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Welche Chancen der Brexit für Anleger bietet

Die Neuwahlen in Großbritannien entscheiden auch über die Aktienkurse. Von stabilen Verhältnissen könnten vor allem kleinere Firmen profitieren.

Der Wahlkampf in Großbritannien geht in seine Endphase. Die Gemüter sind mittlerweile so aufgeheizt, dass die Polizei den Kandidaten geraten hat, nicht allein in den Straßenwahlkampf zu ziehen, und vor Auftritten in unruhiger Umgebung mit der Polizei Kontakt aufzunehmen.

Politiker für und gegen einen Brexit, einen Austritt des Landes aus der Europäischen Union (EU), haben Todesdrohungen bekommen. Bisher hat die Eskalation die Finanzmärkte kaum erfasst, die Börsianer behalten kühlen Kopf. Trotzdem ist das Thema auch für Anleger wichtig.

Klar ist: Britische Aktien sind billig. Die Frage ist nur, ob mit einer baldigen Erholung zu rechnen ist. Dafür sind zwei Faktoren maßgeblich, die eng miteinander zusammenhängen: der Ausgang der Wahlen und der Kurs des britischen Pfunds.

Frank Endres, Leiter Portfolio Management beim Bankhaus Metzler, hält britische Aktien für grundsätzlich attraktiv, hat sie in seinen Portfolios bisher aber noch untergewichtet. Gemessen an gängigen Bewertungskennziffern wie dem Kurs-Gewinn-Verhältnis zählt der britische Aktienmarkt seiner Meinung nach zu den günstigsten weltweit.

Der Bewertungsabschlag des MSCI United Kingdom im Vergleich zum MSCI Europe ex UK betrage aktuell 22 Prozent. Während der vergangenen 20 Jahre hat der Abschlag nach seiner Berechnung hingegen nur bei durchschnittlich fünf Prozent gelegen. Ähnlich sehe es im Vergleich zu den US-Börsen aus, sagt der Fondsmanager. Die britischen Papiere liegen zurzeit 50 Prozent unter denen der USA. Im langjährigen Durchschnitt waren es nur 30 Prozent.

Die von den Marktteilnehmern erwartete Dividendenrendite für das Jahr 2020 liegt laut den Strategen des Bankhauses Metzler in Großbritannien bei rund 4,9 Prozent und damit so hoch wie in fast keinem anderen Land aus den entwickelten Volkswirtschaften. Zum Vergleich: Für den kontinentaleuropäischen Markt schätzen die Experten die Dividendenrendite auf etwa 3,5 Prozent, für den US-amerikanischen auf 2,0 Prozent.

Vinay Sharma, Fondsmanager beim genossenschaftlichen Anbieter Union Investment, hofft auf eine klare Mehrheit für die Tories, also die Konservativen – das erwarten zurzeit auch die meisten Experten. Dies sollte zu einer Erholung an den britischen und europäischen Börsen führen. Eine Minderheitsregierung der Tories wäre dagegen eine Enttäuschung für die Marktteilnehmer.

„Die Attraktivität britischer Aktien hängt an der Politik“

Damit würde das Ringen um den Brexit weitergehen. „Noch negativer wäre eine Mehrheit für Labour. Die Pläne der Labour-Partei, die Energieunternehmen, die Versorger, die Post und die Bahn zu verstaatlichen, würden zu starken Abschlägen an der britischen Börse führen“, fürchtet der Fondsmanage von Union Investment. Doch bisher sieht es nicht nach einem Durchmarsch der Labour-Partei aus.

Die Konservative Partei des britischen Premierministers Boris Johnson erzielte zuletzt in einer Umfrage im Auftrag des „Sunday Telegraph“ die höchste Zustimmung seit 2017. 41 Prozent der Befragten würden danach für die Konservativen stimmen, wie die Umfrage des Instituts SavantaComRes ergab. Die Labour-Partei lag bei 33 Prozent. Die proeuropäischen Liberaldemokraten kämen auf 14 Prozent, die Brexit-Partei auf fünf Prozent.

Sharma rechnet entsprechend seiner politischen Prognose damit, dass das britische Pfund gegenüber dem US-Dollar an Wert zulegt. „Davon profitieren die britischen Unternehmen, die auf den Heimatmarkt ausgerichtet sind“, sagt er. Insbesondere die Nebenwerte von der Insel hält er für aussichtsreich.

Dagegen dürften exportorientierte Firmen, beispielsweise aus dem Industriegüter-Bereich, leiden. Denn ihre Produkte werden bei einer stärkeren britischen Währung im internationalen Wettbewerb teurer. Da der Leitindex FTSE 100 recht exportlastig ist, dürften die Kurschancen dort begrenzt sein.

„Die Attraktivität britischer Aktien hängt an der Politik“, sagt auch Martin Lück vom US-Fondsanbieter Blackrock. Ideal für die Märkte wäre ein Brexit mit einer Austrittsvereinbarung mit der EU, meint auch er. Dieses Szenario hält der Stratege mit rund 60 Prozent für am wahrscheinlichsten. Das setze voraus, dass die Konservativen eine Mehrheit im Parlament erringen und damit wieder handlungsfähig werden.

Auch James Thorne, Fondsmanager bei Columbia Threadneedle, hofft auf ein Ende des Stillstands im Parlament. Eine Mehrheit für Johnson würde dem Premier erlauben, eine Vereinbarung mit der EU zu treffen.

Eine Mehrheit der Liberaldemokraten und der Labour Partei sollte ebenfalls zu einem „weichen“ Brexit führen – also zu einem Austritt mit klaren Regeln. Möglicherweise könnte bei dieser politischen Variante der Brexit sogar noch ganz gestoppt werden.

Auch bei einem weichen Brexit „hängt der Aktienhimmel nicht voller Geigen“, schränkt Lück ein. Denn damit wäre nur ein erster Schritt zur Umsetzung getan, ein Handelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU müsse noch bis Ende 2020 ausgehandelt werden. Und bis so ein Deal fix sei, dürften Unternehmen ihre Investitionen weiter zurückhalten.

Britische Titel können nur eine Beimischung sein

Trotzdem hält er eine gute Entwicklung der britischen Aktien für wahrscheinlich. Nach der bisherigen Kurserholung in diesem Jahr gesteht er den Kursen bis Ende Dezember noch ein Plus von rund zehn Prozent zu, dem Welt-Aktienindex MSCI World dagegen nur fünf Prozent.

„Großbritannien hat eine dynamische Wirtschaft und gute Unternehmen“, meint er – und die EU werde auch bei einem Brexit ein wichtiger Handelspartner bleiben. Besondere Chancen erkennt auch Lück bei kleineren Aktien. In Blackrock-Fonds für britische Titel setzen die Manager zum Beispiel auf das Online-Immobilienportal Rightmove, den Bekleidungshändler Next und den Medizintechnikanbieter Smith & Nephew.

In der Welt eher niedrigen globalen Wachstums sieht auch Thorne von Columbia Threadneedle Chancen für mittelgroße und kleinere britische Firmen, die durch ein differenzierte Angebot Marktanteile gewinnen können. Als Beispiel nennt er Designer, Produzenten und Händler von maßgeschneiderten Küchen. In dem Segment haben kleinere Spezialisten gegenüber großen Anbietern an Boden gewonnen, sagt er.

Bei einem geregelten Brexit gilt die britische Baubranche ebenfalls als aussichtsreich. Wegen der Angst vor einem harten Brexit wurden Investitionen verzögert, und Hauseigentümer haben Renovierungen aufgeschoben.

Davon könnten etwa Persimmon und Caim Homes profitieren, sagen Experten. Auch der Konsum sollte bei einem vernünftig gestalteten Austritt aus der EU anziehen. Davon dürfte zum Beispiel Tesco profitieren. Im Finanzsektor sehen die Fachleute bei der Lloyds Banking Group und dem Vermögensverwalter St. James’s Place Chancen auf Kursgewinne.

Allerdings gibt es auch Experten, die den britischen Markt trotz Unterbewertung kritisch sehen. „Wir sind – ungeachtet der jüngeren politischen Entwicklungen – bereits seit längerer Zeit untergewichtet in britischen Titeln“, sagt Mark Schumann, Fondsmanager für europäische Aktien beim Anbieter DWS. Grund sei nicht der Brexit, sondern die schwächeren Gewinndynamik der Branchen Öl, Rohstoffe und Finanzen, die ein hohes Gewicht im FTSE-100-Index haben.

Generell dürfte für private Anleger ohnehin klar sein, dass britische Titel – als Einzelwerte oder über Fonds – nur eine Beimischung zu einem größeren Vermögen sein können. Denn die Turbulenzen werden zumindest kurzfristig noch anhalten.

„Rund um die Wahl sind noch erhebliche Schwankungen bei Aktien- und Devisenkursen zu erwarten“, sagt Seema Shah, Chefstrategin von Principal Global Investors in London. Auch die Unsicherheiten über die genaue Ausgestaltung des Brexits dürften in jedem Fall noch weit bis ins nächste Jahr anhalten.