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Warum Volkswagen die Pandemie bisher so gut wegsteckt

·Lesedauer: 6 Min.

Finanzpolster und China-Präsenz helfen dem Autobauer bei der Transformation zur E-Mobilität. Die Sicherheit könnte sich aber als Illusion herausstellen.

Die konzerninterne Terminplanung hat in Wolfsburg nicht gut funktioniert. Wenn VW-Vorstandschef Herbert Diess an diesem Mittwoch den Aktionären auf der um bald fünf Monate verschobenen digitalen Hauptversammlung gute Nachrichten trotz Coronakrise verkünden will, beginnt fast zeitgleich der Dieselprozess gegen den Ex-Audi-Vorstandsvorsitzenden Rupert Stadler. Und mit diesem ersten Strafprozess in Sachen Abgasskandal wird Volkswagen an eines der dunkelsten Kapitel in seiner Unternehmensgeschichte erinnert.

Im Gegensatz dazu dürfte Diess mit Blick auf das operative Geschäft vergleichsweise positive Botschaften bereithalten. Denn während andere große Unternehmen aus der Branche Corona-bedingt mit Negativschlagzeilen aufwarten und viele Arbeitsplätze abbauen, bleibt es bei VW vergleichsweise ruhig. Neue Stellenstreichungen sind nicht geplant, für dieses Jahr verspricht der Konzern operativ schwarze Zahlen.

Natürlich hat die Corona-Pandemie den Autobauer besonders im ersten Halbjahr schwer getroffen. Der mehrwöchige Produktionsstopp im Frühjahr und geschlossene Autohäuser haben deutliche Spuren in der Bilanz für die ersten sechs Monate hinterlassen.

Die Entwicklung des operativen Ergebnisses offenbart die Folgen am anschaulichsten: Aus einem Überschuss von fast neun Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2019 ist ein operativer Verlust von 1,49 Milliarden Euro geworden. Entsprechend brach auch die operative Rendite im gesamten Konzern von plus 7,2 Prozent auf minus 1,5 Prozent ein.

Im reinen Autogeschäft ging es noch dramatischer von plus 7,2 auf minus 3,6 Prozent zurück. Der Grund: Das operative Ergebnis im Automobilgeschäft hat im ersten Halbjahr von plus 7,6 Milliarden Euro auf minus 2,7 Milliarden nachgegeben. Das vergleichsweise stabile Abschneiden der Finanzdienstleistungssparte hat dafür gesorgt, dass der Konzern als Ganzes besser durch die Krise gekommen ist als der reine Autobereich. Unter dem Strich hat VW einen Nettoverlust von einer Milliarde Euro eingefahren.

Dass VW trotz des Einbruchs im Frühjahr noch verhältnismäßig gut dasteht, liegt auch an der wirtschaftlichen Entwicklung der vergangenen Jahre. Seit der Aufdeckung des Dieselskandals und den damit verbundenen gewaltigen finanziellen Lasten – bislang etwa 32 Milliarden Euro – hat sich der Konzern von Jahr zu Jahr deutlich verbessert.

2019 war so etwas wie der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung. 2020 hätte noch etwas besser werden können, wenn nicht die Pandemie dazwischengekommen wäre. Im vergangenen Jahr hat der Konzern beim operativen Gewinn (ohne Sonderlasten aus der Dieselaffäre) an der Grenze von 20 Milliarden Euro gekratzt, ein Rekord.

Mit diesem Polster im Rücken konnte sich VW bislang ordentlich durch die Coronakrise lavieren. Die Wiederbelebung des Geschäfts nach dem Frühjahrseinbruch ist gelungen. „Volkswagen sollte im Gesamtjahr 2020 noch deutlich schwarze Zahlen schreiben“, erwartet Frank Schwope, Analyst bei der NordLB.

In der Krise wird die Liquidität zum wichtigsten Thema. Auch dabei hat Volkswagen das gute Geschäftsjahr 2019 geholfen. Zu Beginn des neuen Jahres 2020 verfügte der Konzern im Automobilbereich über eine Nettoliquidität von gut 21 Milliarden Euro.

Als die Pandemie im März Europa erreichte, musste Volkswagen gehörig auf die Bremse treten. Weil keine Autos mehr produziert und verkauft werden konnten, der Konzern aber weiterhin auf seinem hohen Fixkostenblock saß, rannen die flüssigen Mittel nur so dahin.

Abfluss der Liquidität gestoppt

Ende März sprach Konzernchef Herbert Diess davon, dass Volkswagen in jeder Woche bis zu zwei Milliarden Euro verliere. Trotz Sparkurs ging es mit den Reserven bergab: Aus den 21 Milliarden vom Jahresbeginn waren zum Ende des ersten Quartals noch 17,8 Milliarden Euro übrig.

VW musste diesen schnellen Abfluss der Mittel stoppen. Der vorsichtige Kurs in Sachen Dividende hat sich durchgesetzt: Die zunächst geplante Erhöhung der Ausschüttung pro Aktie um 30 Prozent fällt aus, stattdessen soll es beim selben Betrag wie im Vorjahr bleiben. Das belässt rund eine Milliarde Euro in der Kasse.

Deutlich gestärkt wurde die Liquidität durch die Entscheidung, im Juni eine neue Hybridanleihe zu begeben. Diese drei Milliarden Euro dürfen als Eigenkapital angerechnet werden und erhöhen entsprechend die Netto-Liquidität. Zum Ende des zweiten Quartals war Volkswagen dann wieder bei einem Polster von 18,7 Milliarden Euro angekommen, hatte also sogar eine Steigerung gegenüber dem Vorquartal erreicht.

Das Eigenkapital hat sich auf 124 Milliarden Euro leicht erhöht, die Quote aber sank leicht auf 24,8 Prozent. Auslöser ist der stärkere Anstieg der Verschuldung. In Krisenzeiten hat Volkswagen unter anderem eine syndizierte Kreditlinie über zehn Milliarden Euro gezogen und langfristige in kurzfristige Schulden überführt. Die kurzfristigen Finanzschulden stiegen daher kräftig von 85,5 auf 108 Milliarden Euro.

Die Stärkung von Netto-Liquidität und Eigenkapital waren eine sinnvolle Entscheidung des Managements. Denn der Konzern braucht das Geld nicht nur, um die Belastungen der Krise zu stemmen, sondern vor allem für die Transformation zur Elektromobilität und zur Digitalisierung.

Aus dem laufenden Autogeschäft konnte VW dabei kaum schöpfen, denn im zweiten Quartal wurden kaum noch Fahrzeuge verkauft. Die flüssigen Mittel (Cashflow) sind im ersten Halbjahr von 13 auf drei Milliarden Euro geschrumpft, der Netto-Cashflow fiel sogar negativ aus.

Zugleich zeigt sich der Konzern aber bereit, die Transformation ohne großen Kraftverlust weiter voranzutreiben, was sich in den Investitionen und Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F & E) zeigt. Zwar sanken im ersten Halbjahr die absoluten Werte, allerdings bei Weitem nicht so stark wie der Umsatz. Die F & E-Quote im Automobilgeschäft erreichte so rekordverdächtige 8,7 Prozent – üblich sind bei VW eher sechs bis sieben Prozent.

Milliarden für die Transformation

Inzwischen verkauft VW wieder deutlich mehr Autos, im Wolfsburger Stammwerk sind für den Herbst inzwischen sogar schon wieder etliche Zusatzschichten geplant. Zudem schreibt nicht der gesamte Konzern rote Zahlen: Zum Halbjahr hatten mit Scania, Skoda und Porsche immerhin drei Marken Gewinn gemacht – beim Stuttgarter Sportwagenhersteller war es mehr als eine Milliarde Euro.

Wesentlicher Stabilitätsfaktor für VW ist das China-Geschäft. In der Volksrepublik hat die Pandemie mit zwei bis drei Monaten Vorlauf ihren Ursprung genommen – entsprechend früher setzte dort die Normalisierung ein. Ähnlich wie bei Porsche dürften die Verkaufszahlen auf dem gesamten chinesischen Automarkt bis zum Jahresende über dem Ergebnis von 2019 liegen.

Davon profitiert ganz besonders Volkswagen als Marktführer in China. Etwa 20 Prozent der dort verkauften Autos tragen das Logo einer VW-Konzernmarke, 40 Prozent ihrer weltweit verkauften Autos setzen die Wolfsburger allein in der Volksrepublik ab. Mindestens drei Milliarden Euro jährlich haben die beiden chinesischen Joint Ventures seit 2015 nach Deutschland überwiesen.

Mit diesem Geld kann Volkswagen einerseits die Coronakrise besser überstehen als so mancher Konkurrent ohne China-Geschäft. Andererseits kann der Konzern mit den Milliarden aus der Volksrepublik auch die anstehende Transformation mit Digitalisierung und E-Mobilität finanzieren.

Bernstein-Autoanalyst Arndt Ellinghorst warnt jedoch davor, dass sich Volkswagen zu sehr auf den Erfolgen ausruht. „Die Gewinne aus China haben in der gesamten VW-Gruppe eine Illusion der Sicherheit geschaffen“, sagt er. Darüber habe der Konzern vergessen, dass die Effizienz auch im deutschen und europäischen Geschäft weiter gesteigert werden müsse. Zumal die Zeit der hohen Wachstumsraten auch in China langsam zu Ende gehe.

Gelinge das nicht, werde Volkswagen die recht hohen operativen Renditen von sieben bis acht Prozent aus den guten Jahren bis 2019 nicht so schnell wieder erreichen. Und Corona könne für eine solche Negativentwicklung nicht mehr verantwortlich gemacht werden.