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VDA: Autoindustrie muss wegen Grenzkontrollen ab Montag möglicherweise Werke schließen

Menzel, Stefan
·Lesedauer: 5 Min.

Wegen Grenzkontrollen zu Tschechien und Tirol drohen Lieferengpässe. Werke in Bayern und Sachsen dürften zuerst betroffen sein. BMW droht ein Produktionsstopp.

Autohersteller rechnen damit, dass die Produktion wegen fehlender Lieferungen zum Erliegen kommen könnte. Foto: dpa
Autohersteller rechnen damit, dass die Produktion wegen fehlender Lieferungen zum Erliegen kommen könnte. Foto: dpa

Die deutsche Autoindustrie befürchtet durch die seit Sonntag geltenden Kontrollen und Corona-Testpflicht an mehreren Grenzen erhebliche Lieferprobleme und bereits an diesem Montag Werksschließungen. Durch die zu erwartenden Probleme an den Grenzübergängen könnte die Automobilproduktion ab Montagmittag zum Erliegen kommen, sagte ein Sprecher des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) am Sonntag in Berlin.

„Die Werke in Ingolstadt, Regensburg, Dingolfing, Zwickau und Leipzig sind als erste betroffen“, ergänzte der VDA-Sprecher. Die Autoindustrie fordert, bis zum Aufbau ausreichender Testkapazitäten an den Grenzen, mindestens aber für die nächsten vier Tage, auf eine ärztliche Testbestätigung zu verzichten und ersatzweise Selbstschnelltests für Fahrer zuzulassen. Die Automobilindustrie sei „sehr unzufrieden mit der aktuellen Lage“, so der Sprecher weiter.

Im Vergleich mit den Grenzschließungen des vergangenen Jahres gebe es jetzt ein zusätzliches Problem: Die Autobranche habe jetzt viel zu wenig Vorbereitungszeit bekommen. Vor einem Jahr sei es noch möglich gewesen, die Läger mit einem gewissen zeitlichen Vorlauf aufzufüllen.

Diese Möglichkeit habe noch den jüngsten Beschlüssen der Bundesregierung nicht bestanden. Probleme seien jetzt bei der Belieferung mit Sitzen, Motoren und Frontmodulen zu erwarten.

Der VDA warnte außerdem vor länger anhaltenden Konsequenzen. Wenn die Zulieferkette einmal gerissen sei, könne es zu längeren Zwangspausen in der Fahrzeugfertigung kommen. Das habe der Produktionsstopp aus dem vergangenen Jahr aufgezeigt. Im Frühjahr 2020 sei es bei allen Autoherstellern alles andere als einfach gewesen, die komplexe Zulieferkette mit vielen Tausenden Lieferanten wieder in Gang zu bekommen.

BMW droht Zwangspause

Beim Autohersteller BMW drohen aktuell die größten Einschnitte. Auf der Liste des VDA ist der Münchener Konzern gleich mit drei Werken vertreten. Regensburg, Dingolfing und Leipzig liegen alle vergleichsweise nahe zu tschechischen Grenze. „Wir fahren auf Sicht“, sagte ein Konzernsprecher am Sonntag.

BMW sorgt sich darum, dass Lieferungen von tschechischen Zulieferern am Montag bei zu scharfen Grenzkontrollen ins Stocken geraten könnten. Der Münchener Konzern hat wenige Reserven auf Lager und lässt sich vergleichsweise kurzfristig mit Teilen beliefern. Wenn die Produktion am Montagmorgen beginnt, dann reichen die Lagerbestände für die nächsten fünf bis sechs Stunden. Die drei möglicherweise betroffenen BMW-Standorte sind besonders auf die Zulieferungen tschechischer Unternehmen angewiesen.

Kommen keine neuen Lkw-Lieferungen an den BMW-Standorten an, weil die Lastwagen an der deutsch-tschechischen Grenze hängenbleiben, dann droht eine Zwangspause in der Produktion. BMW hofft, dass eine solche Situation durch die jüngsten Appelle an die Politik noch vermieden werden kann.

In den drei grenznahen Fabriken des BMW-Konzerns arbeiten auch Tagespendler aus der Tschechischen Republik, die in der neuen Woche möglicherweise nicht mehr nach Sachsen und Bayern einreisen können. Der BMW-Sprecher sagte dazu, dass sich der Konzern auf dieses Probleme rechtzeitig vorbereiten konnten. Insgesamt sei die Zahl der Grenzpendler vergleichsweise gering. Andere BMW-Beschäftigte könnten einspringen.

Besser stellt sich die Situation hingegen in Stuttgart da. Unter den vom VDA aufgeführten Werken ist keine einzige Fabrik des Daimler-Konzerns dabei. „Wir haben keine Probleme“, sagte ein Sprecher des Stuttgarter Autoherstellers am Sonntag auf Anfrage dazu. Die Produktion laufe normal.

Auch bei Volkswagen droht kurzfristig keine Zuspitzung der Lage. Beim Volkswagen-Konzern hieß es am Sonntag, es gebe noch keine Engpässe wegen fehlender Teile aus dem Lkw-Grenzverkehr, auch nicht im VW-Werk Sachsen und im Porsche-Werk Leipzig. Volkswagen Sachsen betonte, es würden am Montag keine Einschränkungen erwartet, und zum jetzigen Zeitpunkt seien diese nicht absehbar. „Am Montag ist alles in Ordnung im Konzern“, sagte ein VW-Sprecher. Auch bei Audi in Ingolstadt soll es keinen Produktionsstopp geben.

Lkw-Fahrer brauchen negatives Corona-Testergebnis

Nach der Ausbreitung neuer Virusvarianten hat Deutschland die Regeln für die Einreise aus EU-Staaten verschärft und teilweise Kontrollen an der Grenze angeordnet. Seit Sonntag dürfen aus Tschechien und weiten Teilen von Tirol in Österreich nur noch Deutsche, Ausländer mit Wohnsitz und Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, landwirtschaftliche Saisonarbeitskräfte und Gesundheitspersonal einreisen.

Einreisen nach Deutschland sollen für wenige Ausnahmen möglich sein, darunter für „Personal im Gütertransport und sonstiges erforderliches Transportpersonal“. Den Angaben zufolge fallen Ausnahmeprivilegien für Transportmitarbeiter weg, so dass diese jetzt – wie jeder normale Einreisende auch – ein negatives Testergebnis bei der Einreise mit sich führen müssen.

Lkw-Fahrer brauchen laut VDA ein negatives Corona-Testergebnis aus den letzten 48 Stunden. Es müsse ärztlich bestätigt sein und dreisprachig vorliegen: in Deutsch, Englisch und der jeweiligen Landessprache des Lkw-Fahrers. „Wir haben Verständnis für energische Maßnahmen, aber diese neue Testpflicht für Lkw-Fahrer ist so kurzfristig gar nicht umzusetzen“, sagte der VDA-Sprecher.
Von den Fahrern gehe zudem eine sehr geringe Infektionsgefahr aus, wenn sie in den deutschen Pkw-Werken vorführen. Sie bewegten sich in einer „eigenen Quarantäne“, so der VDA-Sprecher. Bei ihren Aufenthalten in Deutschland würden sie ihre Fahrerkabine so gut wie nie verlassen. Die Versorgung der deutschen Autowerke dürfe durch überzogene Kontrollen nicht in Gefahr geraten.

Die deutsche Automobilindustrie werde aus der Tschechischen Republik, der Slowakei, aus Rumänien, Ungarn und Norditalien Just-In-Time beliefert, also erst bei tatsächlichem Bedarf – aber auch Just-In-Sequence, das sind Lieferungen genau in der für die Produktion benötigten Menge und Reihenfolge. Die Komponenten würden direkt an das Montageband geliefert, hieß es. „Wenn das Bauteil nicht durchkommt, stehen die Bänder still.“

Schon am Freitag hatte VDA-Präsidentin Hildegard Müller vor Versorgungsproblemen durch verschärfte Grenzkontrollen gewarnt. „Wenn es aufgrund der Test- und Anmeldepflichten an den Grenzen zu längeren Staus kommt, ist mit einem Abriss der Lieferkette und kurz danach mit Produktionsstillstand in vielen Pkw-Werken in Deutschland zu rechnen“, sagte Müller.

Unterstützung für die Autohersteller kam auch von Spediteuren und Logistikunternehmen. „Wer ohne Ausnahme für den Güterverkehr negative Corona-Tests vor der Einreise fordert, muss auch dazu sagen, wo man diese Tests machen kann“, sagte Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbandes Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL).

Mit Agenturmaterial.