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Verzweifelte Reiseveranstalter kippen Stornogebühren

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Um Urlaubskunden in die leeren Reisebüros zu locken, greifen DER Touristik, Alltours und Co. zu einem Mittel, das tabu war. Ein Zurück wird schwierig.

Von der Corona-Pandemie lasse sich seine Fluggesellschaft nicht unterkriegen, beteuerte Condor-Vertriebschef Paul Schwaiger vergangenen Freitag vor knapp 200 Mitgliedern des Reisebüroverbands VUSR in Köln. „Auf jeden Fall werden wir ein Rumpfprogramm aufrechthalten.“

Kaum eine Stunde, nachdem Schwaiger seine sieben im November angeflogenen Urlaubsziele auf den Kanaren und im östlichen Mittelmeer aufzählte, geriet eines von ihnen schon wieder ins Wanken. Die Insel Zypern, die Condor über Larnarca ansteuern will, erklärte das Robert Koch-Institut per Eilmeldung zum Risikogebiet.

Die Halbwertzeit gesicherter Informationen erlebt in Deutschlands Reisebranche derzeit einen Geschwindigkeitsrekord. Erst Anfang Oktober hatte das Auswärtige Amt die weltweite Reisewarnung aufgehoben, die bis dahin in fast allen Ländern außerhalb der EU galt.

Nur endete die Hoffnung vieler Urlaubsanbieter, damit im Herbst und Winter die fehlenden Umsätze der Sommersaison teils nachholen zu können, schon wenige Tage später. Urlaubsreisen in die USA, nach Bali und selbst Tschechien sind weiterhin verboten, wer mit Alltours oder Tui nach Mallorca fliegt, hat sich bei der Rückkehr auf zwei Wochen Quarantäne einzustellen.

Das Wirrwarr an Meldungen, die nahezu stündlich über das Pandemiegeschehen in den Urlaubsgebieten aktualisiert werden, hält Deutschlands Bürger somit erfolgreich von den Reisebüros fern. Wer nämlich einmal bucht, so die Erfahrung vieler, kommt aus seinem Vertrag oft kaum wieder heraus. Kunden des Marktführers Tui etwa, die aus Furcht vor Corona lieber daheimbleiben, kostet ein Storno 24 Tage vor Abreise die Hälfte des Reisepreises, zehn Tage vorher sogar 80 Prozent – es sei denn, die Urlaubsregion wird vom Auswärtigen Amt mit einer Reisewarnung belegt.

Die aber ist seit Oktober vielerorts aufgehoben, selbst wenn einzelne Regionen weiterhin als Corona-Risikogebiet gelten. So ist die Einreise in 25 beliebte Urlaubsgebiete – von Abu Dhabi über Marokko bis Zypern – grundsätzlich „möglich“, selbst dort, wo Urlauber mit erheblichen Unannehmlichkeiten zu rechnen haben. Viele verlangen zur Einreise aber einen negativen Covid-Test, hinzu kommen oft undurchsichtige Quarantäne-Bestimmungen, die den Reisedrang nachhaltig dämpfen.

„Bis Ende Februar habe ich gerade einmal sieben laufende Buchungen“, berichtet Sandra Jacobs, Inhaberin eines Tui-Reisecenters im niederrheinischen Kevelaer. Noch bis Mitte kommenden Jahres reiche die Überbrückungshilfe, sagt sie. „Danach muss ich überlegen, ob ich den Laden dichtmache und meine Angestellten entlasse.“

Für die Reisebranche ist die Flaute verheerend. „Eigentlich beginnt in den kommenden Tagen die buchungsstarke Zeit“, klagt Dirk Bender, Geschäftsführer der Reisebüro-Kooperation Tour Contact. „Stattdessen vertreiben sich viele unserer Mitglieder gerade die Zeit damit, ihre Läden zu renovieren und Wände zu streichen.“

Noch kritischer sieht die Lage bei vielen Reiseveranstaltern aus, denn ihnen entgehen damit die üblichen Anzahlungen der Reisekunden – Geld, das viele als Teil ihres Geschäftsmodells dringend benötigen. „Liquidität ist ein wichtiges Thema“, bestätigt Songül Rosati, Vertriebsleiterin des Türkei- und Spanien-Spezialisten Bentour.

Kostenlose Stornierung bis 14 Tage vor Reisebeginn

Die Not ist so bitter, dass selbst mächtige Veranstalter am Werk sind, ihre allgemeinen Geschäftsbedingungen zugunsten der Kundschaft gründlich zu bereinigen. Im Fokus stehen überraschend Klauseln, die sie bislang als Geschäftsmodell eisern verteidigten: die horrenden Stornogebühren, seit jeher ein Zwangsbindemittel für gewonnene Kunden, fallen in diesen Tagen reihenweise weg.

So verkündete am Dienstag die Rewe-Tochter DER Touristik, in Deutschland die Nummer zwei nach Tui, ihre strengen Stornobedingungen zeitweise auszusetzen. Für die DER-Veranstaltermarken Dertour, ITS, Jahn Reisen und Meiers Weltreisen gilt nun für Neubuchungen bis Ende November: Flugreisen mit Abreisetermin bis Ende Oktober 2021 dürfen bis 14 Tage vor Reisebeginn kostenfrei storniert werden. Wer gebuchte Hotels mit dem eigenen Pkw ansteuert, kann die Reise sogar sieben Tage vor Anreise kostenfrei abblasen.

Wettbewerber Alltours lässt eine ähnliche Kulanz schon ab dem 17. September walten. Wer seit diesem Termin für den kommenden Sommer einen klassischen Alltours-Pauschalurlaub bucht, darf bis zum 15. März 2021 kostenfrei stornieren. Auch der kommende Winterurlaub kann 14 Tage vor Abreise noch problemlos abgesagt werden.

Damit die Reisebüros mitziehen, die üblicherweise ihre Provision erst nach Reiseantritt erhalten, zahlt Alltours schon zum Zeitpunkt der Buchung – und das vorerst bis Jahresende. „Stornieren die Kunden ihre Reise, verzichten wir zudem auf eine Provisionsrückzahlung“, verspricht Vertriebschef Georg Welbers den Agenturen.

Andere versuchen es mit sogenannten „Flex“-Tarifen, so wie Bentour. Der von Deniz Ugur geführte Reiseveranstalter aus dem schwäbischen Wolfschlugen bietet gegen einen Aufschlag die Möglichkeit, deutlich günstiger zu stornieren, als es seine AGBs ansonsten vorsehen.

Die Tarife hat Bentour gestaffelt. Wer beispielsweise eine Reise für 2000 Euro ordert, den kostet die Option zusätzliche 100 Euro. Verzichtet der Kunde 14 Tage vor Abreise auf seinen Urlaub, ist lediglich seine Zuzahlung für ihn verloren. Diese teilt sich Bentour anschließend mit dem Reisebüro.

Fluggesellschaften ziehen noch nicht nach

„Hohe Stornokosten verhindern Reisebuchungen“, rechtfertigt Ugur die Offerte, die nach Auskunft seiner Vertriebschefin von Deutschlands Reisebüros „extrem gut“ angenommen wird. „Das Reisebüro verdient schließlich mit“, sagt Songül Rosati.

Am Donnerstag dieser Woche folgte auch der Leipziger Reiseveranstalter LMX dem Beispiel – mit einem niedrigeren Aufschlag von 25 Euro pro Reise, dafür aber mit einem hohen Geschäftsrisiko.

LMX verkauft an Urlaubssuchende sogenannte „dynamisch paketierte Reisen“, die der Anbieter kurzfristig aus Flugbörsen und Online-Bettenbanken zusammenstellt. Der Haken bei den meist aus günstigen Restposten geschneiderten Angeboten: Der Veranstalter muss sie in der Regel unmittelbar bezahlen, sodass ihn Stornos von Buchungskunden vor Herausforderungen stellen. „Wir müssen nun mit Hotels und Airlines über nicht stornierbare Raten sprechen“, kündigt LMX-Chef Mario Krug harte Verhandlungen mit den eigenen Lieferanten an.

Die Fluggesellschaften halten bislang noch eisern dagegen. Kostenlose Stornierungsmöglichkeiten gewähren sie, wie schon vor der Krise, fast nur bei teuren Premiumtarifen. Sagt der Passagier einen bestimmten Flug ab, bekommt er bei Fluggesellschaften wie Lufthansa oder Eurowings einen Voucher für ein vergleichbares Ticket. Diesen Gutschein aber muss er innerhalb einer bestimmten Frist einlösen, häufig bis Ende des Jahres.

In der Veranstaltungsbranche dagegen wird wohl kaum noch jemand auf kulantere Stornobedingungen verzichten. Schon deshalb nicht, weil andernfalls erhebliche Marktanteile ins Internet zu verschwinden drohen.

Holidaycheck, einer der größten Online-Reisevermittler im deutschsprachigen Raum, lockt nämlich längst mit Stornierungen zum Nulltarif. Wer dort eine von Holidaycheck selbst veranstaltete Reise bucht, kann sie bis sechs Tage vor seiner Abreise kostenfrei canceln. Hinzu kommt: Gebucht wird ohne Anzahlung, gezahlt erst sechs Tage vor Abreise – und das, wie es in einer Mitteilung der Schweizer Burda-Tochter heißt, „nicht nur in Zeiten von Covid-19“.

„Wir sind überzeugt“, sagt Holidaycheck-Geschäftsführer Vinzenz Greger über die Stornoerleichterung, „dass sie eine vergleichbare Wirkung wie die Einführung des kostenlosen Versands vor 20 Jahren im Online-Handel haben wird.“ Behält er recht, gäbe es für die Kulanzaktionen der Konkurrenz selbst nach Corona kein Zurück.