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Wizz Air: Der überlegene Angreifer

·Lesedauer: 7 Min.

Wizz Air ist die größte Linie in Osteuropa und drängt trotz der Coronakrise in den Westen. Diese fünf Grafiken zeigen, warum der ungarische Ultrabilligflieger als Angstgegner der europäischen Fluglinien gilt.

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Wer József Váradi das erste Mal trifft, hält ihn kaum für einen Erfolgsunternehmer im Luftfahrtgewerbe. Während seine Kollegen von Ryanair, Easyjet oder Lufthansa meist braun gebrannt sind und mit lockeren Sprüchen auftreten, wirkt der Chef der ungarischen Wizz Air in seiner hageren und bleichen Art fremd in der Fernwehbranche. Auch seine Auffassung vom Geschäft machte ihn dort lange zum Außenseiter. „Weil Wizz Air die Kundschaft mit seine grell-billigen Lackierung und Gebühren selbst für die Mitnahme von Handgepäck an Bord piesackte, haben wir lange auf die Airline herabgesehen“, gibt ein führender Lufthansa-Manager zu. „Selbst als wir Wizz vor ein paar Jahren für kleines Geld hätten übernehmen können, haben wir lieber Problemfälle wie Norwegian oder Alitalia geprüft.“

Das dürfte die Lufthansaspitze gerade in der Coronakrise bedauern. Der Ultrabilligflieger Wizz Air ist vom belächelten Osteuropaspezialisten zum Angstgegner geworden. Die Linie schlägt sich derzeit nicht nur besser als alle ihre Konkurrenten – inklusive des lange unaufhaltsamen Billigmarktführers Ryanair. Sie hat auch die beste Bilanz und die besten Aussichten für die Zukunft, glaubt Daniel Roeska, Analyst des New Yorker Brokerhaues Bernstein in einer gerade veröffentlichten Studie: „Wizz Air ist die letzte große Wachstumsgeschichte der europäischen Flugbranche.“ Für ihn sind die Aussichten sogar besser als bei Ryanair im Jahr 2007, als die vor ihrem Wachstumsschub die gleiche Größe wie Wizz Air heute hatten. „Gehen Sie an Bord und bleiben Sie für Jahre“, rät Roeska Investoren.

Für Wizz Air spricht derzeit nicht nur der Kampfgeist von József Váradi, einst Mitglied des ungarischen Karate-Nationalteams. Entscheidend sind fünf Punkte, die Wizz nicht nur Linien wie Air-France-KLM und Lufthansa voraus hat, sondern auch ihren Billig-Konkurrenten Ryanair, Easyjet und Norwegian.

1. Krisenresistent

Zwar musste auch Wizz Air in der Krise Flüge und Strecken streichen – und kam zuletzt auf gut die Hälfte des Vorjahresangebots. Trotzdem kommt die Linie damit gut weg. Lufthansa fliegt im Oktober wohl nur zehn Prozent der im Herbst 2019 angebotenen Verbindungen, statt wie im August geplant 20 Prozent. Ryanair ist ebenfalls deutlicher geschrumpft – auf etwa 40 Prozent des Vorjahreswerts.

Der Vorteil der Ungarn: ihre Kunden. Wizz hat lediglich sieben Prozent Geschäftsreisende, die derzeit fast gar nicht mehr unterwegs sind. Bei Ryanair sind es gut zwölf Prozent und bei Lufthansa fast 30 Prozent. Dazu hat Wizz Air unter den Freizeitreisenden besonders viele jüngere Kunden. „Wir haben im Schnitt die jüngsten Passagiere, die auch jetzt besonders gern reisen, sich schneller anpassen und das geringste gesundheitliche Risiko eingehen“, sagt Váradi selbst im Interview mit der WirtschaftsWoche. Dazu besuchen bei Wizz überdurchschnittlich viele Kunden Familie und Verwandte oder reisen zurück zu ihren Jobs im Westen – wo sie ein Corona-Test oder eine kurze Quarantäne wenig schreckt.

2. Die niedrigsten Kosten

Auch wenn es Ryanair-Chef Michael O’Leary in seinen Investorenpräsentationen immer wieder anders darstellt: Die niedrigsten Kosten in Europa hat nicht seine Linie, sondern Wizz Air. Das ist entscheidend, denn die Airline mit den geringsten Ausgaben kann sich günstigere Tickets und längere Preiskämpfe leisten.

Bei den Ungarn liegen die Ausgaben pro Passagierkilometer bei 3,4 Cent. Bei Ryanair sind es rund vier Cent, wobei die Iren die Zahl ebenso wenig wie die Konkurrenten nicht veröffentlichen. Analysten ermitteln den Wert also. O’Leary nennt in seinen Übersichten und seiner Bilanz immer nur die Ausgaben pro Kunde, bei denen er vorne liegt. Doch der Vorteil rührt daher, dass die Iren im Schnitt kürzere Strecken fliegen – und darum notgedrungen pro Ticket mehr ausgeben vor allem beim Sprit und den auf die einzelne Route umgelegten Ausgaben für Flugzeug und Verwaltung.

Für die niedrigen Kosten bei Wizz sorgt neben der modernen IT-basierten Arbeit die Unternehmensstruktur. Nur die hoch spezialisierten und gut bezahlten Jobs wie EDV, Planung und Finanzen stationiert sie in teuren westlichen Städten wie Genf oder London. Den Großteil der Arbeit erledigt dagegen vorwiegend zu osteuropäischen Gehältern beschäftigtes Personal ohne Tarifverträge. Dazu überlässt Váradi viel Arbeit Zulieferfirmen, die leichter Zugeständnisse machen – gerade in Krisen wie jetzt.

3. Ununterbrochen aufwärts

Wizz Air ist seit der Gründung vor fast 20 Jahren fast ununterbrochen profitabel gewachsen – und das mit höheren Raten und Gewinnmargen als Ryanair. Dabei fielen sogar einige Kosten, weil die festen Ausgaben für Verwaltung oder Marketing langsamer zulegten als das Geschäft insgesamt. Der Linie verschafft der permanente Zuwachs die größte Routine, schnell neue Flüge und zusätzliche Flughäfen in Betrieb zu nehmen. Wettbewerber haben in den vergangenen Jahren vor allem ihr bestehendes Netz durch zusätzliche Flüge auf vorhandenen Routen ausgebaut oder die Verknüpfung bereits angeflogener Airports verdichtet.

Der Vorteil zeigte sich in den vergangenen Monaten: Wizz Air milderte die Auswirkung der ständig wechselnden Reisewarnungen, indem sie ein Viertel ihrer gut 130 Maschinen auf von Einschränkungen weniger betroffene Strecken und Flughäfen verlegte. Dank ihrer Flexibilität konnte sich die Linie bei unerwarteten Beschränkungen auch schnell wieder verabschieden, bevor die Verluste durch den Betrieb schlecht ausgelasteter Maschinen zu groß wurden.


Wizz Air: Wachsendes Netz und glänzende Aussichten

4. Die besten Aussichten

Wegen der guten Gegenwart sieht Analyst Roeska auch die Wizz-Air-Zukunft positiv. So könne die Linie die Flotte von gut 130 Jets auf 200 Flugzeuge im Jahr 2024 ausbauen, ohne den Markt und sich selbst zu überfordern. Ende des Jahrzehnts hält er sogar gut 300 Jets für wahrscheinlich.

Zum einen hat die Linie in Osteuropa noch reichlich Wachstumsmöglichkeiten. Weil die Region wirtschaftlich stark wächst, aber das die Bevölkerung im Osten bislang seltener fliegt als im Westen, dürfte sie nach der Corona-Zeit beim Flugverkehr stärker zulegen. Damit könnte Wizz Air seine Position nicht nur lokal ausbauen. Die Marktführerschaft sorgt auch für einen größeren Anteil am Ost-West-Verkehr. Und diese Bekanntheit und Größe kann die Linie dann in Westeuropa nutzen.

Wichtigstes Hilfsmittel dabei ist der Airbus A321. Das derzeit größte Mittelstreckenflugzeug im Markt hat dank der vielen Sitze die niedrigsten Kosten pro Passagier. Damit kann Wizz Air mit verhältnismäßig geringem Risiko auf den lukrativsten Routen die Wettbewerber angreifen. Dass der A321 in den neuen Varianten neo und XLR auch längere Strecken wie von und nach Abu Dhabi effizienter und mit weniger Kunden profitabler fliegen kann, macht ihn auch zur sinnvollen Alternative für Großraum-Jets.Und zu guter Letzt fällt der Linie mit den neuen Airbus-Jets auch die Diskussion um die Nachhaltigkeit des Fliegens leichter: Die Maschinen sorgen bei 90 Prozent Auslastung mit weniger als 60 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer für die geringste Umweltbelastung.

5. Breites Netz

Auch wenn Wizz Air vielen noch als Osteuropa-Spezialist gilt, hat sie längst ein breites Netz mit inzwischen 46 Flughäfen zwischen Island und bald Abu Dhabi sowie Moskau und den Kanarischen Inseln aufgebaut. Dazu zählen inzwischen auch viele größere Städte wie Mailand oder London mit dem Flughafen Luton. Auch in Deutschland hat Wizz Air bereits 13 Flughäfen, inklusive des Drei-Länder-Airports Basel-Freiburg – mehr als etwa die British-Airways-Mutter IAG oder Air France.

Das gibt den Ungarn jede Menge Ansatzpunkte für schnelles Wachstum. Die Stärke der Linie sind die vielen kleineren Flughäfen. Diese bieten nicht nur besonders günstige Gebühren, anders als Großflughäfen, die derzeit auf Staatshilfen hoffen können und darum auch mit Rücksicht auf die Marktführer eher weniger Rabatte anbieten. Wizz Air hat die Landeplätze auch weitgehend für sich, weil Ryanair das Engagement dort zuletzt zu Gunsten größerer Airports heruntergefahren hat.



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