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Wirecard-Partner in Asien stellt Dienst ein: Investoren fürchten um ihr Geld

·Lesedauer: 6 Min.

Österreichische Gründer feierten sich in Singapur als Krypto-Revolutionäre. Nun ist ihre Idee zumindest vorerst gescheitert – angeblich an Wirecard.

Das Start-up TenX wollte von Singapur aus Kryptowährungen als Bezahlmittel im Alltag etablieren. Foto: dpa
Das Start-up TenX wollte von Singapur aus Kryptowährungen als Bezahlmittel im Alltag etablieren. Foto: dpa

Der Zusammenbruch von Wirecard bringt ein viel beachtetes Finanztechnologie-Unternehmen österreichischer Gründer in Asien ins Wanken: TenX. Investoren haben 2017 rund 80 Millionen Dollar in die Firma investiert. Nun steckt das Unternehmen in einer schweren Krise.

Das Start-up TenX mit Sitz in der südostasiatischen Metropole Singapur hatte sich zum Ziel gesetzt, Kryptowährungen als Bezahlmittel im Alltag zu etablieren. Dafür vertrieb es Debitkarten, die mit Digitalwährungen wie Bitcoin und Ethereum aufgeladen werden konnten. Mit ihnen sollten Kunden an der Supermarktkasse ganz regulär in Landeswährung zahlen können; abgerechnet werden sollten die Einkäufe dann in virtueller Währung. TenX versprach also nichts weniger als den Durchbruch für Bitcoin und Co. im Einzelhandel.

Doch nun stellt das Unternehmen, das seit dem Start mit vielen Problemen zu kämpfen hatte, den Dienst ein – unter Verweis auf die Turbulenzen bei seinem Geschäftspartner Wirecard. Der Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München war im Zuge eines milliardenschweren Bilanzskandals in die Pleite geschlittert.

Die Zukunft von TenX ist damit ebenso ungewiss wie die Antwort auf die Frage, was mit dem Kapital passiert, das die Gründer 2017 bei einem virtuellen Börsengang, einem sogenannten Initial Coin Offering (ICO), eingenommen haben. Damals ausgegebene sogenannte Tokens, virtuelle Wertmarken, sind beinahe wertlos geworden.

Das Gründungsteam, zu dem der als „Krypto-Guru“ bekannte österreichische Unternehmer und Mediziner Julian Hosp gehörte, ist inzwischen komplett zerstritten. Und geleakte E-Mails von Finanzmarktaufsehern in Europa offenbaren chaotische Verhältnisse bei dem Start-up.

Start-up wollte die Welt des Bezahlens „fundamental verändern“

Dabei war alles so vielversprechend losgegangen. Vor drei Jahren warb das Unternehmen mit großen Versprechen um Investorengelder: Mit der Beteiligung an dem ICO würden Geldgeber die Chance bekommen, sich „an unserem langfristigen Wachstum und unserer Erfolgsgeschichte zu beteiligen, um die Welt des Bezahlens fundamental zu verändern“, hieß es.

Damit konnte TenX in der Kryptoszene offenbar viele Anleger überzeugen: Innerhalb weniger Minuten wurden im Sommer 2017 nach Unternehmensangaben Tokens im Wert von 80 Millionen Dollar verkauft. Über diese handelbaren Tokens sollten die Eigentümer am Unternehmenserfolg teilhaben können. Doch an Tauschbörsen ging der Kurs der Token in den Keller. Von über fünf Dollar im Januar 2018 stürzte er auf zuletzt sechs Cent ab.

Auf die jüngsten Entwicklungen reagierten Investoren empört. Was die Geschäftsführung aus der einst großartigen Vision gemacht habe, sei einfach nur traurig, schrieb einer von ihnen auf Facebook. Zuvor hatte TenX mitgeteilt, „die derzeitigen Anwendungen schrittweise auslaufen“ zu lassen. Das betreffe die Debitkarten, die über Tochterfirmen von Wirecard in Asien und Europa herausgegeben wurden.

In Singapur hatte die Finanzaufsicht angeordnet, dass Wirecard dort ab dem 14. Oktober keine Zahlungen mehr abwickeln darf – und die Kundengelder zurückzahlen muss. In Europa würden die Karten in Kürze deaktiviert werden, weil Wirecard Insolvenz angemeldet habe. Das Guthaben darauf bleibe „sicher und zugänglich“, teilt TenX mit.

TenX hatte bereits in den Jahren zuvor erhebliche Schwierigkeiten, die versprochenen Krypto-Debitkarten breitflächig auf den Markt zu bringen, und hatte seine Geldgeber und Kunden lange vertröstet. In der offiziellen Ankündigung des Rückzugs aus dem bisherigen Kerngeschäft teilte TenX nun mit, an einem neuen Geschäftsmodell zu arbeiten, ohne dabei Details zu nennen.

In sozialen Medien kritisierten TenX-Nutzer, das Unternehmen würde versuchen, die Schuld für seine Probleme auf Wirecard zu schieben. Auf Anfrage gab das Unternehmen keine Antwort auf die Frage, weshalb es anstelle von Wirecard nicht mit einem neuen Partner für die Ausgabe der Karten zusammenarbeite.

Auch von Co-Gründer Hosp, der 2019 aus der Unternehmensspitze ausgeschieden war, kommt heftige Kritik an der Führung des Start-ups: „Die Firma geht jetzt den Bach runter“, sagte er kurz vor der TenX-Ankündigung zur Einstellung der bisherigen Dienste im Gespräch mit dem Handelsblatt. Das Unternehmen mache so gut wie nichts mehr und Mitarbeiter flüchteten.

Er wolle dem Management rund um seinen früheren Geschäftspartner Toby Hoenisch, der ebenfalls aus Österreich stammt, zwar keinen sogenannten Exit-Scam unterstellen, sagte Hosp. In der Krypto-Szene versteht man darunter einen bewusst als betrügerisch angelegten ICO. Es wäre aus seiner Sicht aber nicht überraschend, wenn das Start-up demnächst als unternehmerischer Fehlschlag gewertet wird, so Hosp.

Gründer Hoenisch, der mehrere Jahre CEO bei TenX war und im Juli auf den Posten des Finanzchefs wechselte, reagierte über mehrere Tage hinweg auf Handelsblatt-Anfragen nicht. Seine frühere Handynummer in Singapur war nicht mehr aktiv. Hosp sagte: „Soweit ich weiß, ist der aus Singapur weg.“

Eine Unternehmenssprecherin teilte mit: „Wir haben eine gesunde Finanzierung, und unser Managementteam, inklusive Toby, arbeitet jeden Tag sehr hart daran, ein Qualitätsprodukt auf den Markt zu bringen.“ Die Token aus dem ICO würden auch künftig eine Rolle spielen.

Trennung im Streit

Hosp und seine Mitgründer, zu denen neben Hoenisch auch der Thailänder Paul Kittiwongsunthorn gehört, hatten sich vor zwei Jahren im Streit getrennt. Hosp sagt im Gespräch mit dem Handelsblatt, er sei von seinen damaligen Geschäftspartnern aus dem Unternehmen gedrängt worden. Diese hätten seinen Rücktritt von dem Posten als Präsident der Firma verlangt. „Ich war der, der auf Wachstum gedrängt hat, der expandieren wollte, sie wollten genau das Gegenteil“, behauptet Hosp. TenX kommentierte den Vorgang auf Anfrage nicht.

Hosp war zuvor mit auffälligen Transaktionen mit TenX-Token in Verbindung gebracht worden, etwa kurz vor seinem Abschied. Gegenüber dem Branchenportal „BTC-Echo“ hatte Hosp Verkäufe bestätigt, diese jedoch als „primär steuerlich motiviert“ bezeichnet. Gegenüber dem Handelsblatt bestreitet er jegliches Fehlverhalten: „Ich habe finanziell praktisch überhaupt nicht profitiert.“

Nach seinem Ausscheiden sei es zu einer rechtlichen Auseinandersetzung und einer außergerichtlichen Einigung gekommen, sagte Hosp. Er habe eine Summe von weniger als einer Million Dollar erhalten. Mit den früheren Geschäftspartnern habe er keinen Kontakt mehr: „Die sind für mich inzwischen Luft“, so Hosp.

Von einem Whistleblower geleakte E-Mails zeichnen unterdessen ein Bild von chaotischen Vorgängen bei TenX. Ende 2018 bemühte sich TenX um eine sogenannte E-Geld-Lizenz in Liechtenstein – ein Kernelement beim Versuch, die Krypto-Debitkarte in Europa auf den Markt zu bekommen. Doch in den eingereichten Unterlagen gab es offenbar Unregelmäßigkeiten.

Dabei ging es um Daten zu den Geldgebern von TenX, die das Unternehmen aufgrund von Antigeldwäschebestimmungen vorlegen musste. Eine Mitarbeiterin von Liechtensteins Finanzaufsicht beanstandete die Ungereimtheiten in den geleakten E-Mails, deren Authentizität die Behörde gegenüber dem Handelsblatt bestätigt hat. Weiter kommentieren wollte die Aufsicht den Vorgang auf Anfrage nicht.

Die Behörde wirft TenX in ihren E-Mails vor, in unterschiedlichen Dateien deutlich unterschiedliche Angaben über die Zahl der Investoren gemacht zu haben. Auch bei den Angaben über die durchschnittliche Investitionssumme habe es erhebliche Diskrepanzen gegeben. TenX begründete dies mal mit unvollständig abgeschickten Dateien, mal mit missverständlicher Kommunikation.

Die Liechtensteiner Aufseher ließen sich davon offenbar überzeugen: Am Ende erhielt TenX die Lizenz, die den Zugang zum EU-Markt eröffnete. Im Februar dieses Jahres kamen die ersten Krypto-Debitkarten des Unternehmens dann in Deutschland und Österreich auf den Markt.

Genutzt hat es nichts. Wenige Monate später ist der Markteintritt Geschichte und die Zukunft von TenX offener denn je.