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US-Ölkonzerne unter Präsident Biden: „Big Oil“ muss auf erneuerbare Energien setzen

Kort, Katharina
·Lesedauer: 4 Min.

Die Branche verliert mit Donald Trump ihren Verbündeten im Weißen Haus. Doch das könnte den Unternehmen helfen, sich endlich auf die Zukunft vorzubereiten.

Joe Biden mag die Ölbranche nicht. Daran hat der im November gewählte Präsident bereits in der letzten Fernsehdebatte vor der Wahl keinen Zweifel gelassen: „Die Ölindustrie verschmutzt die Umwelt erheblich. Sie muss über die Jahre ersetzt werden“, sagte er dort und kritisierte auch die staatlichen Subventionen für die Öl- und Gaskonzerne. Dennoch blickt die Branche erstaunlich gelassen auf die kommende Regierung.

Die amerikanischen Öl- und Gaskonzerne haben 2020 eines ihrer schlimmsten Jahre erlebt. Die Corona-Pandemie hat die weltweite Nachfrage einbrechen lassen, und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Branche Rekordmengen förderte. In den ersten neun Monaten des Jahres hatte etwa Exxon bereits mehr als zwei Milliarden Dollar Verlust geschrieben und entließ 15 Prozent seiner Mitarbeiter. Ein Novum in der Geschichte des texanischen Ölgiganten. Konkurrent Chevron verzeichnete ein Minus von fast fünf Milliarden Dollar.

Mit dem Abgang Donald Trumps wird die Branche auch noch ihren großen Befürworter im Weißen Haus verlieren. Die Ölmultis müssen sich auf andere Zeiten einstellen: Joe Biden will Fracking auf öffentlichem Land verbieten und auch sonst erneuerbare Energien stärker fördern als die klimaschädliche Ölindustrie.

Europa als Vorreiter

Das trifft die meisten US-Konzerne unvorbereitet. Anders als ihre europäischen Konkurrenten haben sie das Thema Nachhaltigkeit und alternative Energien lange vernachlässigt. Stattdessen galt es, auch mithilfe von Fracking die energiepolitische Unabhängigkeit der USA zu erreichen.

„Die US-Industrie wird nun den gleichen Weg beschreiten müssen wie ihre internationalen Konkurrenten“, ist Analyst Stephen Richardson von Evercore Isi überzeugt und weist darauf hin, dass die Kapitalmärkte das schon lange fordern. Es sei noch zu früh zu sagen, was die neue Regierung genau planen wird. „Aber die regulatorischen Gegenwinde werden sich bald auf einer Linie mit denen der Kapitalmärkte bewegen“, schreibt er. Unternehmen in anderen Ländern hätten sich darauf schon seit zwei und mehr Jahren eingestellt.

Nicht nur der Impfstoff und die erwartete Erholung der Wirtschaft wird den Ölkonzernen zugute kommen. Es mag zunächst widersinnig klingen, aber: Auch die erzwungene Ausrichtung auf neue Energien könne helfen. Einige Beobachter wie Richardson rechnen sogar mit einem Boom der Öl-Aktien im kommenden Jahr.

Biden will mit einem ,Green New Deal‘ in den kommenden zehn Jahren insgesamt 1,7 Billionen Dollar in erneuerbare und saubere Energien investieren. Bis 2050 sollen die USA damit null Emissionen im Energiesektor erreichen.

Auch für die Autoindustrie brechen mit der Biden-Regierung neue Zeiten an: Zum einen will der zukünftige Präsident das landesweite E-Tankstellen-Netz ausbauen. Zum anderen plant er mehr Steueranreize für Käufer von batteriebetriebenen Autos. Entsprechend fällt der Verkehr als wichtiger Ölabnehmer weg.

„Aus dem Bauch heraus würde man sagen, dass der Biden-Sieg keine guten Nachrichten für die Industrie sind, aber tatsächlich sind wir vorsichtig optimistisch“, sagt auch Jen Snyder von dem Datendienst Enverus, der sich auf die Öl- und Gasunternehmen konzentriert. Auch sie weist darauf hin, dass „die Bewegung weg von fossilen Brennstoffen auf gesellschaftlicher Ebene da ist, unabhängig von der Regierung“ in Washington.

Fracking kriselt schon jetzt – auch ohne Regulierung

Konkret kommt mit Biden voraussichtlich ein Bohrstopp auf öffentlichem Boden. Das gilt auch für die umstrittene Fracking-Technologie. Nicht zuletzt dank der Schieferölförderung konnten die Vereinigten Staaten zuletzt ihren gesamten Energiebedarf aus eigener Kraft decken.

Biden hat sich dabei nicht besonders streng positioniert. Er will lediglich das Bohren auf öffentlichem Land, das Trump zugelassen hatte, wieder verbieten. Das betrifft besonders New Mexico, wo diese öffentlichen Genehmigungen sehr lukrativ für die Konzerne waren. Dort hat es zuletzt laut Everus einen großen Andrang gegeben, in letzter Minute noch Lizenzen zu ergattern.

Die Fracking-Technologie kriselt derzeit in den USA allerdings auch ganz ohne politisches Zutun: Weil die Öl- und Gaspreise stark gefallen sind, lohnt sich die vergleichsweise teure Fördermethode schon jetzt nicht mehr. Hinzu kommt, dass die Unternehmen im Fracking-Rausch stark fremdfinanziert wurden und nun mit hohen Schulden dastehen. Hunderte Anbieter haben daher in den vergangenen Monaten Insolvenz angemeldet.

Grund zum Jubeln haben derweil Solar- und Windenergie-Unternehmen. Sie werden von Bidens Klimapolitik profitieren. Öl- und Gasunternehmen können nun in diesen Bereich investieren – wie zuvor ihre europäischen Kollegen.