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Videokonferenzen können den Alltag im Internat nicht ersetzen

Internatsschüler treffen die Schulschließungen besonders hart. Für sie fällt nicht nur der gewohnte Unterricht weg, sondern auch ein Teil ihres sozialen Umfelds.

Virtueller Unterricht statt reales Miteinander. Foto: dpa

Die 15 kleinen Fenster auf dem Bildschirm geben Einblick in 15 Zimmer in der gesamten Republik. Eine Schülerin sitzt vor einem Quentin-Tarantino-Poster, einer ihrer Klassenkameraden hat einen Palmenstrand in den Hintergrund projiziert. Lehrerin Agnes Spath ist im leeren Klassenzimmer auf Spiekeroog und fasst die Handlung der Nibelungensage kurz zusammen.

Für die zwölfte Klasse der Hermann-Lietz-Schule steht Mittelalterlyrik auf dem Lehrplan. Der Stoff könnte analoger kaum sein. Doch der Unterricht läuft digital. Die Schüler sitzen nicht im Klassenzimmer ihres Internats auf Spiekeroog, sondern verteilt über das ganze Land vor ihren Laptops und Tablets. Es ist April 2020, Deutschland steckt im Corona-Lockdown, und wie überall sind auch die Schulen auf der Nordseeinsel geschlossen.

Homeschooling, Videokonferenzen, Telefonabsprachen: Was schon jede normale Schule vor enorme Probleme stellt, trifft Internate gleich doppelt hart. Denn für ihre Schüler fällt nicht nur der gewohnte Unterricht weg, sondern auch der Großteil ihres sozialen Umfelds. Die Lehranstalten fernab vom Zuhause zeichnen sich durch eine besondere Nähe zwischen Lehrern und Schülern aus, sie lernen und leben zusammen. In normalen Zeiten zumindest.

Pädagogen an Internaten übernehmen im Alltag viele Aufgaben, die gewöhnlich den Eltern zufallen, sie bestimmen die Handyregeln und sind mitunter sogar die ersten Ansprechpartner bei Liebeskummer. Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen erleben im Internat oft zum ersten Mal so etwas wie ein Familienleben.

Auch das Treffen von Freunden im Park oder Eisessen auf Abstand ist unmöglich, wenn die Mitschüler Hunderte Kilometer entfernt leben. Gruppen, die sonst fast den ganzen Tag miteinander verbringen, sind plötzlich auseinandergerissen.

Regelmäßige Videokonferenzen können helfen, ausgefallenen Unterricht zumindest teilweise zu kompensieren. Aber so richtig kann die Nähe auch dadurch nicht hergestellt werden.

Arbeit in der Kleingruppe per Breakout-Session

Lehrerin Spath verteilt Aufträge. Die Schüler sollen in Gruppen die aus heutiger Sicht moralisch recht fragwürdige Hochzeitsnacht der Protagonisten Gunther und Brünhild durcharbeiten. „Da kämpfte er um ihre Liebe und zerriss ihr dabei das Kleid“, steht etwa in dem Klassiker.

Spath richtet in dem Videoprogramm Zoom sogenannte Breakout-Rooms ein, in denen die Schüler in Kleingruppen zusammenarbeiten können. Technisch funktioniert das erstaunlich gut, berichtet die Lehrerin. Glücklich ist sie mit dieser Form des Unterrichts allerdings nicht.

„Im realen Miteinander gibt es so viel, das der virtuelle Unterricht nicht leisten kann“, sagt Spath. Gewöhnlich gehe sie durch den Raum, führe kurze Einzelgespräche oder beuge sich zu den Schülern hinunter, um auf Augenhöhe mit ihnen zu sprechen. In einer Videokonferenz ist all das nicht möglich. „Ich kann auch kaum an der Gestik oder Mimik der Schüler ablesen, ob der Stoff verstanden wurde oder jemand noch eine Frage hat.“

Natürlich sei alles besser, als sich gar nicht zu sehen, sagt Spath. Aber mehr als eine Notlösung ist der Videounterricht für sie auch nicht. Eine Auffassung, die der Augsburger Pädagogikprofessor Klaus Zierer im Interview mit dem Handelsblatt teilt: „Fernunterricht kann Präsenzunterricht nicht gleichwertig ersetzen.“

Diese Beobachtung deckt sich mit der Erfahrung, die viele Lehrer an anderen Privatschulen gemacht haben. Am Internat Solling im niedersächsischen Holzminden etwa berichtet Englischlehrer Carsten Schneider, dass vor allem das Soziale und Emotionale im Videounterricht viel zu kurz komme.

Er ist gewöhnlich für eine Wohngruppe von Schülern verantwortlich, die hier „Kam“ genannt wird. Der Kontakt ist eng, „24/7“, wie Schneider sagt, man kennt sich gut. Doch in den Wochen des Lockdowns habe er nicht wirklich gewusst, wie es seiner Kam ging.

Das ganze Kollegium habe sich zwar mit viel Engagement in den Videounterricht gestürzt – aber alle seien heilfroh gewesen, als der Präsenzunterricht nach dem Lockdown endlich wieder losging.

So konsequent wie das Internat Schloss Torgelow in Mecklenburg-Vorpommern haben vermutlich nur wenige Schulen ihren Unterricht während der Coronakrise digitalisiert. Jede einzelne Schulstunde wurde zu genau der Uhrzeit per Video unterrichtet, zu der sie gewöhnlich stattgefunden hätte. Die Schule hat dafür die Software „Go2Meeting“ eingesetzt, weil sie auch mit schwacher Internetleitung vergleichsweise stabil funktioniere.

Laut Mario Lehmann von der Trägerfamilie des Internats hat der feste Unterrichtsplan die Situation nicht zuletzt für die Eltern erleichtert, die bei der Betreuung ihrer Kinder entlastet wurden. Zusätzlich habe es viele Freizeitangebote gegeben. Die Schüler hätten zum Beispiel gemeinsam gebacken – jeder in seiner eigenen Küche, aber alle per Video miteinander verbunden.

„Die Erfahrung hat gezeigt, dass guter digitaler Unterricht sehr viel mehr sein kann als das Verschicken von Arbeitsblättern per PDF-Datei“, sagt Lehmann. Es sei möglich, dass die eine oder andere in dieser Zeit ausprobierte App auch künftig als Ergänzung im Unterricht verwendet werde. Doch auch Lehmann sehnt sich die Normalität herbei: „Letztlich bleibt Videounterricht ein Notbehelf.“

Erzwungener Digitalisierungsschub

Ganz folgenlos wird der erzwungene Digitalisierungsschub während der Coronakrise allerdings nicht bleiben. In einigen Bereichen können digitale Formate den Unterricht tatsächlich bereichern – beispielsweise bei den Fremdsprachen.

„Was liegt näher, als im Englischunterricht etwa mit einer Klasse auf Hawaii kollaborativ zu arbeiten?“, fragt Florian Fock, Leiter der Spiekerooger Hermann-Lietz-Schule. „Die jetzt gemachten Erfahrungen werden sicherlich an vielen Stellen weiterentwickelt werden, und es sind auch auf das Studium und das Arbeitsleben vorbereitende Werkzeuge“, sagt Fock.

Als Agnes Spath zum Abschluss der Deutschstunde über das Nibelungenlied einen Ausblick auf den Inhalt der folgenden gibt, klingt sie, als spreche sie über eine Netflix-Serie: „Nächste Stunde: Bitch-Fight zwischen Kriemhild und Brünhild.“

Über acht Wochen läuft der digitale Unterricht, am 11. Mai darf der zwölfte Jahrgang schließlich auf die Insel zurückkehren, in den Wochen darauf auch die jüngeren Schüler. Weil die Klassen klein und die Räume groß sind, gibt es Unterricht nach Plan für alle.

Natürlich gelten besondere Hygieneregeln, aber es gibt keine Klassenteilungen, keinen Schichtbetrieb. Da haben es die Internatszöglinge gerade leichter als viele ihrer Altersgenossen an öffentlichen Schulen.