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Verzweiflung, Wut und Trauer – Die Gastronomie kämpft ums Überleben

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Restaurants hoffen auf schnelle Entschädigungen, denn schon jetzt sind viele insolvenzgefährdet. Auch Zulieferer wie Brauereien sind hart getroffen.

„Verzweiflung und Trauer“: So beschreibt Walid El Sheikh an diesem Donnerstag seine aktuelle Gefühlslage. Der Gastronom betreibt in Düsseldorf fünf Klubs und Bars. Den ab Montag geltenden zweiten Lockdown für die Branche betrachtet er als reinen „Aktionismus“. Es gebe keinen Beweis, dass die Branche Treiber der Corona-Pandemie sei.

„Autos, Frisuren und Klamotten sind offensichtlich wichtiger als die Gastronomie“, ärgert sich El Sheikh. Die Branche, die zwei Millionen Arbeitsplätze umfasse, werde „vom wichtigen Wirtschaftsfaktor zum verzichtbaren Vergnügen degradiert“.

Der Unternehmer hatte bereits gegen die vorgezogene Sperrstunde in NRW-Risikogebieten geklagt, aber vor dem Oberverwaltungsgericht Münster verloren. „80 Prozent unseres Umsatzes machen wir schließlich nach 23 Uhr“, argumentiert er und schloss deshalb vor zwei Wochen seine „Elephant Bar“ und das „Sir Walter“. Im Tanzbetrieb „Oh Baby Anna“ bot er Spinning-Kurse zu heißer Musik an – auch das ist ab Montag nun verboten. Seine etwa 135 Mitarbeiter muss El Sheikh wieder zu 100 Prozent in Kurzarbeit schicken.

Schon die bisherigen Corona-Beschränkungen haben die Gastronomie besonders hart getroffen: Die Umsätze sanken von März bis August 2020 real um 40,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, teilte das Statistische Bundesamt am Montag mit. Die Zahl der Beschäftigten ging um 17,6 Prozent zurück. Am stärksten betroffen waren Kneipen, Bars und Klubs, die am Ausschank von Getränken verdienen.

Für viele in der Branche geht es ums Überleben. Einem Drittel der 245.000 Betriebe drohe bei einer erneuten Schließung das Aus, fürchtet der Branchenverband Dehoga. Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges sagte der ARD, es hätten sich schon Mitglieder gemeldet, die klagen wollten.

Auch die Wirtschaftsauskunftei Crif Bürgel warnt vor einer Pleitewelle. Derzeit seien mehr als 8300 Restaurants, Gaststätten, Imbisse und Cafés in Deutschland insolvenzgefährdet. Das seien 14,5 Prozent der Betriebe, vor Corona waren es gut zehn Prozent. In Fällen der Überschuldung wurde die Insolvenzantragspflicht bis Jahresende ausgesetzt.

Die Situation vieler Betriebe dürfte sich noch deutlich verschlimmern, schätzt Crif Bürgel. „Im ersten Quartal 2021 könnte jedes fünfte Unternehmen aus der Gastronomie insolvenzgefährdet sein“, sagte Geschäftsführer Frank Schlein.

Offene Fragen bei Entschädigungen

Entscheidend für das Überleben vieler Betriebe wird die Höhe der von der Politik angekündigten Entschädigungen sein. Die Bundesregierung will kleineren Betrieben mit bis zu 50 Mitarbeitern bis zu 75 Prozent ihres Umsatzausfalls im November erstatten. Größere Unternehmen sollen bis zu 70 Prozent erhalten.

Vergleichsgröße ist der Umsatz im November 2019. Überbrückungshilfen und Kurzarbeitergeld sollen damit verrechnet werden. Die Entschädigungen begrüßt Barbetreiber El Sheikh als vernünftige Maßnahme: „Die Gelder müssen aber schnell und unkompliziert ausgezahlt werden.“ Viele Gastronomen hätten sich bisher quasi selbst gerettet, weil sie hohe private Mittel zuschossen. Die seien aber nun aufgebraucht.

Ob alle Gastronomen auf Entschädigung hoffen dürfen, ist derzeit noch unklar. So hatte der Düsseldorfer El Sheikh erst im August seine „Boston Bar“ eröffnet. Auch der Systemgastronomiebetreiber Enchilada („Besitos“, „Aposto“, „Lehners Wirtshaus“) mit rund 3000 Beschäftigten sorgt sich, dass die Gruppe bei Kompensationen leer ausgeht – obwohl die rund 90 Betriebe als eigenständige GmbHs unterwegs sind.

„Hier müsste dringend nachgebessert werden“, fordert Torsten Petersen, Geschäftsführer und Gesellschafter der Enchilada Franchise GmbH. „Wir sind dankbar für jede Hilfe.“ Derzeit erwartet Enchilada für 2020 einen Umsatzrückgang von 30 Prozent zum Vorjahr. Neben der Schließung im November fällt der traditionell starke Dezember aus: „Es gibt keine Weihnachtsfeiern, keine Gruppen-Reservierungen“, so Petersen. Die große Verunsicherung der Gäste sei deutlich spürbar.

Andere Gastronomen sind zum Teil noch stärker getroffen. Der zweite Lockdown ist für Raffaela Schöber ein herber Schlag. „Wir erwarten 40 bis 50 Prozent Umsatzverluste im Vergleich zum Vorjahr, die letzten zwei Monate des Jahres sind schwer absehbar“, sagt die Frankfurter Gastronomin, die etwa das Restaurant „Margarete“ und die Eventlocation „Danzig am Platz“ betreibt.

Kurzarbeitergeld, Soforthilfen, Überbrückungshilfen, KfW-Kredite – alle staatlich angebotenen Hilfen hat Schöbel in Anspruch genommen. Trotzdem musste sich die Gastronomin schweren Herzens von Mitarbeitern trennen. Seit Jahresanfang hat sich die Zahl ihrer Beschäftigten von knapp 60 fast halbiert.

„Zehntausende Arbeitsplätze gehen verloren“, warnt Guido Zeitler, Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). „Das Gastgewerbe braucht sofort Hilfe – sonst droht der Jobkahlschlag.“

Neben einer schnellen Umsatzentschädigung fordert Schöbel, die Mehrwertsteuerentlastung für Speisen zu verlängern und auch auf Softdrinks und Heißgetränke zu erweitern. „Zudem muss der Gesetzgeber aktiv werden, was Absprachen mit Vermietern und Betriebsschließungsversicherungen angeht“, verlangt die Wirtin, die den Brandbrief von Gastronomen an Bundeskanzlerin Merkel mitunterzeichnete.

Gesamte Lieferkette bedroht

Im zweiten Lockdown reaktiviert Schöbel nun „Margarete Zuhause“. Die Belieferung mit Essensboxen von Lammhaxe bis Kartoffelsuppe hatte die Gastronomin im Frühjahr notgedrungen aus dem Boden gestampft.

Liefer- und Abholservice bleibt in den kommenden Wochen der einzige Umsatzbringer für Gastronomen. Lieferando sieht in den Schließungen offenbar eine Chance, weitere Gastronomen auf die Plattform zu holen. Neue Wirte müssten in den ersten vier Wochen keine Kommission zahlen – selbst wenn sie über Lieferando-Boten ausliefern wollen, teilte der Lieferdienst am Donnerstag mit. Für die Bestandsgastronomen kürze er in der Schließungszeit die Gebühr um 25 Prozent und verzichte für Abhol-Bestellungen ganz auf eine Gebühr.

Bereits im Frühjahr konnte Lieferando viele neue Gastronomen begrüßen: „In den ersten Tagen des Lockdowns im März haben sich mehrere Tausend Restaurants bei uns gemeldet, um auf unserer Plattform gelistet zu werden und somit über die Lieferung ihr Geschäft am Leben halten zu können“, sagte die neue Deutschlandchefin Katharina Hauke.

Die Schließung der Gastronomie trifft jedoch nicht nur die Restaurants, sondern bedroht die gesamte, weitgehend mittelständisch geprägte Lieferkette. „Der erneute Lockdown ist ein herber Schlag ins Kontor auch für die Brauwirtschaft und den Getränkefachgroßhandel“, sagt Michael Huber, Generalbevollmächtigter der Brauerei Veltins.

Das Fassbiergeschäft, das nach dem Sommer bereits auf Sparflamme reduziert war, komme damit ein zweites Mal komplett zum Erliegen. Das Jahresendgeschäft werde „unaufholbar verlustreich sein – vor allem kleinere und mittelständische Brauer“.

Mit harten Worten kritisiert Olaf Koch, Chef des Großhandelskonzerns Metro, das Vorgehen der Politik. „Mit dieser Entscheidung wird eine ganze Branche abgestraft, die mit großem Einsatz und Investitionen dafür gesorgt hat, dass der Besuch im Restaurant für Kunden und Mitarbeiter sehr sicher ist“, sagte er dem Handelsblatt. „Die Haupttreiber der zweiten Welle stammen aus dem privaten Raum, und wenn nun die Gastronomie kollektiv geschlossen wird, dann erhöht man genau hier das Risiko signifikant“, betonte er.

Die Gastronomen sind für den Metro-Chef die wichtigsten Kunden. Deshalb dürfte jetzt mit einem erneuten Umsatzrückgang zu rechnen sein. Während Marktführer Metro die Belastungen weitgehend verkraften konnte, hat der erste Lockdown viele der kleinen, spezialisierten Großhandelsbetriebe in Probleme gestürzt, von denen sie sich noch nicht wieder erholt haben.

Neustart braucht Vorlauf

„Bei dreimonatiger Schließung hat ein mittelständischer Lebensmittelgroßhändler schon seinen gesamten Jahresgewinn verloren“, hatte Markus Tkotz, Chef der Markant AG, schon im April gewarnt. Das Unternehmen ist nicht nur einer der größten deutschen Einkaufsverbunde für Lebensmittel. Das Unternehmen ist auch an Intergast beteiligt, ein Zusammenschluss von 40 mittelständischen Lebensmittel-Großhändlern, und ist deshalb auch direkt betroffen.

Nach Einschätzung von Tkotz dürften alle Lebensmittelgroßhändler, die die Gastronomie beliefern, in diesem Jahr ohnehin schon tiefrote Zahlen schreiben. Ein weiterer Lockdown könnte damit zu Insolvenzen führen.

Dazu kommt: Die Lieferketten mit meist verderblichen Waren sind sehr fragil und können nicht nach Belieben gestoppt und wieder gestartet werden. Schon beim ersten Lockdown mussten die Großhändler der Gastronomie verderbliche Frischwaren im Volumen eines dreistelligen Millionenbetrags vernichten.

Auch für den Neustart der Belieferung braucht es für viele Waren Vorlauf. Und kein Gastronom wird jetzt schon auf Verdacht für Anfang Dezember neue Ware ordern – dafür sind die Entscheidungen der Politik zu unkalkulierbar.

„Für uns gilt es jetzt, die Gastronomen dabei zu unterstützen, so gut wie möglich durch diese extrem schwierige Phase zu kommen“, sagte Metro-Chef Koch. „Dazu werden wir auch mit der Politik den Dialog suchen. Denn die Gastronomie ist der Partner, um sicher durch die Pandemie zu kommen, und nicht der Gegner.“

Mitarbeit: Christoph Kapalschinski