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Nach Vorwürfen von "Psycho-Druck": Edeka schließt ehemaliges Kaisers-Tengelmann-Lager endgültig, 70 Stellen stehen auf dem Spiel

·Lesedauer: 4 Min.
Die Beschäftigten im Zentrallager Nieder-Olm protestierten am Mittwoch gegen die Schließung des Standortes
Die Beschäftigten im Zentrallager Nieder-Olm protestierten am Mittwoch gegen die Schließung des Standortes

Fast fünf Jahre nach der deutschlandweiten Übernahme der Kaiser's-Tengelmann-Filialen durch Edeka wird ein verbliebenes Zentrallager in Rheinland-Pfalz zum Jahresende endgültig geschlossen. Das teilte der Hamburger Mutterkonzern Edeka dem Betriebsrat des Lagers in Nieder-Olm schriftlich mit. Verdi bestätigt die Angaben.

Diese Nachricht ist deshalb so brisant, da das Lager in Nieder-Olm bereits 2018 Schlagzeilen machte. Die Mitarbeiter warfen dem Konzern damals vor, sie „psychisch unter Druck“ zu setzen, wie Business Insider berichtete. Immer wieder kam es zu Spannungen zwischen Mitarbeitern und dem neuen Eigentümer. Noch im März protestierten einige der insgesamt 70 Angestellten in dem Zentrallager gegen die Schließung und für die Erhaltung ihrer Jobs — vergeblich, denn die Entscheidung schien schon lange festzustehen. "Wir Mitarbeiter sind enttäuscht, sauer und wütend auf Edeka", sagt ein Beschäftigter stellvertretend für die Belegschaft.

Um diesen Konflikt zu erklären ist ein Blick in die Vergangenheit nötig: Edeka durfte 2017 Kaiser's Tengelmann übernehmen — als Bedingung war dem Lebensmitteleinzelhändler von dem damaligen Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) dafür aber auferlegt worden, dass Edeka die Struktur und Vernetzung aller Betriebe und Filialen der Kaiser’s Tengelmann übernimmt und sie so nachhaltig aufstellt, dass sie auch nach der auf fünf Jahre angelegten Ministererlaubnis (Moratorium) weiter existieren und wirtschaftlich funktionieren können.

2018 erhoben die Lager-Mitarbeiter schwere Vorwürfe gegen Edeka

Drei Monate nach der Übernahme durch die Ministererlaubnis, im März 2017, änderte Edeka die bestehende Struktur der Kaiser’s Tengelmann dahingegen, dass das Zentrallager nicht mehr — wie bis dato üblich — seine 450 Filialen beliefern sollte. Das führte dazu, dass die Mitarbeiter in dem Lager in Nieder-Olm fast ein Jahr lang, laut eigener Aussage, nichts zu tun hatten. Business Insider berichtete 2018 von den Vorwürfen von „Psycho-Druck“, den Edeka vermeintlich auf die Arbeiter im Zentrallager ausübte, indem das Unternehmen ihnen fast ein Jahr lang keine Beschäftigung vor Ort gab. In extremen Fällen sollen die Angestellten so wenig zu tun gehabt haben, dass sie in den leeren Regalen schliefen. Die Mitarbeiter warfen Edeka damals vor, damit gegen das Moratorium und den Tarifvertrag, der zwischen Edeka Kaiser’s Tengelmann und der Verdi-Tarifkommission ausgehandelt wurde, zu verstoßen. Edeka dementierte die Vorwürfe damals.

Nachdem die Arbeiter und Arbeiterinnen ihre Kritik damals öffentlich äußerten und mehrere Medien darüber berichteten, hatte sich die Lage vor Ort in den vergangenen Jahren zunächst gebessert, sagt die zuständige Verdi-Landesgruppenfachleiterin Monika di Silvestre zu Business Insider. Im April 2018 vereinbarte Edeka einen Dienstleistungsvertrag mit der Edeka Südwest Gesellschaft und der Edeka Weinbergkellerei. Diese Verträge — und damit die Beschäftigungsgarantie der Lager-Arbeiter und -Arbeiterinnen — laufen nun aber aus.

Die beiden Dienstleistungsverträge wurden zum 31.12.2021 gekündigt, der Lagermietvertrag ab 01.01.2021 nicht verlängert. Der Vermieter sucht bereits einen Nachmieter für das Lager ab Januar 2022 und hat die 30.000 Quadratmeter große Immobilie zur Vermietung auf der eigenen Homepage inseriert.

Wie ein Mitarbeiter berichtet, habe das Lager laut der Standortleitung von Edeka scheinbar von Jahr zu Jahr Verluste in Millionenhöhe gemacht. Die Belegschaft wirft den Edeka-Managern vor, nichts unternommen zu haben, um den Betrieb nachhaltig wirtschaftlich betreiben zu können und ihn nur bis zum Auslaufen des Moratoriums "künstlich am Leben gehalten" zu haben. "Das Versagen der Edeka-Manager müssen wir einfachen Mitarbeiter jetzt mit dem Jobverlust bezahlen", sagt er.

In Gesprächen zwischen Arbeitgeberseite, Betriebsrat und der Gewerkschaft Verdi am 22. und 26. April über einen Interessensausgleich und möglichen Sozialplan habe es keine Weiterbeschäftigungsangebote gegeben. Dem Betriebsrat wurde laut Verdi mitgeteilt, dass sich die Lager-Beschäftigten auf eventuell freie Stellen, die auf der Internetseite des Unternehmens zu finden sind, bewerben könnten — bevorzugt behandelt würden sie jedoch nicht.

Edeka dementiert die Vorwürfe

Auf eine frühere Anfrage von Business Insider wehrte sich die Edeka-Zentrale: „Wir können die Vorwürfe nicht nachvollziehen, und sie entsprechen auch nicht den Tatsachen. Wir haben in der Vergangenheit vielfältige Versuche unternommen, den Standort Nieder-Olm flexibler und wettbewerbsfähiger aufzustellen.“ Welche Versuche dies gewesen sein sollen, nennt das Unternehmen aber nicht.

Auf eine aktuelle Anfrage von Business Insider zu den Perspektiven des Standorts und der Mitarbeiter hat Edeka bislang nicht reagiert. Mit dem Betriebsrat und Verdi sind für Mitte Mai weitere Termine vereinbart, um weiter über den Interessensausgleich zu verhandeln. Die Verdi-Landesgruppenfachleiterin Monika di Silvestre sagt: „Wir erwarten, dass die Arbeitgeber zum nächsten Verhandlungstermin am 12. Mai 2021 ihre Hausaufgaben gemacht haben, uns die Personalplanung für die nächsten 1 1⁄2 Jahre im Unternehmen sowie die einzelnen Arbeitsplätze, die derzeit durch Leiharbeit besetzt sind vortragen." Mithilfe dieser Informationen erhoffen Verdi und die Betriebsräte sich, mögliche Weiterbeschäftigungsperspektiven für die Mitarbeitenden verhandeln zu können.