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Über Nacht "entimpft": Meine Impf-Odyssee mit Johnson & Johnson

In diesem Protokoll erzählt ein 27-jähriger Student aus Berlin die Geschichte seiner Impfung mit Johnson und Johnson von Oktober 2021 bis Januar 2022. Aufgezeichnet von Tristan Fiedler

Disclaimer: Die Bestimmungen für Johnson & Johnson Geimpfte haben sich inzwischen geändert. Der Betroffene unterliegt nicht länger der Testpflicht.

Alles in einem Rutsch erledigen. Das war die Idee. Anfang Oktober 2021 habe ich mich ohne Termin auf einem zentralen Platz in Berlin mit dem Impfstoff Janssen der Firma Johnson & Johnson impfen lassen. Ich studierte damals noch, hatte um 14 Uhr Zeit und war froh mich um keine Termine kümmern zu müssen. Das Angebot stieß auf große Nachfrage. Neben anderen Jungen haben sich auch viele Obdachlose gleichzeitig mit mir dort ihre Impfung abgeholt. Die Vorteile lagen auf der Hand: Damals hieß es noch, nach einer Dosis Johnson & Johnson sei man vollständig immunisiert. Keine weiteren Termine nötig.

In den Wochen zuvor hatten Politiker den Impfstoff beworben, weil damals schon viele lieber Moderna oder Biontech haben wollten. Doch schon Mitte Oktober hieß es dann, dass der Impfschutz von Johnson & Johnson nicht so gut sei wie der von mRNA-Impfstoffen. Mir und allen anderen, die sich aufgrund des Versprechens der einfachen Dosis für den Impfstoff entschieden hatten, wurde zu einer Zweitimpfung mit Biontech oder Moderna geraten. Damals handelte es sich jedoch noch um eine Empfehlung.

Weil ich schon befürchtet hatte, meinen Impfstatus mit der Zeit zu verlieren, entschied ich mich dann rund zwei Monate nach meiner ersten Impfung für eine Auffrischimpfung mit Biontech. Das war Anfang Dezember und damit galt ich in der aufkommenden Omikron-Welle als geboostert.

Abends ein geöffnetes Impfzentrum zu finden, ist selbst mitten in Berlin oft schwierig

Mitte Januar dieses Jahres hat sich mein Impfstatus dann plötzlich über Nacht wieder geändert. Nun gilt man in Berlin nur noch als geboostert, wenn man zwei Auffrischimpfungen mit mRNA-Vakzinen bekommen hat. Plus eine Dosis Johnson & Johnson. Diesmal handelt es sich jedoch nicht mehr nur um eine Empfehlung. Ich wurde "entimpft", ohne dass ich irgendetwas getan hätte.

Ich kann das Hin und Her nicht nachvollziehen – insbesondere, weil in anderen Ländern und auch in anderen Bundesländern weiterhin eine Dosis Johnson & Johnson plus eine Auffrischimpfung genügen. Dennoch wäre ich bereit, mir meine dritte Impfung abzuholen, um endlich meine Ruhe zu haben. Doch das Problem ist: Eine zweite Dosis mRNA-Impfstoff gibt es erst frühstens drei Monate nach der ersten. Das wäre bei mir erst im März.

Ich gelte jetzt also noch fast zwei Monate als nicht-geboostert und muss täglich Tests machen und diese kontrollieren lassen; egal ob auf der Arbeit, im Kino oder in der Bar. Jeder, der schon einmal in entlegeneren Gegenden oder abends versucht hat, an einen Schnelltest zu kommen, der weiß, wie nervenaufreibend das sein kann. Jeden Tag muss ich meine Routen so planen, dass ich rechtzeitig an Teststellen vorbeikomme und genügend Zeit einplanen. Oft genug lassen die Ergebnisse dann auch noch auf sich warten oder kommen sogar gar nicht an.

Vergangene Woche stand ich eine halbe Stunde in der Kälte vor dem Kino und habe auf mein Testergebnis gewartet. Den Anfang des Films habe ich dann verpasst. Schon mehr als einmal war ich in der Situation, dass meine geboosterten Freunde sich abends spontan in der Bar trafen, ich aber nicht rein durfte, weil alle Testzentren in der Umgebung schon geschlossen waren. Und so soll das jetzt noch den ganzen Winter weitergehen.

Die Verantwortlichen entscheiden über unseren Kopf hinweg

Das Frustrierende dabei ist, dass ich rein gar nichts dagegen machen kann. Ich habe mich immer den Empfehlungen entsprechend verhalten, bin bereit, mich – egal wie oft – impfen zu lassen, wenn es sein muss. Und trotzdem darf ich nicht uneingeschränkt am öffentlichen Leben teilhaben.

Dabei wäre die Lösung ja ganz einfach gewesen. Es bräuchte eine Übergangsfrist von drei Monaten: Menschen, die eine Dosis Johnson & Johnson bekommen haben, müssten drei Monate nach ihrer Zweitimpfung als geboostert gelten. Nach drei Monaten könnten sie sich dann die Drittimpfung abholen. Wer dabei mitspielt, der wäre durchgängig geboostert. Stattdessen wurde hier über unseren Kopf hinweg entschieden. Ich glaube kaum, dass die Verantwortlichen sich bewusst gemacht haben, was für Einschränkungen sie uns damit im täglichen Leben zumuten. Und ich bin ja nicht der einzige, dem es so geht.

Und dazu kommt noch: Als am Anfang die Impfstoffe noch knapp waren und sich alle auf Biontech und Moderna gestürzt haben, war man froh, dass wir uns mit Johnson & Johnson begnügt haben. Wie nervtötend diese Impf-Odyssee erst für all die Obdachlosen sein muss, die sich damals im Oktober mit mir zusammen haben impfen lassen, will ich mir gar nicht ausmalen.

Dieser Artikel wurde am 19. Februar 2022 aktualisiert. Er erschien zuerst am 10. Februar 2022.