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Transformation der Pharma-Sparte: Wie Bayer den nächsten Blockbuster erforschen will

Hofmann, Siegfried
·Lesedauer: 5 Min.

Neue Forschungsschwerpunkte sollen Medikamenten- und Therapieentwicklung voranbringen. Bayer sucht den Erfolg – auch um die Monsanto-Belastung zu kompensieren.

Der Leverkusener Konzern stellt sich durch Zukäufe und Übernahmen für die Zukunft auf. Foto: dpa
Der Leverkusener Konzern stellt sich durch Zukäufe und Übernahmen für die Zukunft auf. Foto: dpa

Schwache Organe mit neuen Zellen regenerieren: Das ist eine der großen Hoffnungen, die Mediziner und Pharmaforscher mit dem Konzept der Zelltherapie verbinden. Erneuert hat sich in diesem Bereich auch Bayer. Mit gut zwei Dutzend Allianzen und Akquisitionen hat der Leverkusener Konzern im vergangenen Jahr sein Entwicklungsprogramm verbreitert und dabei zugleich einen neuen Forschungsschwerpunkt im Bereich der Zell- und Gentherapien etabliert.

Vor wenigen Tagen vereinbarte er außerdem eine Kooperation mit dem Biotechunternehmen, Covid-Impfstoffentwickler und mRNA-Spezialisten Curevac. Bayer will das Tübinger Unternehmen vor allem in regulatorischen Fragen und bei der Markteinführung seines Covid-Impfstoffs unterstützen. Darüber hinaus sondieren die Unternehmen Kooperationsmöglichkeiten in der Produktion und weitere Projekte.

Bayers Pharma-Division, zeigt sich Spartenchef Stefan Oelrich im Gespräch mit dem Handelsblatt überzeugt, ist durch die Neuausrichtung mittel- und längerfristig weitaus besser gerüstet als in der Vergangenheit. „Wir verfügen heute aus eigener Kraft über einen guten Mix aus frühen, mittleren und späten Projekten. Vor zwei Jahren war das Gegenteil der Fall“, so Oelrich.

Zentrale Schritte beim Umbau waren die Übernahmen des Zelltherapiespezialisten Bluerock 2019 sowie der Kauf des amerikanischen Gentherapie-Unternehmens Ask Bio für bis zu vier Milliarden Dollar im vergangenen Herbst. Beide werden als eigenständige Unternehmen unter dem Dach einer neuen Zell- und Gentherapiesparte innerhalb des Pharmabereichs geführt.

Bayer sieht sich auf diesen Gebieten dank der Zukäufe und einer Reihe weiterer Allianzen nun unter den fünf führenden Unternehmen. Marktreife Produkte dürften allerdings noch Jahre auf sich warten lassen. Die Bayer-Pharmaforschung gewinnt nach Einschätzung Oelrichs mit dem Engagement eine neue Qualität. Sie verfügt demnach erstmals über eine Technologieplattform, die für die nächsten Jahre wichtige Therapiedurchbrüche auf verschiedenen Feldern und einen stetigen Strom an neuen Projekten und Produkten verspricht.

Gentherapien sorgten in jüngerer Zeit bereits in der Behandlung von Krebs und bestimmten Erbkrankheiten für Aufsehen. Pharmakonzerne wie Roche und Novartis investierten hohe einstellige Milliardenbeträge in den Kauf von Firmen mit einzelnen marktreifen Gentherapien. An mehreren dieser Produkte, darunter die Gentherapie Zolgensma gegen die Erbkrankheit Muskeldystrophie, ist Ask Bio als Technologielieferant und Lizenzgeber beteiligt.

Das Unternehmen verfügt insbesondere über umfangreiches Know-how in der Entwicklung und Produktion von Viren, die als Transfervehikel für Gene eingesetzt werden können. Aktuell umfasst das Gen- und Zelltherapieprogramm von Bayer mehr als 15 präklinische Projekte und sieben Produkte in klinischen Testphasen, darunter neue Therapien gegen Parkinson und Herzversagen.

Monsanto-Deal sorgte für Unsicherheit

Die Transformation der Bayer-Pharmaforschung hat sich dabei weitgehend im Schatten der rund 56 Milliarden Euro teuren Monsanto-Übernahme vollzogen, mit der sich der Leverkusener Konzern sehr hohe Schadensersatzrisiken eingehandelt hat. Der Deal nährte Zweifel, ob Bayer noch über genügend Finanzkraft und Management-Fokus verfügt, um sein Pharmageschäft langfristig voranzubringen.

Aktivistische Investoren spekulieren dabei immer wieder auf eine Aufspaltung des Konzerns. Zudem zeigt das Agrogeschäft auch operative Schwächen. Umso wichtiger ist es für das Bayer-Management, das Pharmageschäft als starkes und zukunftssicheres Standbein zu positionieren.

Die Sparte mit derzeit rund 18 Milliarden Euro Umsatz entwickelte sich in den vergangenen Jahren solide. Doch werden die wichtigsten Umsatzbringer, der Gerinnungshemmer Xarelto und das Augenmedikament Eylea in den nächsten Jahren ihren Patentschutz in wichtigen Märkten verlieren.

Aktuell entfallen rund 40 Prozent des Umsatzes auf die Bestseller. Viele Investoren und Analysten fürchten daher eine Umsatzdelle und betrachten die Forschungspipeline des Konzerns bisher als nicht stark genug, um das zu kompensieren. Denn die Erfolgsbilanz der Bayer-Pharmaforschung fiel im vergangenen Jahrzehnt durchwachsen aus. Etliche Produktkandidaten, denen der Konzern hohe Umsätze zutraute, darunter etwa das potenzielle Krebsmittel Anetumab, erwiesen sich in klinischen Studien als Flop oder enttäuschten kommerziell.

Im Geschäft mit Hämophilie-Medikamenten wurde Bayer von Konkurrenten wie Roche mit innovativen Produkten überholt. Eine eigens für neue Blutermedikamente gebaute Fabrik in Wuppertal hat der Konzern eingemottet und inzwischen an die chinesische Wuxi Biologics verkauft.

Oelrich hat die Führung der Pharma-Division im November 2018 übernommen, in einer strategisch schwierigen Phase wenige Monate nach Vollzug des Monsanto-Deals. Zuvor war er in verschiedenen Führungspositionen beim französischen Konkurrenten Sanofi tätig. „Wir standen damals vor einer Weggabelung und der Frage, ob wir links abbiegen und ein Unternehmen mit Fokus auf etablierte Produkte werden sollten, oder ob wir den schwierigeren Weg der Innovation gehen sollten“, so der Bayer-Manager.

Mehrere mögliche Blockbuster-Medikamente

Auch jenseits des neuen Zell- und Gentherapieschwerpunkts hat sich das Produktportfolio aus Sicht des Bayer-Pharmachefs klar verbessert. Insgesamt umfasst die Produktpipeline des Konzerns mehr als 50 Projekte in klinischer Entwicklung. Für drei bereits weit fortgeschrittene Produktkandidaten sieht Oelrich Blockbuster-Potenzial, das heißt: Spitzenumsätze von jeweils mehr als einer Milliarde Euro.

Dazu gehört das bereits zugelassene Prostatakrebs-Medikament Nubeqa, der Wirkstoff Finerenone gegen Nierenversagen und ein neuartiger Wirkstoff gegen Wechseljahrbeschwerden, den Bayer im vergangenen Jahr zusammen mit der britischen Firma Kandy erwarb.

Nubeqa ist in den USA, Europa und weiteren Ländern bereits zugelassen. Finerenone befindet sich nach positiven Testresultaten im beschleunigten Zulassungsverfahren in den USA. Für das Medikament von Kandy soll im laufenden Jahr eine zulassungsrelevante Studie starten.

Umsätze von mehr als einer Milliarde Euro dürfte nach Erwartung von Bayer auch das Herz-Kreislauf-Mittel Vericiguat erzielen. Allerdings muss man sich hier die Erlöse mit dem US-Konzern Merck & Co teilen.

Einige Hoffnungen verbindet der Leverkusener Konzern zudem mit mehreren Projekten in der mittleren klinischen Testphase, darunter auch potenzielle Nachfolgeprodukte für den Gerinnungshemmer Xarelto. Diese Wirkstoffe, die den Gerinnungsfaktor XI hemmen, bieten nach Einschätzung der Bayer-Forscher die Aussicht, die Blutungsrisiken bei dieser Art von Medikamenten stärker zu reduzieren.

Inwieweit diese Neuentwicklungen in den nächsten Jahren die bevorstehenden Umsatzeinbußen bei den heutigen Blockbustern auffangen können, lässt Oelrich offen. Klar ist aus seiner Sicht indessen, dass von einer drohenden „Patentklippe“, der Gefahr eines abrupten Umsatzeinbruchs, keine Rede sein kann. Nicht nur, weil sich die Patentabläufe über mehrere Jahre hinziehen: „Wir haben ausreichend Projekte und eine erfolgreiche späte Entwicklung, sodass wir viel zuversichtlicher nach vorne schauen.“