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Vincent Bolloré, der undurchschaubare Milliardär

Hanke, Thomas
·Lesedauer: 4 Min.

Der Unternehmer kontrolliert Vivendi, kauft in Spanien und Frankreich zu und ist mit Bertelsmann im Geschäft. Bollorés Strategie aber bleibt ein Rätsel.

Für jemanden, der angeblich in genau einem Jahr in den Ruhestand gehen will, ist Vincent Bolloré erstaunlich aktiv. Am Wochenende hat der französische Milliardär die Umstrukturierung des Medien- und Unterhaltungskonzerns Vivendi veranlasst, den er mit seiner Beteiligung von gut 26 Prozent kontrolliert. Vivendi wird Universal Music, die Ertragsperle, die rund 70 Prozent zum Ergebnis beisteuert, an die Börse bringen und 60 Prozent der Aktien als Sonderdividende ausschütten. Am Montag schoss der Kurs des Papiers um 20 Prozent in die Höhe.

Die Herauslösung von Universal dient dazu, Vivendi und Bolloré selbst noch mehr Finanzkraft für den Aufbau einer Gruppe zu verschaffen, die sich verstärkt auf Medien und Inhalte konzentriert. Vivendi ohne Universal ist ansehnlich, aber nicht mehr sehr stark. Neben dem Bezahlsender Canal+ wird das Unternehmen noch den Videospielespezialisten Gameloft und den Buchverlag Editis besitzen. Seit Dezember verhandelt Vivendi exklusiv mit Gruner + Jahr über den Verkauf von Prisma Media, zu der in Frankreich unter anderem „Capital“, „Geo“ und „Gala“ gehören.

Was treibt Bolloré um? Keiner kann ihn so recht einschätzen. Ein intimer Kenner sagt: „Bollorés Taktik verstehe ich, doch seine Strategie ist mir ein Rätsel.“

Seine Karriere hat Bolloré, heute 68 Jahre alt, bei der Investmentgesellschaft Edmond de Rothschild begonnen. Dort lernte er, wie man mit möglichst geringem Einsatz die eigene Macht maximiert. Das väterliche Papier- und Transportunternehmen hat Bolloré im Laufe der Jahre in einen Mischkonzern umgewandelt. Er betreibt Häfen und andere Infrastruktur in Afrika, besitzt Palmölplantagen, ist stark im Transportgeschäft aktiv und hält diverse Finanzbeteiligungen. Seit dem Jahr 2014 hat er die große Beteiligung an Vivendi aufgebaut.

Rundum erfolgreich ist Bolloré aber nicht: Der Aktienkurs seiner Gruppe liegt heute auf demselben Niveau wie vor fünf Jahren. Im April 2018 wurde er verhaftet. Es wird noch immer wegen des Vorwurfs der Bestechung im Zusammenhang mit Geschäften in Afrika ermittelt. Bolloré gab die Führung von Vivendi an seinen Sohn Yannick ab, doch niemand zweifelt daran, dass der Senior noch immer das Sagen hat.

Und: In Frankreich ist die Verbindung zur Politik nicht fern: Bolloré gilt als Freund des konservativen Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy, mit dem er auf seiner Yacht Urlaub machte. Doch Bolloré hat auch einmal öffentlich gesagt, er werde bei der Kommunalwahl in Paris für die Sozialistin Anne Hidalgo stimmen. Privat ist er ein traditioneller Katholik, der aber einen privilegierten Draht zur Kirche hat: Auf einem großen Terrain mitten in Paris finanziert er einen eigenen Priester samt Kapelle.

Streit mit Berlusconi endete vor Gericht

In der jüngeren Vergangenheit hat Bolloré versucht, gemeinsam mit Italiens früherem Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi ein „europäisches Netflix“ aufzubauen. Der Versuch endete im Streit vor den Gerichten.

Seit wenigen Wochen hat Vivendi eine Beteiligung von rund zehn Prozent an Prisa aufgebaut, dem spanischen Medienhaus, zu dem der größte Radiosender des Landes, Cadena SER, und die einst glänzende Tageszeitung „El País“ gehören. Prisa ist stark verschuldet und wird vom Fonds Amber Capital kontrolliert. Vivendi könnte seine Beteiligung in Zukunft weiter erhöhen und damit doch noch den Grundstein zu einem südeuropäischen Medienhaus legen – das aber weit davon entfernt ist, rentabel zu sein.

Und Vivendi soll auch mit einer anderen Bertelsmann-Tochter im Gespräch sein: Von RTL wollen die Franzosen angeblich M6 übernehmen, einen Pariser TV-Sender, der auch Eigner des erfolgreichen französischen Radios RTL ist. RTL hat vor zwei Wochen mitgeteilt, dass es aus deutscher Sicht eine überzeugende Logik für die Konsolidierung von Medienhäusern in einzelnen Ländern gebe – dennoch müsse es nicht unbedingt zu einer Transaktion kommen. In Eile sei man schon gar nicht.

„Bolloré hasst es, wenn man versteht, auf was er eigentlich aus ist, deshalb redet er nie selbst und lässt gern widersprüchliche Signal aussenden.“ Das sagt einer, der lange bei Vivendi gearbeitet hat. Aber eines ist laut dem Insider sicher: „Bollorés Logik ist immer die des Geldes.“ Die Wirtschaftszeitung „Les Echos“ analysiert: „Bolloré kauft gern billig ein.“ Dazu passt auch der Einstieg bei Prisa in Spanien.

„Les Echos“, eines der angesehensten Blätter Frankreichs, gehört einem der reichsten Männer des Landes, Bernard Arnault. Mit ihm liegt Bolloré über Kreuz, denn beide wollten das angeschlagene Medien- und Sportunternehmen Lagardère ausschlachten. Vor allem auf den einst strahlenden Sender Europe 1 hatten sie es abgesehen. Doch es war Arnault, der dieses Rennen gewann.

Nun beäugen sich die beiden. „Sie wollen Einfluss nehmen auf die Präsidentschaftswahl 2022“, analysiert der Vivendi-Insider. Arnault hat beste Kontakte zu Präsident Emmanuel Macron, dessen Frau er einkleidet. Bolloré dagegen hat den TV-Sender CNews zu einer Plattform für weit rechts stehende Politiker und Publizisten ausgebaut. Möglich, dass beide ein Wörtchen mitreden wollen bei der Wahl, die sich zu einem neuen Duell zwischen Macron und Marine Le Pen entwickeln könnte. Doch zunächst einmal interessiert Bolloré nur das Geschäft.