Deutsche Märkte öffnen in 59 Minuten

Der überraschende Sinneswandel von Softbank-Chef Masayoshi Son

Neben Wagemut und Vision zeichnet sich die lange Karriere von Japans Investorenlegende Masayoshi Son durch einen weiteren Faktor aus: überraschende Entscheidungen. Doch bei keinem Abenteuer hat der Gründer des Technikinvestors und Mobilfunkkonzerns Softbank so oft die Fachwelt überrumpelt wie bei Sprint, Softbanks amerikanischer Mobilfunkgesellschaft.

Schon der Kauf des US-Mobilfunkanbieters im Jahr 2012 war eine Sensation, genauso Sons Kalkül dahinter: Er wollte die dritt- und viertplatzierten Netze Sprint und T-Mobile von der Deutschen Telekom fusionieren, um auf Augenhöhe mit den Marktführern Verizon und AT & T den US-Markt aufzumischen.


Mehr zur Sprint-Übernahme durch die Telekom:

  • Warum T-Mobile US und Sprint nun doch fusionieren
  • Telekom-Chef Höttges im Interview
  • So bewerten US-Medien den T-Mobile-Sprint-Deal


2014 scheiterte der erste Anlauf, weil die Konzerne das Veto der Kartellbehörden fürchteten. Im vergangenen Herbst ließ Softbanks Vorstand den zweiten Versuch einer Fusion unerwartet platzen. Nun soll sie doch durchgezogen werden, allerdings unter umgekehrten Vorzeichen.

Nicht Sprint ist der starke Partner, wie Son es 2012 wollte. Mit einem Aktienanteil von 42 Prozent wird die Deutsche Telekom der Hauptaktionär, Sprint nur 27 Prozent der Anteile halten. Zusätzlich haben die Partner vereinbart, dass die Telekom de facto über Sprints Stimmrechte verfügen kann. So behält der Bonner Dax-Konzern die neue Einheit unter Kontrolle und kann sie weiterhin in ihrer Bilanz konsolidieren. Dies war eine Vorbedingung der Deutschen für den Deal.

Am Markt fragt man sich nun, wie es nun zu Sons plötzlichen Sinneswandel kam. Die Konditionen der Fusion sind dabei für die Beobachter nicht überraschend. T-Mobile steht derzeit sehr viel besser da, während Sprints Aktienkurs schwächelt.

Wettbewerb wird immer härter

„Aber es ist interessant, dass Softbank jetzt einverstanden ist, die Kontrolle aufzugeben“, meint Kirk Boodry, Telekom-Analyst von New Street Research in Asien. „Vor sechs Monaten hat Softbank nämlich den Kontrollverlust noch als Grund genannt, den Deal platzen zu lassen.“

Softbank hat die Kurskorrektur bisher noch nicht im Einzelnen erklärt. Öffentlich wird Unternehmensgründer Son sich wahrscheinlich erst auf der Jahresbilanzkonferenz am 9. Mai rechtfertigen. Nur so viel will ein Unternehmenssprecher andeuten: Seit dem Scheitern der Verhandlungen im Herbst 2017 „hat sich das Wettbewerbsumfeld in den USA stark gewandelt.“


Tatsächlich erschweren neue aggressive Anbieter den traditionellen Netzbetreibern das Leben. Der Kabel-TV-Anbieter Comcast steigt gerade mit Kampfpreisen in den Markt ein. Das Angebot sei so gut, dass das Unternehmen damit kein Geld mache, unkt der Branchendienst BGR. Kabelrivale Charter Communications wiederum testet bereits mit 5000 Mitarbeitern eigene Mobilnetzprodukte für sein geplantes Debüt.

In dieser Situation hat offenbar selbst der findige Son keine Alternative zur Fusion mehr gesehen, vermutet Analyst Boodry. „Unter den verschiedenen Modellen für eine Konsolidierung in den USA schafft die Kombination von T-Mobile US und Sprint die meisten Synergien.“

Beide Unternehmen sprechen von 43 Milliarden US-Dollar, die durch die Zusammenlegung der Kunden, Netze und Frequenzen eingespart werden können. „Softbank hat vielleicht entschieden, dass diese Synergien groß genug sind, um den Willen zur Kontrolle zu überwinden“, meint Boodry.


Die Wirtschaftszeitung „Nikkei“ sieht allerdings in Softbanks neuer Wachstumsstrategie einen weiteren Grund, warum Son die Trennung nun leichter fällt: „Softbanks jüngster Fokus auf neue Technologien ist wahrscheinlich ebenfalls ein Faktor.“ Softbank hat voriges Jahr mit Partnern den Softbank Vision Fund gegründet. Mit einem Kapital von 93 Milliarden US-Dollar handelt es sich um den größten Technikfonds der Welt.

Wie der Name und die Größe des Fonds andeuten, verfolgt Son mit ihm ein sehr ambitioniertes Ziel: Softbank soll zu einem globalen Imperium in den Bereichen künstlichen Intelligenz, Robotik und der Vernetzung der gesamten Welt werden.

Mehr Zeit für Zukunftsprojekte

Dementsprechend investiert der Fonds unter Softbanks Leitung in Unternehmen, die sich mit künstlicher Intelligenz, vernetzten Maschinen, smarten Robotern und möglicherweise disruptive Internetdiensten beschäftigen. Zusätzlich expandiert das Unternehmen in erneuerbaren Energien, wie die Teilnahme am größten Solarprojekt der Welt in Saudi-Arabien zeigt.


Die Kontrolle über ein mobiles Vertriebsnetz für die kommenden Dienste ist daher für Son nun weniger wichtig als zuvor, glaubt die Nikkei. Oder wie Boodry es sagt: „Durch die Fusion hat Masa (Masayoshi Son) mehr Zeit, sich um die Investitionen zu kümmern.“

Bisher war Son recht stark bei Sprint eingebunden. Künftig wird er nur neben Sprint-Chef Marcelo Claure und zwei Softbank-Vertretern im Verwaltungsrat von T-Mobile US sitzen. Die Geschäfte werden von T-Mobile-Chef John Legere geleitet.

Für diese These spricht, dass Son auch daheim eine epochale Veränderung bei seinem Mobilgeschäft anbahnt. Softbank Mobile, dessen stetige Gewinne Son bisher als Kapitalquelle und Sicherheit für seine auf Pump finanzierten Einkaufstouren genutzt hat, soll nun an die Börse gehen. Die Sparte erzielte 2017 fast die Hälfte von Softbanks Betriebsgewinn. Die Ziele der Gruppe und der Mobilsparte stimmten nicht immer voll überein, heißt es unter anderem zur Begründung.

Doch bevor Son das Sagen bei Sprint aufgeben kann, muss die Fusion der beiden amerikanischen Mobilnetzbetreiber noch die Zustimmung der Behörden erhalten. Die Firmen sind sich dessen bewusst. Dass sie mit den Investitionen in Netze der neuen Generation (5G), mehr Wettbewerb und Jobs argumentierten zeigt Analyst Boodry, „dass direkt auf die Kartellbehörde, das Justizministerium und Präsident Donald Trump zielen“.

Interessant wird nun sein, wie die Anleger trotz dieses Vorbehalts auf die Details der Fusion reagieren werden. Da die Tokioter Börse am Montag wegen eines Feiertages geschlossen war, hat die Aktie der Deutschen Telekom die Meinung der Märkte als erstes erfahren: Die Telekom-Aktien waren mit einem Plus von drei Prozent mit Abstand der größte Gewinner im Dax.