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Ökonomen fordern Unterricht für alle Klassen

Eine sechsköpfige Gruppe von Ökonomen will eine Optimierung des Distanzlernens bis hin zur Überarbeitung von Lehrplänen. An der Technik mangele es auch.

Kita- und Schulschließungen vergrößerten die Unterschiede in Lerngruppen und soziale Ungleichheiten in der Gesellschaft, mahnen Ökonomen. Foto: dpa

Mehr als 90 deutsche Ökonomen aus der Bildungsforschung fordern „umfassende Maßnahmen, um frühkindliche und schulische Bildung in Deutschland sofort für alle Altersgruppen anzubieten“. Das ist der Kern eines Appells unter dem Titel „Bildung ermöglichen!“, der von einer sechsköpfigen Gruppe um Ifo-Forscher Ludger Wößmann und Katharina Spieß vom DIW Berlin verfasst wurde. Auch Wissenschaftler der FU Berlin, der KU Eichstätt-Ingolstadt und der Uni Würzburg sind unter den Unterzeichnern.

Zwar öffnen diverse Bundesländer nun langsam die Schulen und die Kitas – doch den allermeisten Kindern nutzt das nur begrenzt. Daher schlagen die Forscher konkrete Maßnahmen vor, von der Optimierung des Distanzlernens bis zur Überarbeitung von Lehrplänen. „Geschlossene Schulen und Kitas haben gravierende Folgen: Es wird nicht nur weniger neues Wissen vermittelt. Der Verlust bereits erworbener Fähigkeiten fällt auch umso größer aus, je länger normaler Schul- und Kitabetrieb nicht möglich ist“, sagt Ifo-Forscher Wößmann. „Das hat langfristig deutliche negative Effekte auf die Wirtschaft.“

DIW-Forscherin Spieß mahnt: „Sozial benachteiligte Kinder und solche mit Lernschwierigkeiten sind von den Schließungen besonders betroffen – ihnen werden Orte der Fürsorge, Förderung und Verpflegung mit ausgewogenen Mahlzeiten entzogen, zudem fallen sie beispielsweise beim Erlernen der deutschen Sprache zurück, wenn zu Hause kein Deutsch gesprochen wird.“

So vergrößerten Kita- und Schulschließungen die Unterschiede in Lerngruppen und soziale Ungleichheiten in der Gesellschaft. „Das Humankapital von morgen kann sich nicht optimal entwickeln.“

Die Ökonomen fordern daher schnelles Gegensteuern. Zunächst brauchten alle Schüler zu Hause die nötige technische Ausstattung und eine angemessene fachliche Unterstützung. Gleichzeitig müssten Pädagogen und Lehrer schnellstmöglich für digitalen Unterricht geschult werden.

Kinder, in deren Elternhäusern das Distanzlernen nicht möglich sei, müssten in eine Notbeschulung aufgenommen werden. Auch Kitas sollten Fördermaterial zum Vorlesen, Malen und Spielen zur Verfügung stellen und regelmäßig Kontakt zu Kindern und Eltern suchen.

Im zweiten Schritt müsse für alle Kinder und Jugendlichen umgehend der Besuch von Kitas und Schulen – also unabhängig vom Alter oder vom Beruf der Eltern – zumindest zeitweise wieder möglich sein. Etwa in Kleingruppen, die sich tage- oder wochenweise abwechseln.

Zudem seien Konzepte für Zusatzförderungen vonnöten, die es vor allem leistungsschwächeren Kindern und Jugendlichen erlaubten, Boden gutzumachen. Schließlich sollten im dritten Schritt die Bildungs- und Lehrpläne für das nächste Jahr angepasst werden. In jedem Fall müsse schnell umfassend gehandelt und zudem klar kommuniziert werden, um allen Beteiligten eine klare Perspektive zu geben und sie nicht länger zu verunsichern.

Mehr: Nach den Lockerungsschritten fehlt für Eltern, Schüler und Lehrer eine Perspektive für den Unterricht. Das Schulsystem benötigt konkrete Ansagen des Kultusministeriums.