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Corona-Angst und Konjunktursorgen lassen US-Börsen einbrechen – Dow verliert fast sieben Prozent

Die Furcht der US-Anleger vor einer zweiten Coronavirus-Infektionswelle belastet die Börsen. Für Verunsicherung sorgt auch ein düsterer Konjunkturausblick der Fed.

In der berühmten Straße befindet sich der Sitz der New York Stock Exchange. Foto: dpa

Die Angst vor einem Wiederaufflammen der Corona-Pandemie hat die Wall Street auf die rasanteste Talfahrt seit dem Ausverkauf zu Beginn der Krise in den USA Mitte März geschickt. Ein pessimistischer Konjunkturausblick der US-Notenbank Fed verdarb Investoren die Laune zusätzlich.

Der US-Standardwerteindex Dow Jones brach am Donnerstag um 6,9 Prozent auf 25.128 Punkte ein. Der technologielastige Nasdaq verlor 5,3 Prozent auf 9493 Punkte und der breit gefasste S & P 500 rutschte um 5,9 Prozent auf 3002 Punkte ab. Dax und EuroStoxx50 büßten an Fronleichnam jeweils mehr als vier Prozent auf 11.970 beziehungsweise 3159 Punkte ein.

Ursache für den Kursrutsch war in erster Linie die Furcht vor einer zweiten Corona-Welle in den USA. So hat Texas an drei aufeinanderfolgende Tage rekordverdächtige Krankenhausaufenthalte mit Covid-19-Verdachtsfällen gemeldet. Und neun kalifornische Bezirke melden einen Anstieg neuer Coronavirus-Fälle oder Krankenhausaufenthalte mit bestätigten Fällen. „Wir erwarten die Wiedereinführung einiger Corona-Beschränkungen in einigen Städten oder Staaten in den kommenden Wochen“, teilte das britische Analysehaus Pantheon mit.

Hinzu kam düstere Wirtschaftsausblick der US-Notenbank Fed. Bei Anlegern setze sich die Annahme durch, dass die wirtschaftliche Erholung schleppend verlaufen werde, sagte Chad Oviatt, Manager der Huntington Private Bank. Sie werde nicht wie erhofft V-förmig, sondern W-förmig sein. „Vor der Wirtschaft liegt ein sehr unsicherer Weg“, warnte Fed-Chef Jerome Powell. Ein „erheblicher Teil“ der Menschen werde auf längere Zeit arbeitslos bleiben.

Auch die neuen Arbeitslosenzahlen lieferten keine Unterstützung, sie blieben auf einem hohen Niveau. Etwas mehr als 1,5 Millionen Menschen stellten in der Woche bis einschließlich 6. Juni einen Erstantrag auf Arbeitslosenhilfe, wie das US-Arbeitsministerium am Donnerstag mitteilte.

In den vergangenen Monaten seit Mitte März war die wöchentliche Zahl in schwindelerregende Höhen geschnellt und hatte zeitweise oberhalb von sechs Millionen gelegen. Zuletzt gingen die Wochenwerte aber nach und nach runter. In der Vorwoche hatte es 1,9 Millionen Neuanträge auf Arbeitslosenhilfe in den Vereinigten Staaten gegeben. Seit Mitte März haben damit USA-weit mehr als 43 Millionen Menschen mindestens zeitweise ihren Job verloren – so viele wie nie zuvor in solch kurzer Zeit.

Blick auf die Einzelwerte

Finanzwerte gerieten unter Verkaufsdruck, weil niedrige Zinsen die Gewinnmargen im klassischen Kreditgeschäft schmälern. Die Aktien von Bank of America, Citigroup oder JP Morgan fielen um bis zu 13 Prozent.

Die Industriestaaten-Organisation OECD warnte, eine zweite Infektionswelle könne die wirtschaftliche Erholung deutlich verlangsamen. Damit wäre dem Auslöser der jüngsten Börsenrally – die Hoffnung auf eine rasche Überwindung der Pandemie-Folgen – die Grundlage entzogen, sagte Sean O'Hara, Manager beim Fondsanbieter Pacer ETF Distributors.

Vor diesem Hintergrund flogen Touristik- und Freizeitwerte wieder in hohem Bogen aus den Depots. Am härtesten traf es die Aktien der Kreuzfahrt-Anbieter Carnival, Royal Caribbean und Norwegian. Sie brachen um bis zu 16 Prozent ein.

Unter Verkaufsdruck gerieten auch Uber und Lyft. Den kalifornischen Behörden zufolge gelten die Fahrer der Fahrdienstvermittler in dem US-Bundesstaat künftig als Angestellte statt als Subunternehmer. Damit haben sie unter anderem Anspruch auf Sozialleistungen. Die Papiere von Uber und Lyft rutschten um bis zu zehn Prozent ab.

Die Aktien des Einzelhandelskonzerns Walmart gaben um knapp ein Prozent nach. Die Papiere des Flugzeugbauers Boeing fielen um mehr als 16 Prozent. Sie hatten zuletzt ebenso wie die Anteilscheine der Fluggesellschaften United Airlines und American Airlines stark von dem allmählichen Wiederanfahren der Wirtschaft profitiert. Deren Papiere büßten jeweils rund 16 Prozent ein.

Im Fokus stand ferner eine Übernahme: Im Geschäft mit Essenslieferungen wird wohl bald ein transatlantisches Schwergewicht entstehen. Die britisch-niederländische Firma Just Eat Takeaway.com übernimmt den Rivalen Grubhub vollständig. Zugleich hat damit der Fahrdienst-Vermittler Uber, der bislang ebenfalls als möglicher Käufer von Grubhub galt, das Nachsehen.

Durch den Zusammenschluss entsteht den Unternehmen zufolge der größte Essenslieferkonzern außerhalb Chinas. Die Transaktion soll im ersten Quartal 2021 abgeschlossen werden. Die Grubhub-Aktien machten einen Sprung um fast fünf Prozent nach oben.

Um rund zehn Prozent brachen die Anteilscheine des zweitgrößten US-Autobauers Ford ein. Dieser ruft in Amerika wegen möglicher Defekte bei der Türverriegelung zahlreiche Fahrzeuge in die Werkstätten zurück.

Der Euro litt unter dem starken US-Dollar und wurde zuletzt mit 1,1293 US-Dollar gehandelt. Der Dollar gilt als weltweite Reservewährung, die in unsicheren Zeiten oftmals verstärkt nachgefragt wird. Die Europäische Zentralbank hatte den Referenzkurs zuvor auf 1,1348 (Mittwoch: 1,1375) Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,8812 (0,8791) Euro.

Am US-Rentenmarkt profitierten richtungweisende zehnjährige Staatsanleihen von ihrem Status als sicherer Hafen und stiegen um 18/32 Punkte auf 99 19/32 Punkte. Sie rentierten mit 0,666 Prozent.