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Lieferdienst Wolt greift den deutschen Marktführer Takeaway an

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Delivery-Hero-Mitgründer Gadowski investiert in Wolt. In Berlin ist der Lieferdienst bereits aktiv. Wachstum ist wichtig, denn die Finnen streben an die Börse.

Die Slogans wollten krampfhaft originell sein: „Isch will mit Dir Penne!“ und „Bestell Dich glücklich“, tönten die Essens-Lieferdienste vor zwei Jahren in Deutschland. 175 Millionen Euro ließen sich die Anbieter ihre Werbeschlacht brutto im Jahr 2018 kosten. Erst zum Jahreswechsel gab es einen klaren Sieger: Der niederländische Konzern Takeaway („Lieferando“) kaufte dem Erzrivalen Delivery Hero das Deutschlandgeschäft ab – und dominiert seitdem den Markt als letzter großer Spieler.

Mit der Ruhe ist es jetzt aber vorbei: Ausgerechnet ein Delivery-Hero-Mitgründer bringt einen neuen Konkurrenten in Stellung. Lukasz Gadowski unterstützt den europäischen Lieferdienst Wolt bei dessen angelaufener Deutschlandoffensive. Die Finnen wollen am Mittwoch verkünden, dass der Unternehmer mit einem Investment von 7,5 Millionen Euro einsteigt.

Die verhältnismäßig kleine Summe ist allerdings nicht das Wichtigste: Wolt-Gründer Miki Kuusi erwartet von dem Deutsch-Polen vor allem wertvolle Unterstützung bei der Expansion nach Deutschland. Denn Gadowski ist seit seinem Engagement bei Spreadshirt und StudiVZ eine der bekanntesten und bestvernetzten Figuren der Berliner Start-up-Szene.

Gadowski will bei Wolt sein Wissen um den deutschen Markt einbringen. Er sieht Chancen, weil viele Deutsche noch keine Bestellplattform nutzten. Es lohne sich, um diese Zielgruppe zu buhlen: „Erstmalige Onlinebesteller sind der Schlüssel zum Erfolg, nicht das Abwerben von Kunden“, meint Gadowski. Bei Delivery Hero habe er festgestellt, dass die meisten Nutzer einer Plattform treu bleiben, wenn sie sich erst einmal angemeldet haben. Sie zum Wechsel zu bewegen sei deutlich teurer.

„Der Markt für Essenslieferungen wird 2020 beim Umsatz global denjenigen für Online-Reiseportale überholen. Daher gibt es nicht nur Platz für einen Anbieter pro Land“, sagt Kuusi. „Wir haben lange auf Deutschland geschaut. Aber erst nach der Marktbereinigung der vergangenen Jahre ist der richtige Zeitpunkt da“, glaubt er.

Auf Berlin folgen wohl München und Frankfurt

Seit gut zwei Monaten ist Wolt in der Hauptstadt aktiv. „Berlin hat uns sehr freundlich aufgenommen. In keiner anderen Stadt sind wir nach dem Start so schnell gewachsen“, sagt Kuusi. Weitere Städte sollen folgen: Stellen in München und Frankfurt sind bereits ausgeschrieben.

Eine neue Werbeschlacht will Kuusi nicht anzetteln. „Wir haben in Berlin eben nicht jede Werbetafel in der Firmenfarbe Blau erstrahlen lassen, sondern wachsen vor allem durch Empfehlungen von Nutzern und Gastronomen“, sagt er. „In vielen Ländern haben wir erst angefangen, als es schon einen starken Konkurrenten gab – und sind inzwischen oft Marktführer“, sagt Kuusi.

Michael Lidl, Chef der Branchenberatung Treugast, sieht Chancen für Wolt. Bei einer stichprobenartigen Umfrage in Berlin hätten Restaurants angegeben, Wolt sei pünktlicher und verlange weniger Provision als Lieferando: „Wolt hat einen spannenden Ansatz. Es war nicht davon auszugehen, dass Lieferando auf ewig allein auf dem deutschen Markt bleibt.“

Der Markteintritt ist dennoch ein Frontalangriff auf die Strategie von Takeaway. Schließlich haben die Niederländer das Deutschlandgeschäft von Delivery Hero deshalb gekauft, weil sie davon ausgehen, dass vor allem ein klarer Marktführer gutes Geld verdienen kann.

Bislang geht das Kalkül auf: Mit 58 Millionen Euro drehte das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) für das Takeaway-Deutschlandgeschäft im ersten Halbjahr 2020 endlich ins Plus. Hauptgründe für den Erfolg sind verringerte Werbeausgaben und mehr Kunden. „Bislang konnten wir seit dem Markteintritt von Wolt vor rund zwei Monaten keine Auswirkungen feststellen“, sagt eine Sprecherin. Takeaway sehe „den Eintritt neuer Marktbegleiter als Chance, unsere Position als Marktführer weiter zu stärken“.

Der Deal mit Delivery Hero sollte diese starke Position eigentlich absichern: Der Konzern verpflichtete sich, der Takeaway-Marke Lieferando im Heimatland keine Konkurrenz mehr zu machen. Doch dessen Mitgründer Gadowski fühlt sich an die Vereinbarung nicht gebunden. „Ich bin nur ein Privatanleger, der ein richtig gutes Unternehmen unterstützen will“, sagt er.

Eigentlich habe er nach dem Rückzug von Delivery Hero selbst einen neuen Lieferdienst in Deutschland aufbauen wollen. Dafür habe er bei Wolt angefragt, ob es möglich sei, dessen Software zu lizensieren. Kuusi habe geantwortet, dass Wolt selbst vor dem Markteintritt in Berlin stehe – und Gadowski so als Investor gewonnen. „Mein ursprünglicher Plan war nicht, zu so einem späten Zeitpunkt irgendwo einzusteigen“, sagt Gadowski. Doch dann habe er sogar zehn Millionen Euro investieren wollen, Kuusi aber nur fünf Millionen Euro nehmen wollen. Letztlich hätten sich die Partner in der Mitte getroffen, sagt Gadowski.

Gegen Delivery Hero konkurriert Wolt kaum, da die Berliner einen Großteil ihres Geschäfts in Asien, Nahost und Lateinamerika machen. Das erleichtert Gadowski sein Engagement. Einen offensichtlichen Konflikt gibt es jedoch: Kurz nach Wolt hat auch Delivery Hero in diesem Jahr angekündigt, in den unterentwickelten japanischen Liefermarkt einsteigen zu wollen.

Wolt strebt an die Börse

Für Wolt ist Wachstum wichtig, denn die Finnen streben an die Börse. Ende kommenden Jahres könnte das Unternehmen bereits reif dafür sein, sagt Kuusi. Eile bestehe aber nicht. „Wir wollen ein großes europäisches Internetunternehmen aufbauen“, nennt er als Ziel für den 2014 in Finnland gegründeten Lieferdienst. Mit insgesamt 267 Millionen Euro Risikokapital ist Wolt jedoch vergleichsweise gering finanziert. Laut „Crunchbase“ konnte der heutige Dax-Konzern Delivery Hero seit der Gründung 5,1 Milliarden Dollar einsammeln.

Wolt ist aktuell in 23 Ländern aktiv, vor allem in Europa. In zehn Ländern erziele Wolt bereits einen positiven Cashflow. Öffentlich sind die Bilanzzahlen nicht.

Der Dienst liefert Essen mit eigenen Fahrern. Darin unterscheidet sich das Geschäftsmodell von den großen Konkurrenten: Delivery Hero und Takeaway vermitteln vor allem Online-Aufträge an bestehende Lieferdienste mit eigenen Fahrern, also etwa an Pizzataxis. Eigene Fahrradkuriere runden das Angebot lediglich in den größeren Städten ab. Takeaway-Gründer Jitse Groen vertritt sogar die Ansicht, dass sich mit eigenen Fahrern kein Geld verdienen lässt. In Deutschland sei denn auch nur das Geschäft ohne eigene Fahrer, das 90 Prozent des Umsatzes ausmache, bereits „strukturell profitabel“, sagt eine Sprecherin.

Wolt-Chef Kuusi will dagegen ausschließlich mit eigenen Boten arbeiten. „Wir kontrollieren so den Ablauf der Lieferungen“, sagt Kuusi. Dank der eigenen Software könne Wolt so Fahrten effizient bündeln – und etwa zwei Lieferungen auf einmal transportieren.

Ein Selbstläufer ist das Fahrer-Modell nicht – im Gegenteil: In Deutschland versuchte sich der britische Anbieter Deliveroo bereits vergeblich daran, mit eigenen Fahrern auch aus hochwertigen Restaurants zu liefern. Obwohl die Londoner das Deutschlandmanagement austauschten und die Strategie mehrfach anpassten, verließen sie 2019 den deutschen Markt, um ihre Verluste zu begrenzen.