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Der große Plan mit dem Impfstoff: So will Deutschland das Coronavirus besiegen

Gillmann, Barbara Fröndhoff, Bert
·Lesedauer: 8 Min.

Ab dem 27. Dezember soll in Deutschland geimpft werden. Zuerst Alte, Kranke, Ärzte und Pfleger. Unklar ist, ob das Vertrauen der Bürger ausreicht, um eine Herdenimmunität herzustellen.

Am 27. Dezember soll nun auch in Deutschland die Impfung gegen Covid-19 beginnen. Angesichts der historischen Wende will die Kanzlerin am Donnerstagmorgen in der Live-Schalte mit dem Mainzer Impfstoffhersteller Biontech noch mal ganz genau wissen, wann das Rennen um den rettenden Stoff begann: „Das war am 24. Januar am Frühstückstisch“, also exakt elf Monate vor Weihnachten, erzählt Özlem Türeci, die das Unternehmen 2001 mit ihrem Mann Ugur Sahin gegründet hatte.

„Er las von den Fällen in Wuhan und schloss daraus, dass eine Pandemie ansteht.“ Noch am gleichen Tag sei der Startschuss gefallen: Das Unternehmen, das bislang an Krebsmedikamenten auf der Grundlage des Botenmoleküls mRNA gearbeitet hatte, habe „schlagartig alle Ressourcen umgelenkt“, um auf dieser Basis einen Impfstoff zu entwickeln.

Merkel sagt, die Bundesregierung sei „mächtig stolz“ darauf, dass es in Deutschland solche Forscher gebe. Das junge Unternehmen, das sich später mit dem US-Konzern Pfizer zusammentat, sei sehr schnell „ins Weltrampenlicht geraten“. Mit Blick auf die Zahl der Toten „weiß man, wie viel Leben das retten kann“, fügt die Kanzlerin hinzu. Allein in Deutschland wurden bis Mittwoch 24.125 Tote im Zusammenhang mit Covid-19 registriert, in Italien und Großbritannien je gut 65.000.

Vorstandschef Sahin verspricht, alles zu tun, damit der Covid-19-Impfstoff tatsächlich vor Jahresende ausgeliefert werden kann. „Unsere Mitarbeiter werden über Weihnachten arbeiten, dass das wirklich möglich ist.“

Er zeigt sich zuversichtlich, dass im nächsten Winter wieder ein „normales Leben“ möglich sei. „Das Etappenziel ist nun bald erreicht“, sagt Medizin-Vorstand Türeci, der Marathon aber sei noch nicht vorüber.

Der Zeitplan ist folgender: Für den 21. Dezember wird die Zulassung durch die EU-Behörde Ema für die gesamte EU erwartet – acht Tage früher als geplant. Die Tage bis zum 27. Dezember brauche dann das deutsche Paul-Ehrlich-Institut (PEI) für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, um „die Chargen zu prüfen“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

EU-Präsidentin Ursula von der Leyen rief die EU-Länder zu einem gemeinsamen Start der Impfungen nach Weihnachten auf: „Lasst uns zusammen und geeint mit der Ausrottung dieses furchtbaren Virus beginnen.“

In Deutschland können nach Angaben der gesundheitspolitischen Sprecherin der Unionsfraktion, Karin Maag, noch im Dezember voraussichtlich 400.000 Impfdosen zur Verfügung stehen. Ab Januar seien es dann drei Millionen. Mit der Zulassung weiterer Impfstoffe werde die Zahl der Impfdosen im ersten Quartal auf elf bis 13 Millionen steigen.

Spahn will Impfverordnung Freitag unterschreiben

Da also zunächst keinesfalls genug Impfstoff für alle Impfwilligen bereitsteht, sollen „besonders verwundbare“ Bevölkerungsgruppen Vorrang haben, hatte Minister Spahn klargemacht. Die Impfverordnung will er nach der Debatte im Bundestag am Donnerstag erst Freitag unterschreiben. „Wir starten bei den über 80-Jährigen und denen in Alten- und Pflegeheimen“, kündigte er an. „Dann wird nach und nach informiert, wer dann dran ist.“

Nach dem Entwurf der Verordnung will Spahn drei Gruppen mit „höchster“, „hoher“ und „erhöhter“ Priorität festlegen. Höchsten Vorrang haben Personen ab 80 Jahren und solche in Alten- und Pflegeheimen, deren Pflegekräfte und medizinisches Personal etwa auf Intensivstationen.

Hohe Priorität genießen unter anderem Personen ab 70 Jahren und Demenzkranke, aber auch solche in Obdachlosen- und Asylbewerberunterkünften. Erhöhte Priorität gilt für Personen ab 60, Menschen mit bestimmten Erkrankungen – aber auch für Erzieher, Lehrer und Personen im Einzelhandel.

In Großbritannien, den USA und Kanada ist der Impfstoff bereits auf dem Markt, der designierte US-Präsident Joe Biden soll nächste Woche geimpft werden. Die Vorreiter stützen sich jedoch auf Notfallzulassungen.

Diese hatten Bundesregierung und EU abgelehnt – vor allem um nicht unnötig Vertrauen in der Bevölkerung zu verspielen. Dieses Vertrauen in die Verträglichkeit und Wirksamkeit des Impfstoffs zu schaffen sei nun „das große Thema“, sagte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU).

Dass andere vorangehen, hat für Deutschland auch Vorteile: In Großbritannien seien bereits mehr als 140.000 Menschen geimpft, und es habe sich gezeigt, dass die Verträglichkeit so sei wie in der klinischen Studie, so Biontech-Medizinvorstand Türeci.

Nur jeder Zweite will sich so schnell wie möglich impfen lassen

Einer neuen Umfrage zufolge wollen sich 47 Prozent der Deutschen so schnell wie möglich impfen lassen, 40 Prozent wollen abwarten. Elf Prozent lehnen die Impfung ab, ermittelte das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag von RTL und NTV. Damit hat sich die Impfbereitschaft zuletzt leicht erhöht.

Die Kanzlerin hatte am Mittwoch auf dem Weg zur Kabinettssitzung gut sichtbar einen Zettel dabei, auf dem die geschätzte Impfbereitschaft zu lesen war. Demnach geht die Bundesregierung davon aus, dass sich von den Mitarbeitern im Gesundheitswesen, Pflegekräften sowie den Menschen über 70 Jahre 80 Prozent impfen lassen.

Bei Polizisten und Soldaten sowie den 60- bis 69-Jährigen rechnet man mit 70 Prozent. Für Lehrer und Erzieher wird sogar nur ein Wert von 60 Prozent erwartet. Am niedrigsten liegt er mit 50 Prozent bei der „sonstigen Bevölkerung“, zu der 31 Millionen Menschen gezählt werden, darunter die Jüngeren.

Spahn erwartet bis Herbst eine Impfquote von 60 Prozent, das gilt als unterste Schwelle für die sogenannte Herdenimmunität, durch die dann die ganze Bevölkerung geschützt wäre. Sollte diese nicht erreicht werden, müssten die Menschen auch weiterhin Maske tragen, hatte die Kanzlerin gewarnt. Und sie stellte klar, dass noch nicht sicher ist, ob der Impfstoff auch eine Weitergabe einer Infektion an Dritte verhindert.

Eine Impfpflicht hat die Bundesregierung bisher stets ausgeschlossen. Ein indirekter Druck durch das Hausrecht etwa von Restaurant- oder Theaterbetreibern lässt sich nach Ansicht von Bundesbildungsministerin Karliczek aber kaum vermeiden. Verhindern könne man das in der Privatwirtschaft nicht, sagte sie im ZDF. Orte mit Hausrecht könnten künftig auf einer Impfung oder einen negativen Coronatest für Gäste bestehen.

Die EU-Kommission kündigte an, weitere Dosen des Vakzins von Biontech zu kaufen. Bestellt waren bisher 200 Millionen, nun sollen weitere 100 Millionen hinzukommen. Damit solle gesichert werden, dass das Mittel wegen der weltweit hohen Nachfrage in Europa verfügbar bleibe, sagte ein Sprecher.

Laut Industriekreisen soll jede Dosis der neuen Bestellung 15,50 Euro kosten, der Umfang liegt also insgesamt bei 1,55 Milliarden Euro. Für einen wirksamen Impfschutz muss das Mittel im Abstand von drei Wochen ein zweites Mal verabreicht werden.

Nach Angaben von Biontech kann unmittelbar nach der Freigabe mit der Auslieferung begonnen werden, denn Biontech und Pfizer haben schon lange mit der Produktion begonnen. Das Mittel wird in Europa in Belgien und Deutschland produziert.

Im nächsten Jahr kommt ein weiteres Werk von Biontech im hessischen Marburg hinzu. Zunächst sollen mobile Teams das Mittel in Senioreneinrichtungen spritzen. Allein in NRW halten sich mehr als 4000 Ärzte und medizinische Mitarbeiter zum freiwilligen Einsatz bereit.

Impfung im Fußballstadion und leeren Kaufhaus

Für die Organisation sind die Kommunen zuständig, wo in den vergangenen Wochen in kurzer Zeit Hunderte Impfzentren hochgezogen wurden. In Düsseldorf etwa soll im heimischen Fußballstadion das Schutzmittel verabreicht werden, in Gummersbach ist die leer geräumte frühere Filiale von Karstadt dafür umgebaut worden.

Die Dimension der Logistik ist immens: Allein im stillgelegten Terminal C des geschlossenen Berliner Flughafens Tegel sollen im kommenden Jahr täglich 20.000 Impfungen verabreicht werden können. Bei der Verteilung in die Zentren sollen Bundeswehr und Technisches Hilfswerk helfen.

Logistikfirmen rüsten sich seit Monaten für den komplizierten Transport. Denn für den Biontech-Impfstoff muss eine lückenlose Kühlung von minus 70 Grad gesichert sein. Die Deutsche Post etwa soll 50 Impfzentren in Niedersachsen beliefern. Konkurrent Kühne+Nagel übernimmt die Lagerung und Auslieferung in NRW.

In der ersten Phase des Impfens wird in ganz Europa ausschließlich der Biontech-Impfstoff verabreicht. Als Nächstes dürfte das Mittel des US-Biotechunternehmens Moderna dazukommen, über das die EU-Arzneibehörde Ema im Januar entscheiden wird. Es basiert ebenfalls auf der neuartigen mRNA-Technologie, bei der ein spezieller Botenstoff in Körperzellen Proteine produzieren lässt, die die Reaktion des Immunsystems auslösen.

In den USA, wo der Biontech-Impfstoff bereits seit Montag eingesetzt wird, wird das Moderna-Mittel in den kommenden Tagen zugelassen werden. Es hat in den bisherigen Studien eine ebenso hohe Wirksamkeit von 94 Prozent bewiesen wie das Mittel der deutschen Firma.

Deutschland mit Option auf 300 Millionen Dosen

Die EU wird auch von diesem Impfstoff mehr über das bisher vereinbarte hinaus bestellen, heißt es bei der Kommission. Es sollen weitere 80 Millionen Dosen gekauft werden. Das Moderna-Mittel ist mit 21 Euro pro Dosis etwas teurer als das von Biontech. Die EU-Kommission unterstreicht, dass sie das weltweit breiteste Sortiment an künftigen Impfstoffen zusammenstellt und mehr als genug Vakzine für alle Europäer einkauft.

Deutschland hat sich Optionen auf insgesamt 300 Millionen Dosen gesichert. Dazu zählen neben den nun kurz vor der Zulassung stehenden weitere, die sich noch in der Entwicklung befinden. Nach Moderna dürfte der Kandidat des britischen Pharmakonzerns Astra-Zeneca zum Zug kommen. Er ist zwar etwas weniger wirksam als die mRNA-Mittel, dafür aber deutlich billiger und einfacher zu transportieren.

Während die historisch einmalige Impfaktion anrollt, denken die Erfinder in Mainz schon weit in die Zukunft – über Corona hinaus. „Wir sehnen uns danach, dass wir, wenn diese Mission geschafft ist, uns wieder der Immuntherapie gegen Krebs, aber auch HIV und TBC und anderen Infektionskrankheiten zuwenden zu können“, erzählte Özlem Türeci der Kanzlerin.