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Wechsel im Aufsichtsrat: Theo Müller übergibt Mandat an seinen Sohn

Lange war die Nachfolge des Gründers im Aufsichtsrat der Molkerei ungeklärt. Nun soll der älteste Sohn Stefan den Platz seines Vaters einnehmen.

Theo Müller gilt als Inbegriff des „ewigen Patriarchen“ – ein Vollblutunternehmer, der partout nicht aufhören kann. Aus dem Aufsichtsrat lenkt der agile Senior bis heute die Geschicke seines Molkereireichs. Dieses hatte er aus eigener Kraft quasi aus dem Nichts geschaffen.

Eine Dorfmolkerei mit vier Beschäftigten, die er 1971 vom Vater übernahm, verwandelte Müller in einen internationalen Konzern – mit rund 24.000 Mitarbeitern und knapp sechs Milliarden Euro Umsatz. Den lokalen Milchbetrieb aus Aretsried bei Augsburg machte Müller mit viel Geschick zu einer Marke. Sein Werbespruch „Alles Müller, oder was?“ wurde zum geflügelten Wort. Doch so erfolgreich der kantige Unternehmer im Geschäftsleben war, so schlecht konnte er bisher loslassen von der Macht in seinem Milchimperium.

Versuche, zwei seiner Söhne als Nachfolger aufzubauen, verliefen im Sande. Etliche externe Manager gaben sich in der Zentrale in den vergangenen Jahren die Klinke in die Hand. „Mit Theo Müller ist es nicht leicht klarzukommen. Die Manager wechseln wie durch eine Drehtür“, erzählt ein ehemaliger Geschäftspartner, der ungenannt bleiben möchte. Vor seiner Lebensleistung hat er allerdings höchsten Respekt: „Müller ist clever, detailversessen und hat ein unglaubliches unternehmerisches Gespür.“

Nun hatte der Patriarch offenbar das Gespür, dass die Zeit reif für einen Wechsel ist. Am Mittwoch wird der „Milchbaron“ 80 Jahre alt und besinnt sich überraschend auf seine familiären Wurzeln. Sein ältester Sohn Stefan soll am 1. Februar vom Vater das Aufsichtsratsmandat in der Unternehmensgruppe Theo Müller (UTM) übernehmen, bestätigte ein Firmensprecher einen Bericht der „FAS“. Den Generationswechsel hatte der pressescheue Unternehmer dort mit folgenden knappen Worten kommentiert: „Ich bin froh, dass Stefan wieder da ist.“

Stefan Müller, 52, war seit Ende der 90er-Jahre im väterlichen Unternehmen tätig. Viele Jahre leitete der den größten und modernsten Produktionsstandort der Molkerei-Gruppe im sächsischen Leppersdorf. Der Junior war zudem Mitglied der Zentralen Geschäftsführung der UTM. Auch Halbbruder Theo junior, der seinem Vater vom Äußeren stark ähneln soll, war zeitweise im Konzern tätig. Insgesamt hat der Patriarch neun Kinder. Stefan Müller verließ vor einigen Jahren das väterliche Unternehmen wieder, die genauen Umstände werden nicht kommuniziert. Jedenfalls blieb er danach der Milch treu.

Deutlich mehr Gestaltungsmacht und Verantwortung

Heute ist er Geschäftsführer von Colostrum Biotec in Königsbrunn. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben „Deutschlands Marktführer für Spitzen-Colostrum“. Die erste Milch, die die Kuh in den ersten 24 bis 36 Stunden für ihr Kalb produziert, lässt Müller zu Nahrungsergänzungsmitteln verarbeiten. „Colostrum steigert und erhält die seelische und körperliche Leistungskraft und fördert die Gesundheit“, heißt es auf der Homepage. Die Produkte werden etwa in der Krebstherapie oder bei Immunschwäche eingesetzt. Laut Bundesanzeiger beschäftigte die Firma 2017 etwa 45 Mitarbeiter.

Mit dem Einstieg in den Aufsichtsrat der UTM bekommt Stefan Müller wieder deutlich mehr Gestaltungsmacht und Verantwortung. Ob er die großen Fußstapfen seines selbstbewussten Vaters ausfüllen kann, bezweifeln Branchenkreise. Sie erhoffen sich von ihm aber mehr Ruhe und eine klarere Strategie.

Im vierköpfigen Aufsichtsrat der Milch- und Feinkostgruppe sitzt Stefan Müller zusammen mit seinem Schwager Andreas Hoh sowie dem Anwalt Rainer Lorz, ein langjähriger Vertrauter des Vaters. Dies teilte das Unternehmen am Sonntag auf Anfrage mit. An der Spitze des mächtigen Gremiums steht künftig Till Reuter. Der ehemalige Kuka-Chef war erst im September in den Aufsichtsrat berufen worden.

Auf Stefan Müller und seine Aufsichtsratskollegen warten so einige Baustellen im Unternehmen. Die Gruppe, die ihren Sitz inzwischen in Luxemburg hat, war unter CEO Heiner Kamps bis 2015 stark gewachsen – vor allem durch Zukäufe im Feinkostgeschäft. Zu seinem 75. Geburtstag hatte Theo Müller noch gut gelaunt erklärt, er wolle den Umsatz bis 2020 annähernd verdoppeln auf bis zu zehn Milliarden Euro. „Da können Sie mir dann zum Achtzigsten gratulieren“, sagte er damals. Doch diese magische Umsatzschwelle scheint nun kurz vor dem Geburtstag weit entfernt.

Viele Baustellen im Konzernreich

Vom US-Markt hatte sich das Unternehmen 2015 nach nur drei Jahren enttäuscht wieder zurückgezogen. Die zugekaufte schwächelnde Restaurantkette Nordsee wurde im Herbst 2018 abgestoßen. Bei der kriselnden Feinkost-Tochter Homann läuft gerade eine Restrukturierung, zwei Werke wurden geschlossen. Sorgen bereitet auch die Milchtochter in Großbritannien, sonst die „Cashcow“ des Unternehmens. Das Geschäft dort wird derzeit gestrafft. Das Werk in Foston wurde dichtgemacht.

Werner Motyka von der Beratung Munich Strategy beobachtet „eine gewisse Innovationsträgheit“, die sich über die Jahre im Molkerei-Reich eingeschlichen habe. So gehe die Müller-Gruppe anders als die Konkurrenz an Zukunftstrends stur vorbei, etwa an Protein–angereicherten Joghurts oder pflanzenbasierten Milchersatzprodukten. „Theo Müller hat die Milchwirtschaft in Europa maßgeblich geprägt“, lobt der Branchenexperte. Mit einem Wechsel in der Konzernaufsicht könne aber durchaus frischer Wind ins Unternehmen kommen.

Ob Vollblutunternehmer Theo Müller sich nun komplett ins Privatleben zurückzieht, bleibt abzuwarten. Schließlich ist er der Inhaber. Seit 2003 lebt der Musikliebhaber im Steuerexil am Zürichsee. Seinen Wegzug in die Schweiz verteidigte er damit, dass seine Erben sonst in Deutschland Erbschaftsteuer in dreistelliger Millionenhöhe zahlen müssten. „Das ist extrem existenzgefährdend für ein Unternehmen, in dem eigentlich alles in Ordnung ist“, meinte er damals.

Müllers langjähriger Vertrauter Heiner Kamps weiß, wie sehr dem Senior sein Lebenswerk am Herzen liegt. „Er will das Unternehmen für die nächste Generation, also seine Kinder, erhalten“, betonte er vor zwei Jahren gegenüber dem Handelsblatt. Auch ohne offizielle Ämter im Unternehmen dürfte der umtriebige Patriarch sicher weiter mitmischen, glaubt einer, der ihn kennt.