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Was 2020 am Aktienmarkt interessant werden könnte

Auch im neuen Jahr sollten Anleger das große Ganze an der Börse im Auge haben. Sich in einzelnen Branchen umzuschauen, kann aber nicht falsch sein.

Eigentlich ist jedes Börsenjahr im Vorfeld nicht viel mehr als eine Wundertüte. Aber gerade daher ist offensichtlich auch für viele die Verlockung so groß, einen detaillierten Ausblick abzugeben – selbst wenn einleuchtend ist, dass konkrete Prognosen in der Regel zum Scheitern verurteilt sind. Das gilt natürlich auch für 2020. Aber Gedankenspiele sollten erlaubt sein. Letztendlich muss der Anleger auch nicht bis auf die Nachkommastelle wissen, wo der Dax im Dezember 2020 steht, sondern „nur“, bei welchen Themen er in den kommenden Monaten auf Trends hoffen kann und bei welchen er sich eher eine blutige Nase holt.

Für das „große Bild“ könnten unter anderem die USA mitverantwortlich sein. Dort finden im Spätherbst die US-Präsidentschaftswahlen statt. Das ist insofern von Bedeutung, als dass man Wahljahren in den Vereinigten Staaten üblicherweise besonderes Potenzial an der Börse zuspricht. Die Hypothese: Der jeweilige Amtsinhaber will mit der einen oder anderen Entscheidung das Wahlvolk für sich gewinnen. Dazu gehören in der Regel auch Maßnahmen, die die Wirtschaft stärken. Und keinem anderen Präsidenten der Geschichte würde man in punkto Opportunismus ein unverhohleneres Vorgehen zutrauen als Donald Trump.

Somit spricht einiges dafür, dass er zu Gunsten der Wiederwahl seine an Privatfehden erinnernden Zollstreitigkeiten mit China und Europa deutlich eindampfen könnte. Das wiederum würde Investitionen in diesen Ländern attraktiver machen – und ganz nebenbei auch Branchen wie der hiesigen Autoindustrie guttun. Auf der anderen Seite stellt aber gerade Trumps Ego auch einen potenziellen Negativfaktor dar: Was ist, wenn der Präsident der US- und vielleicht sogar der Weltwirtschaft mit seinem bisherigen, mitunter sehr impulsiven Umgang mit Handelszöllen, schon einen derart großen Schaden zugefügt hat, dass sich mit den nächsten Daten eine starke Abschwächung der Wirtschaftsleistung zeigt?


Sollte dies tatsächlich der Fall sein, haben Anleger aber dennoch nicht zwingend einen Grund, 2020 schon jetzt abzuschreiben. Denn ein weiteres Thema, das wie die Personalie Trump nicht erst seit gestern auf dem Tisch ist und das eine wichtige Rolle im kommenden Jahr spielen wird, hat das Potenzial zum Puffer: Die Niedrigzinsen werden uns weiter begleiten, und das ist für die Börsen – so viel wissen wir nicht erst seit dem jüngsten Jahrzehnt – nicht das Schlechteste. Man mag diese Liquiditätsschwemme nun als ökonomisch schädlich ansehen oder nicht. Fakt ist aber: Niedrige Zinsen verschaffen Spielraum für Investitionen und begünstigen Sachanlagen. Vor diesem Hintergrund haben diejenigen gute Argumente, die generell von einem positiven Börsenjahr 2020 ausgehen. Aktien bleiben attraktiv – man braucht ja auch bloß einmal die Frage in den Raum zu werfen, wo Investoren sonst auch hinsollen, bei den niedrigen Renditen etwa am Anleihemarkt.

Zum Glück ist die Börse ja auch nicht ganz trivial, und so gibt es zwischen den beiden entgegengesetzten Szenarien „Gesamtmarkt rauf“ und „Gesamtmarkt runter“ eine Menge an Grautönen und vereinzelten Chancen. Thematisch dürften Konsum und Dienstleistung zu den beherrschenden Industrien der nächsten Monate gehören. Zudem sollten im Globalisierungskontext Digitalisierung und Infrastruktur – hier vor allem jene Bereiche, die auch die großen Umweltthemen berücksichtigen – auf den Listen der Investoren stehen. Über Themen-ETFs lassen sich diese Branchen auch von Privatanlegern gut abdecken.

Unter regionalen Gesichtspunkten wiederum sind etwa die Emerging Markets einen Blick wert. Sie werden wenn auch nicht auf breiter Front, so zumindest teilweise eine positive Wirtschaftsentwicklung aufweisen, die wiederum eine globale Nachfrage schafft, an der Länder wie Deutschland dann letztendlich auch partizipieren. Nicht zuletzt deswegen sollten Anleger Europa ebenso wenig abschreiben wie die USA – Brexit-Szenario oder Trump-Eskapaden hin oder her. Für einen gesonderten Blick bietet sich im europäischen Kontext aber speziell Osteuropa an: Die baltischen Staaten etwa verbinden Emerging-Markets-Charme mit Tech-Kursfantasie.


Was sich übrigens mit ziemlicher Sicherheit sagen lässt: 2020 wird das Jahr neuer Erfahrungen sein – so werden wir uns möglicherweise rund um den Globus an ein Wachstum von unter drei Prozent gewöhnen müssen. Und angesichts der anhaltenden Niedrigzinsphase und den damit einhergehenden fehlenden Alternativen zu Aktien, sollten wir damit beginnen, höhere Bewertungen am Aktienmarkt als Normalität anzuerkennen.

Auch 2020 wird für Aktionäre im einen oder anderen Fall dazugehören, sich die Finger zu verbrennen. Von Aktieninvestments sollte sich aber niemand abhalten lassen. Im Gegenteil: Zwar ist das mit Prognosen so eine Sache. Doch sollten 2020 keine neuen Störfeuer hinzukommen und vorhandene Krisenherde nicht wider Erwarten an Dynamik gewinnen, sollte 2020 ein ähnlich erfreuliches Börsenjahr werden wie 2019. Und: Von einer möglichen Finanztransaktionssteuer sollten sich Anleger nicht abschrecken lassen. Schon gar nicht von einer, von der man sich förmlich wünscht, dass sich die Verantwortlichen damit eine blutige Nase holen.

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