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US-Notenbankerin Daley: „Der amerikanische Traum lebt”

Mary Daly, die Chefin der Fed San Francisco, hat keine Angst vor Donald Trump und ist optimistisch, dass die Geldpolitik weiter zum Wohlstand beitragen kann.

Die Zentrale des weltweiten Kapitalismus ist ein Saal in Washington, der mit den beigen Vorhängen, dem wuchtigen Tisch in der Mitte, dem Kronleuchter an der Decke und einem Kamin am Kopfende an die Einrichtung eines prachtvollen Hotels erinnert, das seine besten Jahre bereits hinter sich hat. Hier, in der US-Notenbank (Fed) in Washington, werden Entscheidungen getroffen, die weltweit die Märkte beben oder jubeln lassen.

„Wenn wir die Schwelle zu diesem Raum überschreiten, sollten wir alle Politik vor der Tür lassen. Und das tun wir auch“, sagt Mary Daly, die Präsidentin der Fed San Francisco, einer der zwölf regionalen Ableger der mächtigen Notenbank, im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Daly hat keine Angst vor Donald Trump, obwohl der US-Präsident die Fed permanent unter Druck setzt, am liebsten per Twitter, die Zinsen noch weiter zu senken. „Die Unabhängigkeit der Notenbank macht mir keine Sorgen“, sagte sie, getragen von der Überzeugung, dass die Fed-Gouverneure und die Chefs der regionalen Notenbanken, die zusammen die Geldpolitik gestalten, sich nicht unter Druck setzen lassen.

Daly fürchtet auch die Wahl im kommenden Jahr nicht. Donald Trump strebt eine zweite vierjährige Amtszeit an und wird dabei sicher nicht ruhiger. „Historisch besehen haben Wahlen längerfristig keinen großen Einfluss die wirtschaftliche Entwicklung“, meint die Notenbankerin.

Aus kleinen Verhältnissen

Die Amerikanerin hat einen ungewöhnlichen Lebensweg hinter sich. Mit 15 Jahren brach sie die Schule ab. Daly kommt aus einfachen Verhältnissen. Ihr Vater war Postangestellter und die Mutter Hausfrau. Als die Familie in finanzielle Schwierigkeiten geriet, arbeitete sie als Teenager in einer Donut-Bude.

Ihre Hochschulreife holte sie später nach. Heute führt Daly mit der Fed San Francisco eine der wichtigsten Institutionen der US-Geldpolitik. Wie einflussreich die regionale Notenbank ist, lässt sich an den Namen ihrer Amtsvorgänger ablesen.

Ihre Vor-Vorgängerin Janet Yellen wurde später Chefin der US-Notenbank Fed. Daly bezeichnet Yellen als eine wichtige Mentorin. Ihr direkter Vorgänger John Williams führt heute die Fed von New York, die für die Umsetzung der US-Geldpolitik an den Märkten und die Aufsicht über die Geldhäuser zuständig ist.

Als Wissenschaftlerin hat sich Daly intensiv mit wirtschaftlicher Ungleichheit beschäftigt – einem großen Thema in den USA. Nach ihrer Meinung dreht sich die Diskussion allerdings viel zu sehr um das oberste eine Prozent der Gesellschaft.

Einige Bewerber um die US-Präsidentschaft, wie Elizabeth Warren und Bernie Sanders, fordern, diese Gruppe stärker zu besteuern. Daly will nicht auf einzelne Politiker oder Vorschläge eingehen, findet aber: „Wichtig ist doch, was bei den restlichen 99 Prozent passiert.“

Sie ist überzeugt: „Der amerikanische Traum lebt.“ Die Hoffnung, auch aus kleinen Verhältnissen kommend aufsteigen zu können, sei nach wie vor sehr weit verbreitet. Die Umfragen zeigen aber wachsende Sorgen, dass die Kinder von heute es schwerer haben werden, diesen Traum zu verwirklichen.

Die Notenbankerin selbst verkörpert dieses Prinzip und sagt: „Ich habe das geschafft, und andere schaffen es auch. Aber ich bin eine Ausnahme. Eigentlich sollte so etwas wie meine Karriere nicht so ungewöhnlich sein.“ Nach ihrer Einschätzung hat sich die soziale Mobilität in den USA und in Deutschland einander angenähert. „Aber leider nicht, weil es in Deutschland besser geworden wäre, sondern weil es in Amerika schlechter wurde“, sagt sie.

In den USA haben nach ihrer Aussage Kinder aus dem untersten Fünftel der Gesellschaft zwar relativ gute Aufstiegschancen, wenn sie das College abgeschlossen haben. Nur: „Aus dieser Gruppe schaffen weniger als zehn Prozent das College, da liegt das Problem.“ Wenn sie keinen College-Abschluss machten, hätten sie kaum Chancen aufzusteigen.

Die Investitionen in Infrastruktur und Bildung seien vernachlässigt worden. Die niedrigen Zinsen sollten dazu genutzt werden, Investitionen nachzuholen, das würde auch das Wachstumspotenzial erhöhen und verhindern, dass man Talent ungenützt lässt.

Inflation falsch eingeschätzt

Was das mit Geldpolitik zu tun hat? Daly sagt, dass die Fed mit ihrer expansiven Strategie viele Amerikaner am unteren Ende der Lohnskala zu Jobs verholfen hat. „Der Nutzen dort war größer, als wir vorher geglaubt haben.“

Insgesamt hat sich auch gezeigt, dass die Arbeitslosigkeit weit tiefer als gedacht sinken konnte, ohne dass daraus Inflationsdruck entstanden wäre. Auf der anderen Seite ist Daly überzeugt, dass die Notenbank über diesen Mechanismus das Problem der Ungleichheit nicht lösen kann: „Dafür sind andere zuständig. Wir sind am besten darin, für Vollbeschäftigung und Preisstabilität zu sorgen.“

Die Notenbankerin bestärkt im Gespräch mit dem Handelsblatt bei einem Besuch in Frankfurt die Botschaft, die Fed-Chef Jerome Powell vor Kurzem ausgegeben hat: Nach drei Zinssenkungen der Notenbank auf eine Spanne von 1,5 bis 1,75 Prozent ist die US-Wirtschaft auf einem Pfad von gut zwei Prozent Wachstum, was auch das Erreichen das Inflationsziels von zwei Prozent wieder etwas greifbarer macht. Weitere Zinsschritte sind auf absehbare Zeit nicht notwendig, wenn es keine deutlichen wirtschaftlichen Umbrüche gibt.

„Die aktuelle Geldpolitik ist angemessen, solange es keine unerwarteten Veränderungen gibt,“ erläutert Daly. Weitere Schritte sind aus ihrer Sicht nur dann nötig, wenn die US-Wirtschaft stärker wächst als erwartet und sich die Inflation schneller als angenommen dem Ziel nähert – oder falls es zu negativen Überraschungen kommt.

Zwar zeigen sich Schwächen in der Industrie und bei den privaten Investitionen, aber das wird mehr als ausgeglichen durch den starken Arbeitsmarkt und die Kauffreude der Verbraucher. Sie hält das Finanzsystem in den USA für stabil – vor allem, weil die Haushalte weniger Schulden haben als in der Vergangenheit.

Treffen mit Lagarde

Daly hat sich mit Christine Lagarde, der neuen Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) getroffen – direkt nach deren erster Pressekonferenz. Die Amerikanerin hat bei der Fed zu einem großen Teil schon hinter sich, was Lagarde für die EZB im Januar starten will: eine gründliche Überarbeitung der geldpolitischen Strategie, auch im Gespräch mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen. „Wir haben eine Menge dabei gelernt“, sagt Daly.

Vor allem, so hat sich bei diesen Gesprächen gezeigt, scheint vielen Amerikanern nicht klar zu sein, warum die Fed, ähnlich wie die EZB, die Inflation möglichst nicht zu weit unter zwei Prozent sinken lassen will. „Viele Leute denken, die zwei Prozent seien eine Obergrenze“, sagte sie und räumt ein: „Wir haben bisher die Geldpolitik nicht gut erklärt. Auf unkomplizierte Weise zu sprechen, das ist der beste Weg.“

Ihre Botschaft lautet, kurz zusammengefasst: „Wir müssen ständig Risiken managen.“ Die Fed brauche die zwei Prozentpunkte als Puffer, damit sie in schwierigen Situationen die Zinsen senken kann, ohne sie unter null zu drücken, wie es die EZB getan hat.

Die Gefahr wäre ohne diesen Puffer aus ihrer Sicht, dass die USA in eine Periode fallender Preise, also eine Deflation, rutschten könnten. „Deflation ist gefährlich, lähmt die Wirtschaft“, ist sie überzeugt. „Wir sind es bisher eher gewohnt, Inflation zu bekämpfen und haben weniger Erfahrung im Kampf gegen eine Deflation.“ Daly bleibt aber optimistisch, dass die Fed ihre Ziele erreichen kann. „Wir haben weniger Handlungsspielraum als früher, aber das heißt nicht, dass wir nichts mehr erreichen könnten.“

Bescheidenheit und Selbstvertrauen

Die ausführliche Erklärung des Puffers von zwei Prozentpunkten ist etwas technischer. Der sogenannte neutrale Gleichgewichtszins liegt nach Schätzung der Fed bei nur noch 0,5 Prozent. Das heißt: Geht die Notenbank mit ihren realen Zinsen, also Leitzins abzüglich der Inflationsrate, darunter, unterstützt sie die Wirtschaft, geht sie darüber, bremst sie bereits.

Daraus ergibt sich: Je höher die Inflation, desto mehr Schub kann sie der Wirtschaft im Krisenfall geben, ohne mit dem ausgewiesenen Leitzins unter null zu gehen. Bei null Inflation wäre nur ein halber Prozentpunkt einsetzbar, bei zwei Prozent Inflation sind es 2,5 Prozentpunkte an Spielraum.

Ganz so simpel ist es also nicht, Geldpolitik genauer zu erklären. Daly ist trotzdem optimistisch, dass sie der Öffentlichkeit sogar ein Konzept verständlich machen könnte, bei dem die Fed die Inflation mit dem wirtschaftlichen Zyklus atmen ließe – also nach Zeiten niedriger Preissteigerungen eine Zeit lang etwas höhere Inflation tolerieren würde.

Diese Idee sollte diskutiert werden, findet Daly. Auch bei der EZB könnte ins Gespräch kommen, lange Perioden niedriger Inflation durch nachfolgend höhere Inflation quasi auszugleichen. Aber dagegen dürfte es, zum Beispiel vonseiten der Deutschen Bundesbank, deutlichen Widerstand geben.

Es sind also auf beiden Seiten des Atlantiks noch viele geldpolitische Fragen zu klären. Daly, die 1996 zur Fed San Francisco kam und sie seit gut einem Jahr leitet, hat aus den Strategiegesprächen und ihrer gesamten Erfahrung vor allem eines gelernt: „Als Notenbankerin braucht man eine gute Balance aus Bescheidenheit und Selbstvertrauen.“