem Krieg in der Ukraine bewegen sich die globalen Aktienmärkte im Tiefflug. Den Tiefpunkt haben sie aus Sicht der Experten der Schweizer Privatbank J. Safra Sarasin allerdings noch nicht erreicht. "Bisher war die Korrektur an den Aktienmärkten sehr kontrolliert", sagte Sarasins Aktienstratege Wolf von Rotberg am Donnerstag in Frankfurt. "Aber die Makrodaten werden sich noch stärker im Aktienmarkt niederschlagen." Die schmerzhafte Korrektur stehe also noch bevor.

Bisher haben die Kurse fast eins zu eins die Zinsschritte der Notenbanken nachvollzogen, wie von Rotberg erklärte. Davon abgesehen hätten sich Konzerngewinne und mit ihnen die Aktienkurse robust gehalten. Kerntreiber der Profite sei allerdings vor allem der schwache Euro gewesen. Auf die Dauer dürften die Gewinne der Unternehmen wegen der trüberen Konjunktur aber abschmelzen. Das werde dann auch an den Aktienmärkten zu spüren seien.

"Sobald der Markt anfängt, die Rezession einzupreisen, werden Aktienkurse nach unten überschießen", sagte von Rotberg. Ein Problem sei, dass die US-Notenbank Fed dieses mal wenig Spielraum habe, auf einen Ausverkauf zu reagieren. "Die Fed wird vielleicht signalisieren, dass ein Ende der Zinsanstiege in Sicht ist", so von Rotberg. Aber angesichts der hohen Teuerungsrate werde sie die Zügel nicht direkt lockern können. Die Situation unterscheide sich damit grundsätzlich vom Jahr 2018, als die Fed ihren Kurs nach einigen Zinserhöhungen wieder änderte.

Es sei also nur eine Frage der Zeit, bis die sich abkühlende Konjunktur auch auf den Aktienmarkt durchschlage. Und der Konjunktur stünden zukünftig schwere Zeiten bevor. "Deutschland ist schon in einer Rezession, das ist vollkommen klar", sagte Karsten Junius, Chefvolkswirt bei Sarasin. Deutschland werde das im dritten Quartal bescheinigt bekommen, der Euroraum wegen des starken Tourismus in Südeuropa ein Quartal später.

Trends, die die Konjunktur schon jetzt belasten, dürften sich zum Teil verstetigen, so Junius. "Der Kampf um Energie hat gerade erst begonnen", so der Volkswirt. Die Lage werde auch über den Russland-Konflikt hinaus angespannt bleiben. "Wir werden die energieintensiven Branchen verlieren an Länder, in denen Energie günstiger und sicherer zu haben ist". Das betreffe 15 Prozent der Industriebeschäftigten. Vor allem große Konzerne werden Junius zufolge ihre Produktion verlagern, wenn sie können.

Unter Druck gerieten die Konzerngewinne nach "15 fetten Jahren" aber noch aus anderen Richtungen: hohe Krankenstände, anziehende Steuern, steigende Lohnkosten. "Als Arbeitnehmer habe ich aktuell keinen Anreiz, nicht konfrontativ in die Lohnverhandlung zu gehen", sagte Junius. Steigende Lohnquoten hießen im Umkehrschluss sinkende Gewinnmargen. Für die Aktienmärkte seien das nochmal schwierige Voraussetzungen.

Erstaunlich sei, so Junius, dass die Fülle schlechter Nachrichten den Investoren nicht aufs Gemüt schlage. "Im Gespräch mit unseren Kunden erleben wir eine hohe Akzeptanz für schlechte Nachrichten".