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Mallorca übt die Normalität – „Ich denke, dass wir doch eine erstaunlich gute Saison sehen werden“

10.900 deutsche Urlauber landen vor der offiziellen Grenzöffnung auf den Balearen. Spanien will beweisen: Ferien bei uns sind sicher.

Die Polizei überprüft die Ausweispapiere von Passagieren, die gerade auf dem Flughafen Palma de Mallorca angekommen sind. Foto: dpa

Als sich die Schiebetür am Flughafen in Palma de Mallorca um 11.17 Uhr öffnet, bricht ein Blitzlichtgewitter los. Über 200 Journalisten, Fotografen und Kamerateams haben sich in der Empfangshalle versammelt. So, als gäbe es so etwas wie ein Weltwunder zu bestaunen.

Und irgendwie ist das auch ein bisschen so: Die Maschine, die an diesem Morgen aus Düsseldorf landet, ist der erste deutsche Ferienflieger in Europa, der nach dem Corona-Lockdown wieder ein Reiseziel anfliegt. An Bord: 189 Passagiere – die ersten von 10.900 Reisenden, die in den kommenden zwei Wochen auf den Balearen testen sollen, wie Tourismus in Zeiten des Virus funktioniert.

Die Landung bedeutet den Startschuss für die Sommersaison: Die Reisewarnung Deutschlands für die meisten EU-Länder endet heute und auch die EU-Kommission hat die Mitglieder ermutigt, jetzt die Grenzen innerhalb der EU wieder zu öffnen.

Die Öffnung ist der Versuch, das Sommergeschäft zumindest in Teilen zu retten und den erwarteten Konjunktureinbruch vor allem in den klassischen Urlaubsländern Südeuropas abzufedern. Länder wie Spanien, das sich gerade erst von seiner besonders heftigen Viruswelle erholt, sehen der Saison mit gemischten Gefühlen entgegen.

Ministerpräsident Pedro Sánchez wollte eigentlich erst zum 1. Juli wieder Urlauber ins Land lassen. Doch der Druck der eigenen Tourismusbranche war groß und am Sonntag zog er den Stichtag auf den 21. Juni vor. Noch früher lässt er nur die deutsche Testgruppe auf den Balearen ins Land. Sie soll aller Welt zeigen: In Spanien ist der Urlaub trotz Covid-19 sicher.

Pilotprojekt als Rettungsversuch

Die Idee für den Pilotversuch kam Gabriel Llobera vor sechs Wochen. „In Madrid hieß es damals, dass Hotels erst im Dezember wieder öffnen sollten“, sagt der Chef der mallorquinischen Hotelgruppe Gardenhotels, der auch Präsident der Vereinigung der balearischen Hotelketten ist. „Das hätten wir und die Balearen insgesamt wirtschaftlich nicht überlebt.“ Die Inseln erzielen rund 35 Prozent des Bruttoinlandprodukts mit Touristen, die größte Gruppe davon sind die Deutschen.

Llobera setzte sich mit anderen Hotelbetreibern und deutschen Reiseveranstaltern in Verbindung und trug der Insel-Regierung seine Idee vor. „Die regionale Regierung in Palma war schnell überzeugt, aber Madrid war anfangs nicht begeistert und hat uns erst vor einer Woche die Genehmigung erteilt“, sagt er. Jetzt muss er kurzfristig die Kapazitäten füllen. In seinem Apartmenthotel Alcúdia Garden hat er diese Woche bislang 20 der 300 Zimmer in dem Pilotversuch belegt.

Spanien erzielt zwölf Prozent seiner Wirtschaftsleistung mit dem Tourismus. Rund 83 Millionen ausländische Besucher verbrachten im vergangenen Jahr ihren Urlaub dort, das Land ist hinter Frankreich das weltweit meistbesuchte Reiseziel. In der Corona-Pandemie aber haben Bilder von überfüllten Krankenhausfluren in Madrid die Runde gemacht. Die könnten so machen Spanienfan abgeschreckt haben.

Dabei waren die Inseln von der Pandemie deutlich weniger betroffen als der überwiegende Rest des Landes. „Die Balearen sind sehr abhängig vom Tourismus. Deshalb haben wir zu Beginn der Krise die spanische Regierung gebeten, unsere Häfen und Flughäfen sofort zu schließen und damit die Epidemie gut kontrolliert“, sagt die Regierungschefin der Balearen Francina Armengol dem Handelsblatt (hier lesen Sie das vollständige Interview). „Das war entscheidend, um uns danach als sicheres Reiseziel präsentieren zu können.“

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Während Wettbewerber wie Italien, Griechenland oder Portugal ihre Grenzen ohne Probeläufe bereits geöffnet haben, testet Spanien die Sicherheitsvorschriften auf Mallorca erst einmal. Im Flieger müssen die Ferienhungrigen einen Bogen mit Gesundheitsangaben und ihrer Telefonnummer ausfüllen, damit sich die balearischen Behörden nach dem Zufallsprinzip mit einigen von ihnen in Verbindung setzen und nach ihrem Befinden befragen können. Am Flughafen wird ihnen die Temperatur gemessen, in den Hotels genau geguckt, wie der Check-in läuft, ob es zu Gedränge am Buffet oder Pool kommt und ob bei einigen Abläufen noch nachgebessert werden muss.

Beim Check-in im frisch renovierten Riu-Hotel Concordia zeigt sich an diesem Montag, dass es doch kein normaler Urlaub ist: Absperrbänder vor der Rezeption sorgen für den Sicherheitsabstand, Markierungen am Boden weisen den Urlaubern die Laufwege und Rezeptionisten warten hinter Glasscheiben. „Das kennt man schon aus Deutschland von den Supermärkten“, sagt eine junge Frau. „Sicherheit geht eben vor – auch im Urlaub.“

Deutlich weniger Besucher

Ministerpräsident Sánchez setzt auf die Urlaubslust der Gäste, die das Pilotprojekt auf Mallorca ankurbeln soll. Der Tourismus habe schon in der vergangenen Krise 2008 zur wirtschaftlichen Erholung Spaniens beigetragen und werde es nun wieder tun, versicherte er.

„Wenn der Versuch zeigt, dass weder unter der Inselbevölkerung noch unter den Touristen die Infektionszahlen steigen, könnte das die Besucherzahlen normalisieren“, glaubt Pedro Aznar, Tourismusexperte von der Business-School Esade. „Ich halte einen Test für eine gute Idee.“

Optimismus kann die Branche gebrauchen: Der Tourismusverband Exceltur rechnet auf Basis der bis Anfang Juni erfolgten Buchungen damit, dass in diesem Jahr rund 60 Prozent weniger Besucher kommen als 2019. „Auf den Balearen wollen bislang nur 50 bis 60 Prozent der Hotels öffnen. Aber wenn der Pilotversuch ein Erfolg wird, werden es vielleicht mehr“, sagt Hotelier Llobera.

Reiseveranstalter Tui geht davon aus, dass die Mission Mallorca die Reisefreude weckt. „Viele Reiseländer sind für Touristen noch geschlossen, und wir sehen, wie die Gästezahlen für die Balearen stark ansteigen“, sagt Tui-Vorstand Sebastian Ebel auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz in Palma de Mallorca.

„Ich denke, dass wir doch eine erstaunlich gute Saison sehen werden.“ Nachdem Madrid am vergangenen Montag das Okay für den Pilotversuch gegeben hatte, war der erste Flieger auf die Insel über Nacht ausgebucht. Tui-Chef Fritz Joussen hatte jüngst erklärt, er rechne am europäischen Mittelmeer mit rund halb so vielen Buchungen wie im vergangenen Jahr. Jetzt heißt es im Konzernumfeld, das könnte eine konservative Schätzung sein.

Doch nicht alle sind euphorisch. „Vor Kurzem waren wir noch alle in unseren Wohnungen eingesperrt, und jetzt kommen in kurzer Zeit knapp 11.000 Touristen auf die Insel. Das halte ich nicht für sinnvoll“, sagt Joan García, der in der Nähe eines Hotels wohnt, das jetzt Urlauber aufnimmt.

Eine Mittdreißigerin, die in einer Bar in der Nähe des Ballermanns arbeitet, freut sich dagegen auf die Deutschen: „Wir leben schließlich vom Tourismus“, sagt sie. „Seit der letzten Saison habe ich nichts mehr verdient. Es wird Zeit, dass es nun endlich wieder losgeht.“

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