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Ölpreis steigt erstmals seit März wieder über 40 Dollar

Der drastische Einbruch der amerikanischen Ölproduktion stützt die Preise. Zudem diskutiert das Opec-Kartell über eine Verlängerung der Förderkürzungen.

Eine Beschränkung der Fördermenge könnte die Ölpreise weiter beflügeln. Foto: dpa

Erstmals seit dem Einbruch der Ölpreise in der Coronakrise kostet Brent-Öl zeitweise wieder mehr als 40 Dollar. Der wichtigste Referenzpreis für Rohöl in Europa legte am Mittwoch zunächst rund zwei Prozent zu und kletterte auf den höchsten Stand seit rund drei Monaten. Seit der Panik am Ölmarkt Mitte April, als Brent-Öl unter 20 Dollar fiel, ist der Preis um mehr als 100 Prozent gestiegen. Am Nachmittag waren die Gewinne dahin, und der Kurs fiel wieder leicht unter 40 Dollar.

Schneller haben sich nur die Ölpreise in Amerika erholt. Texanisches WTI-Öl kostete am Mittwoch rund 37 Dollar, ähnlich wie am Vortag. Im April war der Preis kurzzeitig auf minus 37 Dollar gefallen.

Zu der kräftigen Erholung haben unter anderem die Lockerungsmaßnahmen in zahlreichen Ländern der Welt beigetragen. Dadurch ist auch die Ölnachfrage wieder angezogen. Außerdem haben sowohl die USA, Kanada und die europäischen Ölförderer als auch die Opec-plus-Allianz um Saudi-Arabien und Russland ihre Ölproduktion gedrosselt.

Nur so sei es möglich gewesen, das massive Überangebot am Ölmarkt abzubauen, das die Preise unter Druck gesetzt hatte, so Warren Patterson, Rohstoffstratege der ING Bank. „Der Markt befindet sich bereits im Übergang von einem Angebotsüberschuss zu einem Defizit.“

Besonders die rasante Erholung am US-Ölmarkt erstaunt viele Experten. Nicht nur ist texanisches Öl deutlich teurer als noch vor wenigen Wochen. Auch die Öllager am zentralen Umschlagsplatz in Cushing im US-Bundesstaat Oklahoma sind wieder etwas leerer geworden. Dass es zwischenzeitlich unmöglich war, in Cushing Öl zwischenzulagern, hatte dazu beigetragen, dass der Preis für WTI-Öl unter null gefallen war.

Inzwischen kostet WTI-Öl zur Lieferung im Juli an den Rohstoffterminbörsen beinahe genauso viel wie Brent-Öl zur Lieferung im Juli. Zu Wochenbeginn verschwand der Preisaufschlag von Brent-Öl gegenüber US-Rohöl sogar ganz.

Eine solche Preiskonstellation gab es zuletzt 2016. Üblicherweise ist WTI-Öl drei bis fünf Dollar pro Fass billiger als Brent-Öl. WTI wird mit einem Abschlag gehandelt, weil es vom Landesinneren der USA noch zu den Tankerterminals im Südosten gepumpt werden muss, bevor es in den Export gehen kann.

US-Produktion fällt

Doch inzwischen ist amerikanisches Öl offenbar so knapp, dass der Preisabschlag gegenüber Brent-Öl fast verschwunden ist. Aus Sicht von Giovanni Staunovo, Ölexperte bei der UBS, ist die Preisrally am US-Ölmarkt ein Zeichen dafür, dass die amerikanischen Ölkonzerne ihre Produktion noch stärker als erwartet zurückgefahren haben. „Die USA sind wieder ein Nettoimporteur von Öl“, sagt er.

Das bedeutet, dass die USA wieder weniger Öl produzieren, als sie selbst verbrauchen. Der US-Schieferölboom hatte dafür gesorgt, dass die USA bis 2019 zum weltgrößten Ölproduzenten und Exporteur von Rohöl aufgestiegen waren. Doch dieser Boom fand in der Coronakrise ein jähes Ende.

Die US-Schieferölfirmen hätten sowohl aktive Quellen abgedreht als auch Investitionen in neue Bohrtürme gekappt, sagt UBS-Experte Staunovo. Doch angesichts der stark gestiegenen Preise werde der weitere Einbruch der US-Ölproduktion gestoppt. „Der Ölpreis deckt wieder die Betriebskosten. Das macht es attraktiv zu produzieren.“ Kurzfristig sorge das dafür, dass der Anstieg der Ölpreise gedämpft wird, erwartet Staunovo.

Doch der Rückgang der Investitionen dürfte länger nachwirken. Die Zahl der neuen Bohrtürme im permischen Becken, dem Hotspot der amerikanischen Schieferölindustrie, ist Daten des Ölausrüsters Baker Hughes zufolge auf den tiefsten Stand seit elf Jahren gefallen. Das werde sich in der zweiten Jahreshälfte in steigenden Ölpreisen niederschlagen, glaubt Staunovo. „Die Schieferölfirmen müssen ständig neu bohren, sonst fällt die Produktion stark.“

Schützenhilfe könnten die US-Ölfirmen einmal mehr von der Organisation der Erdöl exportierenden Länder (Opec) und den verbündeten Staaten der Opec-plus-Allianz erhalten. Die 23 Erdölstaaten um Saudi-Arabien und Russland könnten sich Medienberichten zufolge bereits am Donnerstag darauf verständigen, ihre historisch beispiellosen Produktionskürzungen überraschend zu verlängern.

Kompromiss in Sicht

Auf dem Höhepunkt der Coronakrise am Ölmarkt im April hatten sich Saudi-Arabien, Russland und die übrigen Opec-plus-Staaten darauf verständigt, knapp zehn Prozent der weltweiten Ölproduktion vom Markt zu nehmen. Der Deal läuft noch bis Ende Juni, dann wollen die Opec-plus-Staaten schrittweise wieder mehr Öl fördern.

Saudi-Arabien will die übrigen Staaten dazu bewegen, die bis Ende Juni geltende Förderkürzung noch um zwei bis drei Monate zu verlängern. Russland bevorzugt den Berichten zufolge, bereits ab Juli wieder mehr Öl zu produzieren. Doch anders als Anfang März, als Saudi-Arabien und Russland einen Preiskrieg anzettelten, zeigten sich beide Seiten zuletzt kompromissbreit.

Eine führende Rolle kommt dabei Saudi-Arabien zu, sagt Helima Croft, Opec-Expertin bei der Investmentbank RBC Capital Markets. „Saudi-Arabien engagiert sich stark für eine Erholung der Ölpreise und wird weiterhin einen Großteil der Produktionskürzungen schultern.“ Das Königreich sei angesichts schwindender Währungsreserven und eines Defizits im Staatshaushalt auf hohe Ölpreise angewiesen. Das Land wolle vor allem höhere Steuern und härtere Sparmaßnahmen für seine Bürger verhindern.

Saudi-Arabien und Russland spüren ebenso wie die US-Ölindustrie die Folgen der Kombination aus Coronakrise und Preiskampf bis heute. Einen vergleichbaren Kollaps der Märkte dürften die Ölmächte so bald nicht noch einmal riskieren.