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Zoff um grünen Wasserstoff: Unternehmensallianz warnt vor Monopolbildung

In der Welt des grünen Wasserstoffs gibt es Streit: Ein Bündnis von Unternehmen der Erneuerbaren-Branche will verhindern, dass sich Monopole bilden.

Um Wasserstoff ist ein Hype entstanden, gilt er doch als Wundermittel auf dem Weg zur Klimaneutralität. Foto: dpa

Als die beiden Übertragungsnetzbetreiber Tennet und Amprion vor über einem Jahr unabhängig voneinander ankündigten, sie wollten aus überschüssigem Windstrom im industriellen Maßstab grünen Wasserstoff herstellen, war das Erstaunen groß. Einige fanden die Idee zukunftsweisend und mutig, andere dagegen waren der Überzeugung, die beiden Stromnetzbetreiber sollten lieber Stromleitungen bauen und betreiben, statt neue Geschäftsfelder zu erschließen.

Seit der ersten Ankündigung ist ein regelrechter Hype um Wasserstoff entstanden, der auf der Basis erneuerbarer Energien hergestellt wird und damit klimaneutral ist. Er gilt als Wundermittel auf dem Weg zur Klimaneutralität für sehr unterschiedliche Anwendungsfälle.

Die Erneuerbaren-Branche fühlt sich von Amprion und Tennet überrollt. Einige Unternehmen der Branche, die selbst teilweise seit vielen Jahren Windstrom per Elektrolyse in grünen Wasserstoff verwandeln, befürchten, die beiden Übertragungsnetzbetreiber könnten den Zukunftsmarkt okkupieren.

Die Pläne von Amprion und Tennet, die für ihre Großprojekte jeweils auch noch Gasnetzbetreiber mit ins Boot geholt haben, „würden einen fairen und wettbewerblichen Wasserstoffmarkt verhindern“, argumentiert die Allianz aus den Unternehmen Enertrag, Greenpeace Energy, Naturwind und Nordgröön.

Die Großelektrolyseure von Amprion und Tennet könnten – über die von allen Stromkunden zu zahlenden Netzentgelte subventioniert - Wasserstoff zu Preisen produzieren, mit denen andere Marktteilnehmer nicht konkurrieren könnten, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Unternehmen, die dem Handelsblatt vorliegt.

Verstoß gegens Europarecht?

„Die Bundesregierung und die Bundesnetzagentur müssen die Netzbetreiber-Projekte nicht nur aus Wettbewerbsgründen ablehnen“, sagt Jörg Müller, Vorstandsvorsitzender des Windkraft- und Wasserstoff-Produzenten Enertrag. Die Projekte verstießen auch gegen das Europarecht, das den Netzbetreibern den Betrieb von Energiespeicheranlagen wie Elektrolyseuren ausdrücklich verbiete.

Außerdem bestehe die Gefahr, dass die Elektrolyseure am Ende nicht mit Windstrom, sondern mit Kohlstrom betrieben würden. „Es wäre absurd, wenn durch subventionierte, klimaschädliche Projekte verhindert würde, dass sich ein freier Markt für grünen Wasserstoff entwickelt“, sagt Sönke Tangermann, Vorstand der Hamburger Energiegenossenschaft Greenpeace Energy. Nur in einem fairen Wettbewerb seien viele Akteure zu den nötigen Investitionen in die Wasserstoffproduktion und -infrastruktur bereit.

Die Unternehmen der Allianz weisen darauf hin, dass sie schon seit zehn Jahren Expertise darin hätten, Wasserstoff aus Windenergie zu erzeugen. Sie kämpften aber bis heute mit vielen rechtlichen Hürden. Der Markt sei bereit für klimaneutralen Wasserstoff, die staatlichen Rahmenbedingungen aber nicht.

Die Unternehmen, die sich mit der Produktion von grünem Wasserstoff befassen, fordern beispielsweise, dass der dafür eingesetzte Strom von Abgaben und Umlagen befreit wird. Nur bei einer solchen Befreiung ließen sich Elektrolyseure wirtschaftlich betreiben, argumentieren sie.

Auch Amprion und Tennet fordern verbesserte Rahmenbedingungen. Für ihre Projekte „Element Eins“ (Tennet) und „Hybridge“ (Amprion) haben sie bereits Investitionsanträge bei der Bundesnetzagentur gestellt. Die Anträge werden derzeit noch geprüft.

EU-Kommission könnte den Weg ebnen

Die Netzagentur hatte allerdings in den vergangenen Monaten durchblicken lassen, dass sie die Projekte skeptisch sieht. Sie ist der Auffassung, dass der Betrieb von Elektrolyseuren zur Wasserstoffproduktion nicht Bestandteil des regulierten Geschäfts eines Netzbetreibers sein kann.

Grundsätzlich positioniert sich auch das Bundeswirtschaftsministerium so. Allerdings hatte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) in den vergangenen Monaten immer wieder deutlich gemacht, dass er dem Thema grüner Wasserstoff hohe Priorität einräumt. Er will erreichen, dass in Deutschland möglichst rasch die Produktion von grünem Wasserstoff in industriellem Maßstab gelingt.

Die Projekte von Amprion und Tennet wären ein erster Schritt in diese Richtung. Mit „Hybridge“ und „Element Eins“ wollen die beiden Netzbetreiber in die 100-Megawatt-Dimension vorstoßen. Damit würden sie existierende Projekte um Längen überflügeln.

Die beiden Netzbetreiber weisen die Kritik, der Betrieb der Elektrolyseure sei nicht Bestandteil ihres regulierten Netzgeschäfts und widerspreche den Prinzipien der Entflechtung von Erzeugung und Transport, zurück. Die Befürworter der Projekte argumentieren, man stelle mit den Anlagen lediglich ein Stück Infrastruktur zur Verfügung, das von Dritten genutzt werden könne.

Möglicherweise spielt die Zeit für Amprion und Tennet. Die EU-Kommission teilt die Bedenken von Bundeswirtschaftsministerium und Bundesnetzagentur nicht. Sie scheint bereit zu sein, den beiden Unternehmen den Weg zu ebnen. In Kommissionskreisen hieß es schon vor Monaten, man habe wenig Verständnis für die enge Auslegung der bestehenden Vorschriften.

Es kann sein, dass sich auch die Vorschriften bald im Sinne von Amprion und Tennet ändern. Das „Clean Energy Package“ der EU sieht großzügige Ausnahmen für Projekte wie die von Ampion und Tennet vor. Allerdings könnte es bis zur Umsetzung der entsprechenden Richtlinie in deutsches Recht noch etwas dauern.