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Airbnb erholt sich – der Börsengang des Jahres scheint wieder möglich

Die Corona-Pandemie hat Airbnb hart getroffen. Nun kehren Touristen auf die Reise-Plattform zurück – auch in Deutschland.

So heimelig soll es bald wieder sein. Foto: dpa

Brian Chesky zählt nicht zu den Gründern, die ihre wahren Gefühle verstecken: „Die letzten neun Wochen waren die grauenhaftesten in der Airbnb-Geschichte“, sagte der Chef der Reise-Plattform kürzlich in einem Interview.

Die Corona-Pandemie brachte den globalen Tourismus praktisch zum Erliegen und Airbnbs Geschäft brach radikal ein. War die Zimmervermietungsplattform aus San Francisco zu Jahresbeginn noch der Darling der Technologie-Szene und der heißeste Börsenkandidat des Jahres, stand sie nun vor einem schwarzen Loch.

Nun gibt es wieder Zeichen der Hoffnung – auch in Deutschland: Die Zahl der Übernachtungen lag hierzulande in der ersten Juni-Woche um 60 Prozent höher als ein Jahr zuvor, bestätigte das Unternehmen dem Handelsblatt. In der Schweiz wurden für Mai sogar doppelt so viele Übernachtungen gebucht wie im Vorjahresmonat.

Die Zahlen sind sehr selektiv, doch auch die unabhängige Analysefirma Airdna bekräftigt den Aufwärtstrend: Demnach sanken die neuen Buchungen auf Airbnb in Deutschland von 111.000 Anfang Februar auf 36.000 Anfang April. Anfang Juni lagen sie bei 153.000.

In der Coronakrise würden viele Touristen wieder Reiseziele in ihrer Nähe entdecken, heißt es bei Airbnb. Die Mehrheit der Trips deutscher Airbnb-Nutzer dauerte zwei bis sechs Tage und fände in einer Entfernung zwischen 80 und 320 Kilometern von ihrem Wohnort statt. Also etwa Berliner, die ins Ostseebad Binz fahren oder Münchener, die ins Allgäu reisen.

Der Trend zur Naherholung ist jedoch global, sagt Airbnb. Machten die Buchungen in maximal 200 Kilometern Entfernung im Februar noch ein Drittel aller Airbnb-Buchungen aus, waren es im Mai bereits die Hälfte.

Airbnb will deshalb mit einer „Go Near“ genannten E-Mail- und Social-Media-Kampagne Reiseziele in der Nähe seiner Nutzer bewerben. Auch in anderen Märkten scheint Airbnb den Tiefpunkt hinter sich gelassen zu haben. In den USA stieg die Zahl der Buchungen von 247.000 Anfang April auf nun 833.000, in China von 37.000 auf 73.000.

Nur in Ländern, wo die Zahl der Coronafälle weiter stark steigt, schrumpft Airbnbs Geschäft nach wie vor: In Brasilien sank die Zahl der Airbnb-Buchungen laut Airdna beispielsweise von 43.000 Anfang April auf nun 27.000.

Auch die Zahl der Gastgeber auf der Plattform scheint während der Krise nicht signifikant gesunken zu sein: In Deutschland boten laut Airdna am 1. Juni rund 240.000 Menschen Zimmer auf Airbnb an, genauso viele wie Anfang Februar. In den USA sank sie dagegen von 1,31 Millionen auf 1,24 Millionen. Auch in China wurden weniger Gastgeber registriert, ihre Zahl ging deutlich zurück von 681.000 auf 529.000.

Zeitweise war jedoch ein Massenexodus der Airbnb-Gastgeber erwartet worden. Airbnb hatte Mitte März seinen Nutzern kostenlose Stornierungen zugesagt, unabhängig davon, welche Regeln die Gastgeber festgelegt hatten.

Jeder vierte Mitarbeiter musste gehen

Da mehr als 80 Prozent der Zimmermiete an die Gastgeber geht, hatte die Regeländerung viele verärgert. Airbnb reagierte später mit einem Hilfsprogramm über 250 Millionen Dollar, das Gastgebern einen Teil ihres Verlusts ersetzten sollte. Doch die Krise hat auch Airbnb durchgeschüttelt: Chesky entließ jeden vierten Mitarbeiter, strich sein komplettes Marketingbudget zusammen und akzeptierte zwei Milliarden Dollar von Investoren zu harten Bedingungen.

Fonds wie Blackrock oder Silverlake, die bei dem kriselnden Unternehmen einstiegen, erhalten nicht nur Zinsen mit einem zweistelligen Prozentsatz. Sie können zu einem späteren Zeitpunkt auch Aktien zu einem Preis erwerben, der einer Unternehmensbewertung von 18 Milliarden Dollar entspricht. In seiner letzten Finanzierungsrunde war Airbnb noch mit 31 Milliarden Dollar bewertet worden. Trotz der leichten Erholung des Geschäfts in den letzten Wochen dürfte Airbnb von diesem Wert aktuell noch weit entfernt sein.

Anfang März, als das Geschäft weltweit einbrach und Gäste Buchungen im Wert von einer Milliarde Dollar stornieren wollten, arbeitete Chesky bereits an den Dokumenten für den Börsengang. Auch jetzt will der Gründer den Börsengang immer noch nicht absagen. Einer der Gründe dürfte sein, dass die Aktienoptionen einiger langjähriger Mitarbeiter verfallen, falls das Unternehmen nicht in den nächsten Monaten an die Börse geht.

Einen Ausweg könnte eine Option bieten, mit der Chesky schon vor der Krise geflirtet hat: ein Direct Listing. Bei dieser Variante des Börsengangs verzichtet das Unternehmen teilweise auf die Unterstützung von Konsortialbanken und spart Millionen an Gebühren. Wichtiger noch: Insider können ihre Aktien sofort handeln statt sechs Monate warten zu müssen. Die Optionen der Mitarbeiter wären sofort liquide und könnten in Aktien umgewandelt werden, bevor sie verfallen.

Allerdings ist ein Direct Listing auch ein Sprung ins Dunkle. Weil keine Banken involviert sind, die per Orderbuch einen realistischen Preis ermitteln, ist ein schneller Absturz der Aktie möglich - gerade bei einem so volatilen Gesamtmarkt und einem Unternehmen, das erst allmählich aus der Krise kommt.

Fraglich, ob Chesky dieses Risiko nach den „neun grauenhaftesten Wochen in der Airbnb-Geschichte“ wirklich eingehen will.