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Coronakrise vernichtet Jobs: Arbeitslosigkeit in Deutschland steigt weiter an

44,8 Millionen Personen mit Wohnort in Deutschland waren im April 2020 erwerbstätig. Foto: dpa

Die Pandemie trifft auch den deutschen Arbeitsmarkt hart. Erstmals seit zehn Jahren melden die Statistiker weniger Beschäftigte – die Frühjahrsbelebung fällt komplett aus.

Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist im Mai gegenüber April um 169.000 auf gut 2,8 Millionen gestiegen. Einen solchen Anstieg im Monat Mai, in dem es normalerweise eine Frühjahrsbelebung gibt, habe er in seinem Berufsleben noch nicht erlebt, sagte der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Detlef Scheele, bei der Präsentation der aktuellen Arbeitsmarktdaten in Nürnberg. Im Vergleich zum Vorjahresmonat stieg die Zahl der Arbeitslosen um 577.000.

Allerdings fiel der Zuwachs im Mai schon geringer aus als im April. Damals waren mehr als 300.000 Menschen arbeitslos geworden. Man könne das geringere Plus im Mai derzeit „nicht kausal erklären“, sagte Scheele. Die Coronakrise sei ohne Beispiel, niemand habe eine Glaskugel, aus der sich die weitere Entwicklung ablesen lasse.

Mit einer echten Trendumkehr auf dem Arbeitsmarkt rechnet der BA-Chef so schnell nicht. Die Struktur der deutschen Wirtschaft sei aber in Ordnung. Man werde sich jetzt auf den Weg machen, das wirtschaftliche Niveau vom März im Laufe des nächsten Jahres wieder zu erreichen, erklärte Scheele. „Zurzeit kommen wir ganz gut durch, finde ich.“

Das liegt auch daran, dass die Unternehmen weiter im großen Stil das Instrument der Kurzarbeit nutzen, um Entlassungen zu vermeiden. „Dank Kurzarbeit hält Deutschland der weltweiten Krise verhältnismäßig gut Stand“, sagte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Nun gehe es darum, aus der Krise herauszukommen und die Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen, damit aus Kurzarbeit wieder reguläre Arbeit werde.

Laut Bundesagentur wurde inzwischen für fast zwölf Millionen Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet. Wie viel davon am Ende realisiert wird, ist offen. Im März, als der Shutdown begann, waren nach Hochrechnungen der BA 2,02 Millionen Menschen in Kurzarbeit. Schon dies ist deutlich mehr als auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Mai 2009, als gut 1,4 Millionen Kurzarbeiter gezählt wurden.

Im Jahresdurchschnitt rechnet die Nürnberger Behörde weiter mit 2,2 Millionen Kurzarbeitern, in der Spitze mit 7,5 Millionen. Die Rücklage der BA von 26 Milliarden Euro wäre dann am Ende des Jahres aufgezehrt, der Bund müsste mit einem Darlehen über knapp fünf Milliarden Euro aushelfen.

Nach einer Unternehmensbefragung des Ifo-Instituts gab es im Mai bereits 7,3 Millionen Kurzarbeiter. Die Daten der BA liegen erst mit zeitlicher Verzögerung vor. Scheele sprach für den April von geschätzt sechs Millionen. Mit im Schnitt 50 Prozent sei der Arbeitsausfall höher als in früheren Krisen.

Zu Entlassungen kommt es derzeit vor allem im Gastgewerbe, wo im April und Mai kumuliert rund 33.000 Menschen ihren Job verloren. Wegen der lange geschlossenen Autohäuser schlägt Corona auch im Bereich Kfz-Handel und -Reparatur mit 20.000 zusätzlichen Arbeitslosen zu Buche. In der Zeitarbeit und im Bereich Verkehr und Lagerei sind es seit Ausbruch der Krise jeweils rund 11.000.

Wegen der Coronakrise ist auch die Zahl der Beschäftigten in Deutschland erstmals seit mehr als zehn Jahren gesunken. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts waren im April 44,8 Millionen Personen mit Wohnort in Deutschland erwerbstätig – 210.000 oder 0,5 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. Einen Rückgang der Beschäftigung hatte es zuletzt im März 2010 gegeben.

„Die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie ab der zweiten Märzhälfte haben sich mittlerweile deutlich auf den Arbeitsmarkt ausgewirkt“, betonte das Statistikamt. Wegen der restriktiven Maßnahmen mussten viele Geschäfte, Restaurants und Fabriken schließen. „Normalerweise steigt die Erwerbstätigkeit im April eines Jahres im Zuge der üblichen Frühjahrsbelebung kräftig an“, so das Statistikamt. Diese fiel diesmal wegen der Coronakrise aus.

Der Shutdown wegen der Viruspandemie zeigt sich auch in der Hartz-IV-Statistik. Wie die Linksfraktion im Bundestag unter Berufung auf Daten der BA mitteilte, wurden im April 51.000 Arbeitnehmer und 33.000 Selbstständige neu als sogenannte „Aufstocker“ gezählt, die Hilfen beim Jobcenter beantragten.

Normalerweise zähle die Monatsstatistik der BA in diesem Bereich bei den Selbstständigen weniger als 2000 und bei den Arbeitnehmern höchstens 10.000 bis 13.000 Neuzugänge pro Monat.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte die Bundesregierung auf, das geplante Konjunkturpaket mit arbeitsmarktpolitischen Angeboten zu flankieren.

„Wichtig ist, den Menschen von vornherein eine Perspektive zu geben und den gleichzeitig notwendigen Umbau zum digitalen und emissionsarmen Wirtschaften zu bewältigen“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. Gerade in Zeiten der Kurzarbeit müssten Qualifizierungsmaßnahmen für die sozialökologische Wende hochgefahren werden.

„Wer seinen Job verliert oder Weiterbildungsbedarf hat, muss schnelle und effektive Unterstützung erhalten und für neue Aufgaben qualifiziert werden.“ Der Koalitionsausschuss wollte am Mittwoch auch über eine Verlängerung der Bezugsdauer des Kurzarbeitergelds auf 24 Monate reden.