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„Absolut beratungsresistent“ – Daimler-Betriebsratschef greift Vorstände frontal an

Murphy, Martin Hubik, Franz
·Lesedauer: 5 Min.

Arbeiterführer Michael Brecht wirft dem Daimler-Management schlechten Stil, Einseitigkeit und falsche Prioritäten vor. Er droht mit ernsten Folgen.

Der Konzern baut mit seinem chinesischen Investor Geely ab 2024 im großen Stil Vierzylinder-Benzinmotoren in Fernost statt in Europa. Foto: dpa
Der Konzern baut mit seinem chinesischen Investor Geely ab 2024 im großen Stil Vierzylinder-Benzinmotoren in Fernost statt in Europa. Foto: dpa

Als oberster Interessenvertreter von mehr als 170.000 Mitarbeitern in Deutschland zählt Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht zu den mächtigsten Gewerkschaftern der Republik. Der 55-Jährige gilt als harter, aber besonnener Verhandler, der mit jedem noch so bockigen Manager irgendwie zurande kommt und am Ende einen Kompromiss erzielt.

Die Folge: Seit Brecht 2014 zum Arbeiterführer bei dem Mercedes-Hersteller aufstieg, herrscht in Stuttgart stille Eintracht. Das war bei dem Autobauer lange anders. Unter Brechts Vorgänger Erich Klemm stritten die Führungsriege und die Belegschaftsvertreter über Jahre hinweg wie die Kesselflicker.

Nun droht aber ein Rückfall in solch vergessen geglaubte Zeiten. Denn der eigentlich auf Harmonie gepolte Brecht wirft dem achtköpfigen Daimler-Vorstand um Konzernchef Ola Källenius vor, den Betriebsfrieden durch einen überzogenen Sparkurs mutwillig zu gefährden.

„Der Vorstand schießt übers Ziel hinaus. Die Belegschaft ist doch nicht der Feind“, sagte Brecht dem Handelsblatt. Der stellvertretende Aufsichtsratschef des Dax-Konzerns beklagt, dass die Argumente der Betriebsräte vom Management teils gar nicht mehr gehört würden. Das Verhältnis zueinander sei daher angespannt. „Eine Beziehung, in der man sich weigert, aufeinander zuzugehen, hält nicht lange. Wir sind an einem kritischen Punkt“, konstatiert Brecht.

Der jüngste Streitpunkt: Daimler baut mit seinem chinesischen Investor Geely ab 2024 im großen Stil Vierzylinder-Benzinmotoren in Fernost statt in Europa. „Wichtig ist für uns, dass die deutschen Standorte bei weitreichenden Produktentscheidungen wie beispielsweise der neuen Motorengeneration eine faire Chance erhalten und beim Zuschlag in Betracht gezogen werden“, erklärte Brecht: „Das war hier nicht der Fall.“

Kooperation mit Geely sorgt für Streit

Konkret stört den Arbeiterführer, dass das Daimler-Stammwerk in Stuttgart-Untertürkheim, in dem 4000 Stellen im Zuge der Antriebswende zur Disposition stehen, für die Vierzylinder-Fertigung noch nicht einmal in Erwägung gezogen worden ist. „Das ist ein schlechter Stil, mit dem wir uns leider immer häufiger konfrontiert sehen“, sagte Brecht. Die Stimmung im Betrieb sei schlecht, die Beschäftigten seien gereizt.

„Alle bei Daimler wissen, dass wir in einer schwierigen Situation sind, aber muss man die Leute wirklich beinahe zu Tode erschrecken?“, fragt Brecht und nennt als Beispiel das Motorenwerk in Berlin-Marienfelde. In der ältesten Fabrik von Daimler könnten infolge eines weitgehenden Investitionsstopps mehr als die Hälfte der 2500 Jobs in den kommenden Jahren wegfallen. „Das ist keine Verhandlungsgrundlage, das wäre der Anfang vom Ende des Berliner Werks“, sagte Brecht.

Sorgen bereiten dem Betriebsrat aber nicht nur die heimischen Auto- und Komponentenfabriken, sondern auch das schwächelnde Lastwagengeschäft. „Im Truck-Bereich gibt es Pläne, denen zufolge ganze Standorte in den kommenden Jahren um 30 oder 40 Prozent schrumpfen könnten“, warnt Brecht. „Ohne jede Not kündigt man jetzt auch noch Tausenden Sachbearbeitern die 40-Stunden-Verträge. Das Management agiert hier absolut beratungsresistent“, sagte der Arbeiterführer.

So polternd ist Brecht noch nie zuvor bei Daimler in Erscheinung getreten. Der gelernte Schlosser entschärft kritische Themen mit dem Management meist im Vorfeld und versucht so, jedwede Eskalation zu vermeiden. Brecht gilt als Arbeiterführer, der für die Belegschaft brennt, aber zugleich in der Lage ist, sich in die Zwänge des Führungskaders hineinzuversetzen. 2011 schloss der Familienvater mit starkem badischem Akzent sogar ein berufsbegleitendes Studium beim Malik-Management-Zentrum in St. Gallen ab. Die Grenze zwischen Arbeiter- und Kapitalseite scheint bei Daimler aber selbst für ihn kaum noch überwindbar zu sein.

Konzertierte Aktion über alle Standorte hinweg

Der Grund: In Summe würden sich gerade alle Beschäftigten bedroht fühlen, erläutert Brecht und sendet eine deutliche Warnung an die Konzernspitze: „Wenn der Vorstand weiter einseitig Entscheidungen fällt und uns nur noch über das Ergebnis informiert, wird das schwerwiegende Folgen für die Beziehung zu uns Arbeitnehmervertretern haben.“

Aus Sicht der Arbeitnehmervertreter kann der Wandel von Daimler zu einem nahezu klimaneutralen Fahrzeughersteller bis 2039 nur im Schulterschluss mit der Belegschaft gelingen. Darauf wollen die Betriebsräte des Konzerns und die IG Metall kommende Woche in einer konzertierten Aktion über alle Standorte und Tochterfirmen hinweg aufmerksam machen.

„Das gab es bei Daimler noch nie“, sagte Brecht und droht: „Wenn auch dieser Protest nicht verfängt, werden die Entscheidungen schwerer werden, bei denen der Vorstand unsere Zustimmung benötigt.“

Der Daimler-Betriebsratschef fordert vom Management eine Vorwärtsstrategie, die hierzulande Jobs sichert. „Nur Restrukturieren geht nicht, das hat mit Unternehmertum nichts zu tun, wir müssen parallel Perspektiven schaffen, das Geschäft nach vorne treiben.“ Dabei hänge er nach eigenem Bekunden keineswegs am Verbrenner. Ihm sei viel wichtiger, dass der Konzern in neue Technologien und Geschäftsfelder in der Bundesrepublik investiere.

Der seit vergangenem Jahr amtierende Källenius engagiere sich da zu wenig: „Wir brauchen mehr Fertigungstiefe bei der Elektromobilität“, sagte Brecht. Aus Sicht der Betriebsräte und einiger Manager sollte Daimler stärker in eigene Fertigungen für Batteriezellen und andere Komponenten für Elektrofahrzeuge investieren. Bisher kauft Daimler etwa die Zellen für seine Elektroautos von asiatischen Herstellern zu und baut nur die komplette Batterie in den eigenen Werken selbst zusammen.

Für Brecht ist das zu wenig: „Es ist ein Irrglaube anzunehmen, draußen wäre alles viel günstiger.“ Daimler könne viele Produkte fürs Stromzeitalter selbst genauso gut herstellen, mitunter sogar besser und billiger.

Als Beispiel nennt er die Produktion von Achsen für die elektrische G-Klasse. Die könnte die Marke mit dem Stern in Kassel produzieren. „Dort haben wir alle Kompetenzen und Anlagen. Aber dafür müssten wir zuvor Entwickler bereitstellen“, konstatiert Brecht: „Auf diese Idee kommt der Vorstand aber nicht. Warum?“