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Nach 5 Jahren als Software-Entwickler bei Google wurde ich gefeuert — darum hat sich das positiv auf meine Karriere und meine mentale Gesundheit ausgewirkt

·Lesedauer: 8 Min.

Im April 2015 wurde ich von meinem ehemaligen Arbeitgeber entlassen. Fast fünf Jahre hatte ich bei Google in Zürich gearbeitet. Etwa ein Jahr zuvor hatte ich einen Burn-out. Meine Produktivität sank von da an rapide. Zuvor hatte ich pro Woche etwa fünf Änderungen an der Codebasis unternommen und mir die alle zu einem Projekt gehörenden Quelltextdateien vorgenommen. Nach dem Burn-out kümmert ich mich im Durchschnitt nur noch um eine Änderung pro Woche. Und das bei demselben Projekt, derselben Umgebung und denselben Rahmenbedingungen. Hätte man meine Produktivität in einem Graphen dargestellt, wäre die Kurve ganz plötzlich sehr steil abgefallen.

So konnte es also nicht weitergehen. Ich musste etwas ändern. Ich wechselte das Team und in einen anderen Aufgabenbereich – in die semantische Suche. Doch das sollte sich später als Fehler herausstellen. Die semantische Suche ist eine Suchmethode, bei der die Bedeutung einer Suchanfrage in den Mittelpunkt gestellt wird. Mithilfe von Hintergrundwissen wird bei einer semantischen Suchmaschine die inhaltliche Bedeutung eines Textes berücksichtigt. Diese optimiert die Suche. Das Problem dabei: Die Suche ist das größte und komplexeste Produkt bei Google. Außerdem beschäftigt es eines der intelligentesten Teams im Unternehmen überhaupt.

Meine Leistungsfähigkeit wurde einfach nicht besser, sondern nahm noch weiter ab

Zu diesem Zeitpunkt begann sich auch mein Verhältnis zum Manager und Teamleiter zu verschlechtern. Sie hatten mich ins Team geholt in der Hoffnung, einen Mehrwert von mir zu erhalten. Doch diesen konnte ich damals nicht liefern. Der erste Instinkt meines Vorgesetzten war es, mich zu disziplinieren. Er ließ mich überwiegend vor dem Computer sitzen und überwachte jeden meiner Arbeitsschritte. Wann ich ankam, wann ich ging, was ich während meiner Arbeitszeit tat. Das war nicht nur unangenehm, es wirkte sich auch noch zusätzlich negativ auf meine Leistungsfähigkeit aus.

Wenn ich mich in privaten Gesprächen außerhalb der Arbeit erwähnte, dass ich unzufrieden sei, wurde ich gefragt, warum ich nicht einfach kündigen würde. Ich sagte, ich sei mit meinem Gehalt bei Google sehr zufrieden und würde es nicht missen wollen. Damals waren es umgerechnet rund 152.000 Euro im Jahr. Ich dachte zu diesem Zeitpunkt, wenn Google mit meiner Leistung unzufrieden sein sollte, könnten sie mich ruhig entlassen. Aber von selbst kündigen würde ich nicht.

Ich kam in ein Leistungsverbesserungsprogramm

Ein Leistungsverbesserungsprogramm ist eine formelle Vereinbarung zwischen Arbeitgeber und Angestellten, in der genau festgelegt ist, wie viel Arbeit die oder der Angestellte in einem bestimmten Zeitraum zu leisten hat. In meinem Fall sollte dieses Programm zwei Monate lang laufen.

Bereits nach einer Woche wurde mir allerdings klar, dass ich die vereinbarten Zielsetzungen einfach nicht erreichen würde. Ich verbrachte meinen Tag hauptsächlich damit, auf den Bildschirm zu starren. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Ich hatte alles bildlich vor mir. Doch ich konnte mich nicht dazu bringen, meine Arbeit zu erledigen. Ich verzweifelte zunehmend. Also ging ich kurze Zeit später zu meinem Vorgesetzten und sagte ihm, dass ich das Leistungsverbesserungsprogramm wahrscheinlich nicht überstehen würde.

Ein Gespräch mit der Personalabteilung und dem Leiter des Unternehmens folgte. Mir wurde gesagt, ich würde wegen "groben Fehlverhaltens“ entlassen werden. Dieser Kündigungsgrund hatte zur Folge, dass ich von Google die ersten drei Monate nach der Entlassung keine Arbeitslosenunterstützung erhalten würde. Wäre ich aus einem anderen Grund entlassen worden, hätte das Unternehmen laut meinem Vertrag noch drei Monate nach meinem Ausscheiden mein Monatsgehalt und meine Sozialabgaben zahlen müssen.

Noch bevor die zwei Monate des Leistungsverbesserungsprogramms abgelaufen waren, erhielt ich eine Woche nach dem Gespräch mit der Personalabteilung meine Kündigung. Ich gab also mein Arbeitsequipment an Google zurück und mein Google-Angestelltenkonto wurde geschlossen. Mein Manager begleitete mich aus dem Gebäude. Das Ganze dauerte zehn Minuten. Wir gingen in ein nahegelegenes Café, wo er mir ein Getränk ausgab. Wir unterhielten uns.

Jetzt verstehe ich, dass mein Vorgesetzter auf eine solche Situation nicht vorbereitet war

Mein Chef war ein ausgezeichneter Ingenieur und ein sehr kluger Mann. Unter anderem aus diesem Grund wurde ihm die schwere Aufgabe übertragen: sich um mich zu kümmern. Doch selbst ein erfahrener Manager mit vielen Jahren Erfahrung in einer Führungsposition hatte Schwierigkeiten, jemanden mit Burn-out zu betreuen.

Mein Vertrag hatte eine einmonatige Kündigungsfrist. Einen Monat war ich noch offiziell angestellt und bezog ein volles Gehalt, obwohl ich nicht mehr arbeitete. Google stellte mir ein ausgesprochen positives Arbeitszeugnis aus, ohne auch nur ein Wort über meine Produktivitätsprobleme zu erwähnen.

Für mich war dieser ganze Prozess sehr unangenehm. Ich ärgerte mich, ich hatte mehr Empathie seitens des Unternehmens erwartet. Auch heute noch bin ich der Meinung, sie hätten anders mit der Situation umgehen müssen. Ich möchte aber betonen: Ich fechte meine Entlassung nicht an — nur die Art und Weise, wie sie zustande kam. Es ist ein wahnsinnig unangenehmes Gefühl, wenn die Vorgesetzten einem nicht vertrauen.

Ich hätte früher einen Arzt aufsuchen müssen

Kein Mensch rechnet damit krank zu werden. Vor allem erwartet niemand, Krebs, Diabetes oder Depressionen zu entwickeln, selbst wenn man sich darüber im Klaren ist, dass sowas natürlich möglich ist. Weder ein gesunder Lebensstil noch perfekte Gene können uns Menschen davor bewahren. Es kann jede und jeden treffen.

Einige Zeit nach meiner Kündigung beschloss ich, einen Arzt aufzusuchen. Relativ schnell wurde bei mir eine Depression diagnostiziert. Ich erhielt Medikamente und begann eine Therapie.

Depressionen zehren an unserer Motivation. Auch an der Motivation, etwas gegen die fehlende Motivation zu unternehmen. Und dazu gehört, zum Arzt zu gehen. Doch das ist der entscheidende Punkt, wenn nicht sogar der wichtigste: sich zu überwinden, sich Hilfe zu suchen. Nur dann kann die Krankheit behandelt werden.

Ich musste lernen, dass einige meiner Symptome keine Anzeichen für einen Burn-out waren. Ich hatte ein geringes Selbstwertgefühl, teilweise auch Suizidgedanken. Ich musste erst lernen, dass diese Gedanken Anzeichen für eine schwerwiegende Depression waren. Dementsprechend dauerte es einige Zeit, dass ich in der Lage war, mir Hilfe zu suchen. Jetzt, sechs Jahre später, bin ich froh, dass ich bei Google gefeuert wurde und mich mit mir selbst auseinandersetzen musste. Es hat mir geholfen, von meiner Depression und dem Burn-out zu genesen.

Google ist meiner Meinung nach eine Honigfalle

Google als Arbeitgeber wirkt verlockend. Die Bezahlung ist gut. Man ist von unglaublich klugen Leuten umgeben. Die Versorgung mit Essen und Getränken könnte nicht besser sein. Im Allgemeinen hat man wenige Probleme. Das macht das Unternehmen zu einem attraktiven Arbeitgeber. So war es auch in meinem Fall. Also blieb ich und blieb ich und blieb ich. Doch das war ein Fehler. Allerdings merkte ich das erst mit meinem Burn-out. Es zwang mich dazu, mein Leben zu überdenken, mein eigenes Denken und Verhalten zu reflektieren. Ich habe alles infrage gestellt, was vorher für mich gegeben war.

Mit meiner Kündigung hatte ich plötzlich mehr Zeit. Ich dachte darüber nach, was ich erlebt hatte, was meine Vorstellungen von der Zukunft waren und wie ich die Gegenwart gestalten mochte. Das war nicht unbedingt leicht. Programmieren war für mich bislang das einzige, was ich gemacht habe. Als das plötzlich weg war, war ich verwirrt. Seitdem habe ich ein paar Mal den Job gewechselt. Ich hatte die Gelegenheit, in völlig unterschiedlichen Umgebungen und an verschiedenen Projekten zu arbeiten. Erst war es schlimm für mich gefeuert zu werden. Bis ich realisierte, dass sich mir dadurch eine Masse an neuen Chancen bieten würde.

Was ihr tun solltet, wenn ihr euch in einer Situation befindet, die nach einem Burn-out aussieht

Während ihr von meinen Erfahrungen lest und glaubt, euch darin wieder zu erkennen, empfehle ich euch als erstes, einen Arzt aufzusuchen. Viele Menschen leiden an Depressionen und Burn-out. Es gibt eine Fülle an Forschungsergebnissen zu der Verschränkung der beiden Erkrankungen. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befassen sich mit der Erforschung, Behandlung und Bewältigung dieser Krankheiten. Nutzt deren Fachwissen und versucht nicht, eure Probleme mit euch selbst auszumachen.

Außerdem lege ich euch ans Herz: Akzeptiert euren Zustand und eure Gefühle. Versucht nicht, die verbleibende Kraft dadurch zu steigern oder zu verbessern, indem ihr euch mit der Arbeit quält. Es wird euch nicht zu einem glücklicheren oder gesünderen Menschen machen – im Gegenteil. Es macht es häufig noch schwerer. Versucht, mit euren Kolleginnen und Kollegen, Vorgesetzten, Familie sowie Freundinnen und Freunden über eure Gedanken zu sprechen. Schon das kann dabei helfen, sich der Situation anzunehmen und nach Lösungsansätzen zu suchen.

Manchmal ist es gut, eine Pause zu machen, um sich neu zu orientieren. Wie lang die sein sollte, das ist für jeden unterschiedlich. Aber denkt immer daran, dass all eure Fähigkeiten, all eure Erfahrungen und euer gesamter Charakter euch immer bleiben. Auch wenn ihr eine Pause im Job nehmen oder ihn sogar kündigen würdet. Zudem werden sich euch immer neue Möglichkeiten ergeben.

Ich lebe noch immer in der Nähe von Zürich und mir geht es gut. Ich arbeite in einer Software-Entwicklungsfirma einer autonomen Flugsteuerungssoftware. Ich habe ein hervorragendes Team aus neugierigen Menschen mit unglaublich diversen Fähigkeiten: von Optik, 3D-Druck und Chipdesign, über Luftfahrtzertifizierung und maschinellem Lernen, bis hin zu Fachwissen über Düsentriebwerke oder Entrepreneurship.

Ich würde also sagen, dass am Ende für mich alles gut gegangen ist. Mein Burn-out war gewissermaßen ein hilfreicher und notwendiger Weckruf. Manchmal brauchen wir eben einen Tritt in den Hintern.

Dieser Artikel wurde von Julia Knopf aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.

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