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Warum der weltgrößte Stahlkonzern beim Klimaschutz nicht nur auf Wasserstoff setzt

Wegen der Coronakrise kämpft Arcelor-Mittal mit einem heftigen Nachfragerückgang. An den selbstgesteckten Klimazielen hält der Konzern dennoch fest.

In der Hansestadt testet der Konzern den Einsatz von Wasserstoff in der Stahlproduktion. Foto: dpa

Die globale Corona-Pandemie hat die Krise der europäischen Stahlindustrie massiv verschärft. Nachdem die Branche bereits seit Jahren über steigenden Importdruck und anhaltende Überkapazitäten in Europa klagt, kam durch die Pandemie-Maßnahmen der Regierungen nun auch noch ein massiver Nachfrageeinbruch hinzu.

Davon blieb auch der weltgrößte Hersteller Arcelor-Mittal nicht verschont. Erst vor wenigen Wochen gab der Konzern bekannt, seine Produktion in Europa in diesem Jahr um bis zu zehn Prozent zu kürzen. Betroffen sind davon unter anderem Werke in Belgien, Spanien und Deutschland.

Der luxemburgische Stahlkocher will aber an seiner Strategie für eine klimaneutrale Produktion festhalten. „Natürlich hören wir in Europa die Botschaft laut und deutlich, dass die Regierungen nicht wollen, dass Covid-19 die Dekarbonisierung der Wirtschaft verzögert“, sagte Aditya Mittal, Finanzchef und Sohn des Firmenpatriarchen Lakshmi Mittal, dem Handelsblatt bei der Vorlage der Klimastrategie des Konzerns.

Für die globale Stahlindustrie ist die Senkung der immer noch hohen CO2-Emissionen die wohl drängendste Zukunftsaufgabe. So hat die EU zur Einhaltung der Pariser Klimaziele genaue Vorgaben erlassen: Bis 2030 müssen die Unternehmen ihre Emissionen im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent senken. Ab 2050 soll dann die gesamte europäische Wirtschaft klimaneutral werden.

Vor allem die Stahlhersteller stellt das vor große Herausforderungen. Denn das CO2 entsteht im Produktionsprozess derzeit als Abfallprodukt bei der Verarbeitung von Eisenerz zu Eisenschwamm oder Roheisen mittels Erdgas oder Kohle. Pro Tonne produziertem Stahl entstehen so rund 1,7 Tonnen CO2. Deshalb gehört die Stahlherstellung zu einem der emissionsintensivsten Geschäfte in der Industrie.

Mit Hochdruck arbeitet die Branche daher bereits seit einiger Zeit an klimaneutralen Produktionsverfahren. Als aussichtsreichster Kandidat gilt dabei die sogenannte Wasserstoff-Route, bei der fossile Reduktionsmittel wie Erdgas oder Kohle durch grünen Wasserstoff ersetzt werden, der wiederum mit Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugt werden kann.

Doch der Preis dafür ist hoch. So erwartet Arcelor-Mittal bei einem Umstieg auf Wasserstoff einen Anstieg der Produktionskosten um bis zu 80 Prozent – und rechnet mit Investitionen von 30 bis 40 Milliarden Euro in den nächsten Jahrzehnten, um allein seine eigenen Anlagen in Europa umzurüsten. Hinzu kommen Kosten von bis zu 200 Milliarden Euro, um die dafür notwendige Infrastruktur aufzubauen.

Mittal sieht die Politik gefordert

Einen ersten Testlauf für das Verfahren hat der Konzern in seinem Hamburger Werk gestartet. Hier sollen ab 2023 jährlich rund 100.000 Tonnen grüner Stahl mittels Wasserstoff produziert werden. Unterstützt wird das Projekt unter anderem von der Stadt Hamburg, die sich an der Gesamtinvestitionssumme von 65 Millionen Euro beteiligt.

„Die Dekarbonisierung der Wirtschaft ist sehr teuer“, sagte Mittal. Das sei in Sektoren wie der Stahlherstellung aus eigener Kraft nicht möglich. „Wir sind dafür verantwortlich, die Technologien zu entwickeln und zu erproben, die den Stahlherstellungsprozess dekarbonisieren. Wir brauchen aber eine Politik, die es ermöglicht, diese Technologien erschwinglich und kommerziell zu machen.“

Mit anderen Worten: Für die auch vor Corona schon notleidende Branche sind solch hohe Summen kaum zu stemmen. Allein im ersten Quartal verlor Arcelor-Mittal wegen des Nachfrageeinbruchs rund eine Milliarde Euro. Deshalb setzt der Stahlkonzern in hohem Maße auf öffentliche Förderungen, um den Wettbewerbsnachteil klimaneutraler Produktionsverfahren gegenüber ausländischen Herstellern vor allem aus China auszugleichen.

Konkret forderte Mittal einen finanziellen Ausgleichsmechanismus für EU-Importe, bei dem klimaschädlich produzierter Stahl aus dem Ausland mit einer Art CO2-Zoll belegt werden soll.

Zudem soll sich die öffentliche Hand nicht nur an der Entwicklung und Erforschung neuer Technologien, sondern auch an den Investitionskosten für den industriellen Einsatz beteiligen – ebenso wie an den steigenden Produktionskosten, die mithilfe von Förderungen ausgeglichen werden könnten.

Parallele zur Energiewende

„Wir wissen, dass unsere Kunden grünen Stahl wollen“, sagte Mittal. Die Frage sei aber, ob sie auch bereit seien, mehr dafür zu bezahlen. „Wenn grüner Stahl nicht zu wettbewerbsfähigen Bedingungen hergestellt werden kann, wird er nicht überleben.“ Es müsse daher eine Politik entworfen werden, „die finanzielle Unterstützung und Anreize bietet, die die europäische Stahlindustrie zur Dekarbonisierung benötigt“.

Dabei zieht der Manager eine Parallele zur Energiewende in Europa: „Wenn Sie sich den Sektor der erneuerbaren Energien im Vergleich ansehen, hat dieser Bereich in den vergangenen 15 Jahren sehr deutliche finanzielle Unterstützung erhalten, was zu erheblichen Fortschritten geführt hat.“ Es gebe also Präzedenzfälle für solche Forderungen.

Neben der Wasserstoff-Route, die den Konzern bis 2050 in die Klimaneutralität führen soll, verfolgt Arcelor-Mittal parallel noch einen zweiten Weg, um die Emissionen kurzfristig bis 2030 um 30 Prozent im Vergleich zu 2018 zu senken. Dabei will der Konzern einerseits das in seiner Produktion entstehende CO2 recyceln, um damit Bio-Ethanol und andere Vorprodukte für die Plastikherstellung zu erzeugen.

Am Ende des Lebenszyklus sollen diese Produkte wieder zu Biomasse zersetzt werden. Diese wiederum kann dann erneut für die Reduktion von Eisenerz verwendet werden. So entsteht ein CO2-Kreislauf, ohne dass das klimaschädliche Gas zwischendurch in die Atmosphäre gelangt. Emissionen, die durch den Einsatz von Brennstoffen außerhalb dieses Kreislaufs entstehen, will Arcelor-Mittel abfangen und speichern („Carbon Capture and Storage“, CCS).

Im Vergleich zur Wasserstoff-Route ist das Verfahren deutlich günstiger. So rechnet der Konzern für das „Smart Carbon“ genannte Konzept mit Investitionen von bis 25 Milliarden Euro, wobei die Produktionskosten dabei um bis zu 60 Prozent steigen dürften. Hinzu kommen Kosten von bis zu 165 Milliarden Euro für den Aufbau der notwendigen Infrastruktur. „Aktuell ist Smart Carbon weniger kostenintensiv als Wasserstoff, obwohl beide erhebliche Kosten mit sich bringen“, fasste Mittal zusammen.