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Warum "N wie Nordpol" ein Relikt der Nazisprache darstellt

Hannah Klaiber
Freie Journalistin

Wer am Telefon beispielsweise seinen Namen buchstabiert, tut dies oft, ohne groß darüber nachzudenken. Genau das stellt allerdings ein Problem dar. Denn: Viele geläufige Buchstabiernormen wurden von den Nazis eingeführt.

Vor allem am Telefon greifen wir oftmals auf das Buchstabier-Alphabet zurück. (Symbolbild: Getty Images)

"S wie Siegfried, D wie Dora, N wie Nordpol": Das Buchstabier-Alphabet haben wohl die meisten schon einmal genutzt, wenn es darum ging, am Telefon einen Namen oder eine Adresse zu buchstabieren und Missverständnisse auszuschließen. Was jedoch die wenigsten wissen: Das Alphabet hat eine dunkle Vergangenheit. Erstmals erschien die sogenannte DIN 5009 im Jahr 1983 unter der Bezeichnung "Regeln für das Phonodiktat", im Telefonbuch abgedruckt wurde die Buchstabiertafel 1903.

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Vor der Machtergreifung Hitlers gab es darin viele alttestamentarischer Namen – etwa David (heute Dora), Jacob (heute Julius), Nathan (heute Nordpol). Das ändert sich 1933 mit einer Postkarte des Nazis Joh. Schliemann, der schrieb: "In Anbetracht des nationalen Umschwungs in Deutschland halte ich es für nicht angebracht, die in der Buchstabiertabelle des Telefonbuchs aufgeführten jüdischen Namen wie David, Nathan, Samuel etc. noch länger beizubehalten. Ich nehme an, dass sich geeignete deutsche Namen finden lassen."

Auch die Propaganda-Erwägungen spielten eine Rolle

Die Machthaber griffen die Idee auf und so wurden im Jahr 1934 viele biblische Namen gestrichen, die als jüdisch aufgefasst und 'arisiert' wurden. Dass bei der Abänderung des Buchstabier-Alphabets auch rein nationalistische Propaganda-Erwägungen eine Rolle spielten, zeigt sich beispielsweise am Buchstaben Y. Dieser wurde fortan wie Ypern buchstabiert: ein belgischer Ort, an dem im Ersten Weltkrieg mehrere Schlachten stattgefunden hatten, darunter eine, bei der die Deutschen 1915 erstmals Giftgas einsetzten.

Pseudowissenschaftliche NS-Ideologie

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die deutsche Buchstabiertafel zwar weitgehend entnazifiziert, doch Kritik wird immer wieder laut. So möchte Baden-Württembergs Antisemitismusbeauftragter Michael Blume "N wie Nathan" wieder in die offizielle deutsche Buchstabiertafel zurückholen. Das fordert er in einem Brief an das Deutsche Institut für Normung (DIN), aus dem die Deutsche Presse-Agentur zitiert. Blume bittet darin um eine Überarbeitung der DIN 5009. Die Nationalsozialisten hätten alle hebräischen Namen aus der Buchstabiertabelle getilgt, kritisiert Blume in dem Schreiben. Änderungen seien nach der NS-Zeit teils zurückgenommen worden. "Doch ausgerechnet 'N wie Nathan' findet sich nicht in der heutigen gültigen DIN 5009."

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Es blieb bei dem 1934 eingeführten "N wie Nordpol". Dabei könne sich Blume kaum einen stärkeren deutsch-jüdischen Namen als Nathan vorstellen. "Dagegen bezeichnet 'Nordpol' noch nicht mal einen Personennamen, sondern in der pseudowissenschaftlichen NS-Ideologie die Herkunft der sog. 'Arier'."

Begrüßt wurde Blumes Vorschlag vom Zentralrat der Juden. "Zum 75. Jahrestag der Befreiung sollten wir uns auch von der Nazi-Sprache und ihren Relikten befreien", wird der Präsident Josef Schuster von "sueddeutsche.de" zitiert. Demnach versprach auch das Deutsche Institut für Normung, die DIN 5009 im kommenden Jahr noch einmal genau zu prüfen.

(Mit Material der Deutsche Presse-Agentur dpa)