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Trotz Reaktor-Schließung: Frankreichs Regierung hält weiter an Atomkraft fest

Zum ersten Mal in seiner Geschichte wird Frankreich aus politischen Gründen einen Kernreaktor schließen. Das sorgt für Probleme in den betroffenen Gemeinden im Elsass.

Das Atomkraftwerk in der Nähe der deutsch-französischen Grenze wird in diesem Jahr vom Netz genommen. Foto: dpa

Zum ersten Mal in seiner Geschichte wird Frankreich aus politischen Gründen ein Atomkraftwerk schließen. Am 22 Februar geht der erste Reaktor im elsässischen Fessenheim vom Netz, im Juni folgt der zweite. Eine Zeitenwende, denn die Betriebsgenehmigung des Atomkraftwerks (AKW) ist noch längst nicht erloschen, der Meiler könnte noch mindestens zehn Jahre laufen. Aber die Politik will das Aus. 

„Bei uns herrschen immer noch Wut und Unverständnis wegen der Unklarheit darüber, was nach der Schließung passieren soll,“ ärgert sich der Bürgermeister Claude Brender. Er fürchtet den ersatzlosen Verlust von mehr als tausend Arbeitsplätzen. Insgesamt 29 Gemeinden würden Millionen an Steuergeldern verlieren, seine müsse aber weiter 2,9 Millionen als Ausgleichsabgabe leisten. „Wenn ich dagegen protestiere, sagt man mir: Sei froh, schließlich habt ihr 40 Jahre profitiert.“  

Fessenheim ist das älteste Kernkraftwerk Frankreichs, das noch in Betrieb ist. Unmittelbar an der deutschen Grenze gebaut, gingen die beiden jeweils 900 Megawatt starken Reaktoren 1978 ans Netz. Präsident Emmanuel Macrons Vorgänger François Hollande hatte schon 2012 versprochen, das Kernkraftwerk werde geschlossen: ein Zugeständnis an die Grünen, mit denen zusammen er anfangs regierte. Doch dann geschah erst einmal nichts. 

Nun vollzieht Macron das, wozu seinem Vorgänger die Kraft fehlte. Dabei ist der junge Präsident eigentlich ein Freund der Kernspaltung. „Der Nuklearsektor ist einer der großen technologischen und wirtschaftlichen Trümpfe Frankreichs“ wird er nicht müde, zu behaupten. Man werde diese Karte nicht aus der Hand geben, sie vielmehr stärken. 

Dennoch übernahm er die Ziele Hollandes: Schließung von Fessenheim und Begrenzung des Atomanteils an der französischen Stromerzeugung auf 50 Prozent. Heute stammen noch fast drei Viertel des Stroms aus Kernkraft.

Frankreich wird nicht aus der Atomkraft aussteigen

Nur noch 46 Prozent der Franzosen halten Atomkraft einer repräsentativen Umfrage zufolge wie ihr Präsident für einen Trumpf. Zwei Drittel halten diese Energie für zu teuer, derselbe Anteil findet, sie sei umweltschädlich. Damit hat sich in etwas mehr als einer Generation unser Nachbarland von einem glühenden Befürworter der zivilen Kernspaltung zum Skeptiker gewandelt. 

Dennoch wird Frankreich nicht wie Deutschland zum Atomausstieg übergehen. Die Konsequenzen für den CO2-Ausstoß wären zu gewaltig. Aber in den kommenden 15 bis 20 Jahren sollen 14 Reaktoren abgewrackt werden. Sie sind über das ganze Land verteilt, liegen etwa in Blaye an der Gironde, wo direkt nebenan einige der besten Bordeaux-Weine wachsen, oder in Bugey an der Rhone. 

Doch Frankreichs Regierung will dem Atomstrom nicht den Rücken kehren. Der überwiegend staatliche Versorger EDF ist damit beauftragt worden, einen Plan für den Neubau von sechs großen Reaktoren vorzulegen. Sie sollen vom selben Typ sein wie das Kernkraftwerk in Flamanville an der Kanalküste. Das ist bislang vor allem durch zahlreiche Terminüberschreitungen und Mehrkosten in Milliardenhöhe aufgefallen. 

Die Behörde für atomare Sicherheit ASN drängt EDF dazu, die kostengünstigen Alt-Reaktoren vor Grund auf zu überholen. Nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima hat sie den Versorger zu einer umfassenden Nachbesserung seiner Atommeiler gezwungen. Sogar gewaltige Betonwannen müssen unter den Reaktoren eingezogen werden, um das „China Syndrom“, ein Versinken des Reaktorkerns bei Kernschmelze im Erdreich, zu verhindern. „Die Anpassung an die neuen Normen kostet uns 45 Milliarden Euro“, räumt ein Mitarbeiter von EDF ein. 

Die wirtschaftliche Zukunft von Fessenheim und Umgebung ist ungewiss. Der französische Staat hat sich viel Zeit mit der Planung gelassen. Erst vor einem Jahr wurde mit deutscher Beteiligung ein „territoriales Projekt“ verabschiedet. Das weckt große Erwartungen: „Wir erklären hiermit unsere gemeinsame Zielsetzung, zu einem europäischen Raum für eine CO2-arme Wirtschaft zu werden, dessen Grundlage Spitzenleistungen und Innovationen sind, die Arbeitsplätze schaffen und für Wertschöpfung sorgen.“ lautet die Absichtserklärung. 

Grenzüberschreitende Kooperation mit Deutschland und der Schweiz

Doch geschehen ist bislang wenig. „Das mit der Schließung ging dann doch sehr schnell, das ganze Territorium war nicht vorbereitet“, kritisiert Jean Rottner, Präsident der Region Grand Est. In der Haut des konservativen Politikers möchte man nicht stecken: Er muss auch die Schließung eines Kohlekraftwerks verkraften und Bure, den geplanten Standort für ein Atommüll-Endlager, verteidigen. 

Rottners Traum ist es, seine Region zum Vorzeige-Projekt der Energie- und Verkehrswende zu machen – durch eine grenzüberschreitende Kooperation mit Deutschland und der Schweiz. Eine gemischte deutsch-französische Gesellschaft ist noch im Aufbau. Sie leitet unter anderem den Wirtschaftspark EcoRhena mit 200 Hektar in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Kernkraftwerks. Noch hat sich kein Unternehmen zur Ansiedlung entschlossen. 

Die Region hat den hohen Anspruch, aus der Not der AKW-Schließung eine Tugend zu machen und zu einem Vorbild für die erfolgreiche Energiewende zu werden. Noch fällt ihr das schwer. Immerhin: In Mulhouse arbeiten sie an Wasserstoff-Technologie für Autos sagt Rottner. Und die Region hat Wasserstoff-Züge in Auftrag gegeben.

Für 375 Millionen Euro hat sie rollendes Material bestellt, das auch in Deutschland eingesetzt werden kann. Die Bundesländer Saar, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg erstatten ihrer französischen Partner-Region über 30 Jahre hinweg einen großen Teil des Betrages.

Es ist das erste Mal, dass eine solche deutsch-französische Kooperation zustande kommt. „Das zeigt, dass wir mit dem neuen deutsch-französischen Vertrag von Aachen viel konkreter kooperieren“, freut sich Rottner. 

Schleppende Vorbereitungen für den Strukturwandel

Doch nicht alles läuft so glatt. EDF hat die Ansiedlung einer Fabrik für die Behandlung verstrahlter Metallteile in Fessenheim ins Gespräch gebracht. Auf deutscher Seite kann man sich dafür nicht erwärmen: Die Aussicht, tonnenweise verstrahltes Material über die Straßen zu transportieren, begeistert niemanden in  Freiburg und Umgebung. „Wir können das aber nicht von Deutschland abhängig machen, Frankreich kann die Fabrik auch allein betreiben – wenn wir bei der ersten Schwierigkeit aufgeben, kommen wir nie weiter“, ärgert sich Bürgermeister Brender. 

Von Fessenheim aus ist Freiburg ungefähr genauso weit entfernt wie die französischen Städte Colmar oder Mulhouse. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist man aber deutlich schneller in der Stadt im Breisgau, und in Freiburg beträgt die Arbeitslosenquote aktuell 3,7 Prozent, während sie in Mulhouse mehr als dreimal so hoch ist. In der ganzen umliegenden Region „Grand Est“  sieht es mit über acht Prozent nicht sehr viel besser aus. „Viele Franzosen finden Arbeit auf der anderen Rheinseite, auf Dauer darf das aber keine Einbahnstraße sein“, mahnt Regionalpräsident Rottner.  

Dafür muss allerdings auch der Strukturwandel in Frankreich klappen. Das ist noch nicht gesichert: „Die Planungen für wirtschaftliche Alternativen nach der Schließung von Fessenheim gehen auf französischer Seite etwas schleppend voran.“ bemerkt man im Rathaus von Freiburg. „Weder kurz- noch mittelfristig steht bislang auch nur ein konkretes Projekt“, grämt sich Fessenheims Bürgermeister Brender.