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"Wenn es um Macht geht, wird es ungemütlich": Warum Frauen bei der Neuaufstellung der Union kaum eine Rolle spielen

Beim Deutschlandtag der Jungen Union (JU) schenkte JU-Chef Tilman Kuban CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak und Markus Blume, CSU-Generalsekretär, weiße Sneaker.
Beim Deutschlandtag der Jungen Union (JU) schenkte JU-Chef Tilman Kuban CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak und Markus Blume, CSU-Generalsekretär, weiße Sneaker.

Die Union ist auf einem von Männern manövrierten Sturzkurs. Im Wahlkampf haben CSU-Chef Markus Söder und CDU-Chef Armin Laschet die Partei in einem Macho-Kampf um die Kanzlerkandidatur und den Parteivorsitz zerrieben. Am Ende stand eine historische Niederlage bei der Bundestagswahl.

Dennoch werden für die Wahl einer neuen Parteispitze wieder nur ausnahmslos Männer gehandelt: Friedrich Merz, Ralph Brinkhaus, Norbert Röttgen, Carsten Linnemann, Jens Spahn. Kandidatinnen für den Parteivorsitz gibt es nicht. Und auch im Rest der Union haben Frauen wenig Einfluss. Mit Kanzlerin Angela Merkel verlässt die letzte mächtige Christdemokratin gegen Ende des Jahres die politische Bühne. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, an der CDU-Spitze gescheitert, macht den Platz im kommenden Bundestag frei.

Die Frauen in der Partei sind so machtlos, dass die Vorsitzende der Frauen Union, Annette Widmann-Mauz, kürzlich im RedaktionsNetzwerk Deutschland warnte: "Die Neuaufstellung der CDU Deutschlands kann inhaltlich, personell und strukturell nur mit den Frauen in der Partei gelingen". Frauen spielten eine wesentliche Rolle, und "sie werden auch darauf drängen, dass sie eine Berücksichtigung finden".

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Doch bisher drängt kaum jemand. Nur wenige Frauen in der Union trauen sich überhaupt, offen Ansprüche auf Machtpositionen zu stellen. Diejenigen, die es tun, werden teilweise regelrecht von ihren männlichen Parteikollegen bekämpft.

Business Insider hat mit betroffenen CDU- und CSU-Politikerinnen von Kreisverbands- bis Bundesebene gesprochen. Sie berichten von männlichen Parteikollegen, die sich sexistisch äußern, sobald das Thema Frauenförderung aufkommt, die männliche Kandidaten besser qualifizierten und engagierten Frauen vorziehen – oder gleich ganz versuchen, weibliche Kandidaturen zu verhindern.

"Wenn es um Verteilungsfragen von Macht und Einfluss geht, dann wird es ungemütlich"

Da ist zum Beispiel Skrollan von Lindequist. Während ihres Jura-Studiums arbeitete sie im CDU-Kreisvorstand in Frankfurt Oder mit. Damals ist sie eine von zwei Frauen, 14 Mitglieder des Vorstands sind Männer. Lindequists Engagement wird schnell ausgebremst. Als sie neue, weibliche Mitglieder anwerben will, sei darüber gewitzelt worden: "Sie wollten mir ein bisschen Geld geben, damit ich dafür einen Kuchen backen könne", sagt die 31-Jährige.

Immerhin, der Frankfurter Bundestagsabgeordnete Martin Patzelt (CDU) setzt sich für sie ein. Er schlägt Lindequist vor der Bundestagswahl als seine Nachfolgekandidatin für den Wahlkreis vor. Doch Lindequists eigener Kreisvorsitzender bremst sie aus. Sie habe keine Kinder, sei nicht verheiratet und nicht von hier, habe er argumentiert, berichtet sie. Es sei nicht gut, wenn Leute ohne Lebenserfahrung im Bundestag säßen. "Am Anfang musste ich erstmal schlucken, weil mein Lebensentwurf so abgewertet wurde", sagt Lindequist. Sie habe seit dem sie 18 Jahre alt sei gearbeitet und habe ihr Studium selbst finanziert. "Und plötzlich sitzt ein Typ vor dir und erzählt dir, dass dein Lebensentwurf nicht zählt."

Lindequist tritt trotzdem an. Es kommt zur Kampfkandidatur um die Bundestagskandidatur im Wahlkreis. Der Gegenkandidat ist Daniel Rosentreter, Richter, verheiratet, drei Kinder. Lindequist verliert. "Ich war ehrlich gesagt erst einmal richtig fertig", sagt sie. Im Wahlkampf sei ihr von Parteikollegen heftig zugesetzt worden, ein Mitglied des Kreisverband-Vorstands habe sogar ihr Klingelschild fotografiert und an mehrere CDU-Mitglieder der Stadt verschickt — aus dem Verdacht heraus, Lindequist betrüge den Verband.

Die junge Politikerin ist entsetzt, versucht aber sich bis zur Nominierung ruhig zu verhalten, den Vorfall nicht weiter anzuprangern. „Manche drehen sich dann im Ekel weg, wenn du das jetzt groß aufhängst“, rät ihr ein Wegbegleiter. Am Ende habe sie eine Kopie ihres Ausweises an den eigenen Kreisgeschäftsführer schicken müssen, um Zweifel über ihre Adresse auszuräumen, sagt Lindequist. Für den Klingelschild-Fotografen habe es keine Konsequenzen gegeben – auch nach mehrfachen Beschwerden und einer Sondersitzung nicht.

"Social Media darf man als Frau in der CDU gerne übernehmen oder Veranstaltungen organisieren", sagt Lindequist. "Aber wenn es um Verteilungsfragen von Macht und Einfluss geht, dann wird es ungemütlich." Sie will trotzdem in der Partei bleiben. Auch, um für eine Erneuerung der Union und einen besseren Umgang mit Frauen zu kämpfen.

"Sie entscheiden sich nicht für Frauen, weil sie sich unter den anderen Männern keine Feinde schaffen wollen"

So wie Caroline Lünenschloss. Die 28-Jährige ist seit 2020 Fraktionsvorsitzende der CDU Wuppertal. Anders als Lindequist schaffte es Lünenschloss zur Bundestagskandidatin – doch der Weg dahin wird ihr schwer gemacht.

Als die Bezirksvorstände der Wuppertaler CDU ihre Kandidatenliste für die Landesliste erstellen, taucht die erste Frau erst auf Platz 6 auf. Offiziell habe es geheißen, dass die Männer alle besser für den Job qualifiziert seien, sagt Lünenschloss Business Insider. Sie glaubt: "Wir kommen als Frauen nicht so gut unter, weil die Bezirks- und Landesvorstände hauptsächlich von Männer besetzt sind. Sie entscheiden sich nicht für Frauen, weil sie sich unter den anderen Männern keine Feinde schaffen wollen."

Lünenschloss beschwert sich über die Wahlliste. "Ich habe den Bezirksvorstand angerufen und darum gebeten, das Quorum einzuhalten", sagt Lünenschloss. Das "Quorum" steht seit dem CDU-Parteitag 1996 im Statut der Partei. Demnach soll bei der Listenaufstellung für Bundestagswahlen unter drei aufeinanderfolgenden Listenplätzen jeweils mindestens eine Frau vorgeschlagen werden. Aber verbindlich ist das nicht.

So sieht das auch der Bezirksvorstand der Wuppertaler CDU. Das Quorum gelte für den Vorstand nicht, habe er Lünenschloss mitgeteilt – und Listenplätze seien für Männer reserviert, die schon einmal kandidiert hätten. Irgendwann sei bei ihren Anrufen beim Vorstand niemand mehr rangegangen, sagt Lünenschloss. Auch der nordrhein-westfälische CDU-Landesvorstand habe nicht helfen wollen. Die 28-Jährige landet am Ende auf Platz 44 der Landesliste – für den Einzug in den Bundestag reicht es nicht.

Erfolg und Erfahrung helfen Politikerinnen in der Union nicht gegen die Männerstrukturen

Selbst Frauen, die in der Union Erfolg haben, berichten von frauenfeindlichen Männerstrukturen in der Partei. Etwa in Bayern, in der CSU.

Dort wurden Posten wie die des Generalsekretärs extra doppelt besetzt, um Frauen eine Chance zu geben, heißt es aus Parteikreisen. Doch nach Dorothee Bär und Daniela Ludwig führen das Amt mit Florian Hahn und Markus Blume nun zwei Männer. Man baue die Frauen nicht auf und sie bekämen kein Amt, um sich zu etablieren, bemängelt eine CSU-Politikerin.

Doch die Benachteiligung von Frauen fängt schon vor der Postenbesetzung an, berichten etablierte Unionspolitikerinnen Business Insider. Wer zu Frauenthemen wie Gendern oder Gleichberechtigung stehe, disqualifiziere sich in den Augen vieler männlichen Kreisvorsitzenden, werde gemobbt oder ausgelacht. Es gehe bei Wahlaufstellungen weniger um Inhalte als darum, Ämter zu verteilen – meist an Männer. Treten Frauen trotz Widerständen an, würden auch Details aus dem Privatleben gegen sie verwendet werden. Sexistische Sprüche fielen auch bei Sitzungen von Kreisverbänden. Doch keine der Betroffenen will offen über das Problem sprechen. Zu groß sei die Gefahr, damit die eigene Karriere zu riskieren, heißt es. So, wie das Lindequist und Lünenschloss passiert ist.

Nicht alle Unions-Politikerinnen haben bei ihrem Aufstieg in der Partei Schwierigkeiten

Nicht alle Frauen in der Union treibt diese Angst um. "Ich hatte innerparteilich keine Hindernisse", sagt etwa Catarina dos Santos, 27 Jahre, die neu für die CDU in den Bundestag gezogen ist. Gerade weil sie viele Wahlkämpfe mitgemacht habe, sei da kein Widerstand gegen sie als Kandidatin gewesen. Dos Santos meint, das eigentliche Problem fehlender Frauen in der Partei läge eher in der familienunfreundlichen Politikarbeit an sich und in den Familien: "Die Frauen zögern Verantwortung zu übernehmen, weil sie ihre Ämter verlieren, wenn sie Kinder bekommen", sagt Dos Santos im Gespräch mit Business Insider.

Ähnlich argumentiert auch die 25-jährige Wiebke Winter, Mitgründerin der Klimaunion und ehemals Bundestagskandidatin für Bremerhaven. Sie ist seit Anfang 2021 das jüngste Mitglied im CDU-Bundesvorstand und eine der drei jungen Frauen, die es aus der Jungen Union in das Parteigremium hineinschafften. Ihrer Meinung mangele es der Union an Frauen, weil es zeitlich für viele Frauen nicht möglich sei, politische Ämter nebenher zu Beruf und Familie zu stemmen. Auch wirke die CDU immer noch zu männlich nach außen, es fehle an weiblichen Vorbildern. Den Umgang mit Frauen innerhalb der eigenen Partei kritisiert Winter jedoch nicht: "Ich wurde immer gefördert", sagt Winter. Ihr sei es nicht passiert, dass ihr mal jemand gesagt habe, dass sie etwas nicht könne.

Dabei sprechen die Zahlen für sich: Nur eine einzige Unionspolitikerin hält gerade einen Spitzenposten – Ursula von der Leyen, in Brüssel, als EU-Kommissionspräsidentin. Der Frauenanteil in der CDU liegt bei rund 27 Prozent. In der neuen Unionsfraktion im Bundestag sitzen mit 23 Prozent sogar noch weniger Frauen als anteilig unter den Mitgliedern zu finden sind.

In der Union ist die Debatte der Frauenförderung umstritten

Die Union betont immer wieder, Frauen besser in die Partei einbinden zu wollen. Verbesserungen lassen aber auf sich warten.

Als CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak auf dem Deutschlandtag der Jungen Union Mitte Oktober nach Strukturen gefragt wird, die es auch Frauen ermöglichen, in aussichtsreichen Wahlkreisen auf aussichtsreichen Listenplätzen zu kandieren, antwortet er, man bräuchte "mehr Verbindlichkeit" für Gremien – "was anderes fällt mir nicht ein".

Ohnehin, eine verbindliche Vorgabe für den Postenanteil von Frauen findet in der Union keine Mehrheit. Der Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete Christoph Ploß sagte dazu in einem Interview mit "jetzt": "Ich selbst wähle niemanden, weil die Person eine Frau oder ein Mann ist, sondern aufgrund der Befähigung für ein Amt." Die Quote entstamme im Grunde einer Diskussion aus dem vorherigen Jahrhundert, sie sei ein Instrument von vorgestern. Keine Quote, keine "Verbindlichkeit", auch keine Doppelspitze – weibliche Karrieren bleiben in der Union erschwert.

"In der Union schaffst du es als Frau selten allein mit Leistung", sagt Kim Thy Tong, stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungen Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (JCDA). Vor zwei Jahren hatte sie in einem offenen Brief an die damalige CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer mehr Repräsentanz für Frauen in der Partei gefordert. Kramp-Karrenbauer antwortete, die Missstände blieben. "Du brauchst Glück, um die richtigen männlichen Förderer zu treffen. Nur sie können einen in Hinterzimmergesprächen in Positionen hieven", sagt Tong. Dann fügt sie an: "Wer Pech hat, trifft solche Männer nicht."

Mitarbeit: Christiane Rebhan