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Terror in Österreich: Wie sich ein junger Wiener radikalisierte

·Lesedauer: 14 Min.

In Wien sind bei einem Anschlag vier Personen ums Leben gekommen. Hinter dem Terroristen steckt ein Netzwerk, dass bis in die Schweiz reicht. Die Hintergründe.

Einsatzkräfte der Polizei nach den Schüssen in der Wiener Innenstadt am Schwedenplatz. Foto: dpa
Einsatzkräfte der Polizei nach den Schüssen in der Wiener Innenstadt am Schwedenplatz. Foto: dpa

Neun Minuten lang feuert Kujtim F. am 2. November in der Wiener Innenstadt wahllos auf Passanten und Cafébesucher. 150 Schuss gibt der 20-Jährige ab, ehe ihn um 20:09 Uhr ein Angehöriger der österreichischen Spezialeinheit Wega ausschaltet. Ein Barbesucher, eine Kunststudentin, eine Kellnerin und ein Lokalbetreiber sind zu diesem Zeitpunkt bereits getötet worden, mehr als zwanzig Menschen zum Teil schwer verletzt.

Dominierten zunächst Trauer und demonstrative, parteiübergreifende Einheit, so fragt sich Österreich auch mehr als eine Woche nach dem Anschlag, wie es zu der Tat kommen konnte. Wie kam der junge Mann zu den Waffen, obwohl er bereits seit längerem auf dem Radar der Sicherheitsbehörden war und es viele Warnsignale gab? Welche Rolle spielte das internationale salafistische Netzwerk, in dem F. verkehrte, bei der Planung? Und handelte er wirklich allein?

Die Wurzeln von Kujtim F. liegen in der albanischen Volksgruppe in Nordmazedonien, doch der Terrorist wird bei Wien geboren und ist österreichischer Staatsbürger. Die Familie zieht kurz vor seiner Geburt am 24. Juni 2000 aus einem Dorf außerhalb von Tetovo nach Mödling, einer Kleinstadt. Der Vater arbeitet, wie viele Albaner seiner Generation, als Gärtner, die Mutter im Einzelhandel. Viel Zeit für die Erziehung Kujtims und seiner jüngeren Schwester bleibt nicht.

Kujtim F. gilt als talentierter Fußballer. Seine Mannschaft El Buhari gewinnt im Jahr 2015 den Hallencup und wird Vize-Cupsieger auf dem kleinen Feld – dies in einer Liga, die auf hohem Niveau spielt. Das Team erhält für den 15-Jährigen eine Ausnahmebewilligung, da er eigentlich noch zu jung für die Teilnahme ist. Er hinterlässt beim Schiedsrichter des Spiels einen bleibenden Eindruck. „Der wird mal was“, sagt dieser laut Auskunft eines Funktionärs.

El Buhari spielt aus finanziellen Gründen nicht weiter in der Liga. Die Mannschaft ist nach einer Moschee im zwölften Wiener Bezirk benannt, die in der albanischen Gemeinschaft für ihre Nähe zu radikalen Kräften bekannt ist. Es deutet also einiges auf Anknüpfungspunkte zwischen Fußball und Islamismus hin, zumal laut dem Magazin „Profi“ zwei nach dem Anschlag Verhaftete Jugend- und Fußballfreunde des Attentäters sind.

Die El-Buhari-Moschee ist zwar nicht unter jenen beiden Gebetshäusern, gegen welche die Behörden mittlerweile vorgegangen sind. Doch es fällt auf, dass sie sich in unmittelbarer Nähe der nun geschlossenen Tewhid-Moschee an der Murlingengasse befindet. Das Innenministerium hat auf eine Anfrage der „Neue Zürcher Zeitung“ bezüglich möglicher Verbindungen nicht reagiert.

Er gibt nicht auf

In der Jugend von Kujtim F. kommt es innerhalb der Familie immer häufiger zu Streit, der teilweise in Gewalt ausartet. Zu Arbeitskollegen sagt der Vater, er verliere die Kontrolle über seinen Sohn. Unklar ist, ob dessen Radikalisierung Grund für die Auseinandersetzungen oder erst eine Reaktion darauf ist.

Die Konflikte legen jedoch den Grundstein für eine gegenseitige Entfremdung, wobei F. laut Bekannten immer mehr Zeit in islamistischen Kreisen verbringt. Sein ehemaliger Anwalt Nikolaus Rast beschreibt ihn als orientierungslosen Jungen, „der das Pech gehabt hat, an die falschen Freunde zu geraten“.

Dennoch schafft er den Übertritt in die Höhere Technische Lehranstalt Ottakring, an deren Ende eine Ausbildung gestanden hätte. Allerdings bricht er den Besuch nach drei Jahren ab. Seinen Bewährungshelfern wird er später erklären, er habe sich gemobbt gefühlt, weil er „für seine Religion eingestanden“ sei. Mehrfache Anfragen an die Wiener Bildungsdirektion zum Fall blieben ohne Antwort.

Nach dem Schulabbruch versucht Kujtim F., in den Dschihad zu reisen. Laut dem Landesgericht für Strafsachen Wien sagt er 2018 wiederholt zu Bekannten, er wolle für den Islamischen Staat (IS) in Syrien kämpfen.

Ende August ersteht er Tickets für einen Flug nach Afghanistan. Als ihm ein Mitarbeiter der Airline sagt, dass er ein Visum für die Einreise in das Land braucht, storniert er den Flug. Doch ans Aufgeben denkt er nicht. Am 1. September fliegt er schließlich nach Istanbul und begibt sich an die syrische Grenze, wo er in einem Haus in der südtürkischen Stadt Hatay unterkommt – zusammen mit zwei Deutschen und einem Belgier.

Falsche Kreise, falsche Freunde

Doch nach drei Tagen wird ihm mitgeteilt, dass es zu gefährlich sei, ihn jetzt nach Syrien zu schleusen. Zu diesem Zeitpunkt ist der IS militärisch bereits stark unter Druck, die Terrormiliz kontrolliert im September 2018 nur noch ein Gebiet am Euphrat im fernen Osten des Landes. Kujtim F. wird letztlich zurück in ein Hotel gebracht. Dort verhaftet ihn die türkische Polizei.

Mit seinen Plänen ist er nicht allein. Er schmiedet sie zusammen mit dem zwei Jahre älteren Burak K. Es ist eine enge Freundschaft, die bis zum letzten Tag im Leben des Attentäters bestehen bleibt. Zusammen besuchen Kujtim F. und der türkischstämmige Burak K. nach Erkenntnissen der Ermittler regelmäßig teilweise fundamentalistische Moscheen in Wien und folgen salafistischen Predigern. Ihr radikales Gedankengut erwerben sie aber auch in einschlägigen Internetforen.

Burak K. ist offenbar stark von seinem Freund beeinflusst. Einer der zentralen Faktoren für seinen Entschluss, in den Jihad zu reisen, sei die Meinung von F. gewesen, heißt es im Urteil des Wiener Landgerichts vom Mai 2019.

Dieser habe ihm gegenüber die Taten, Zielsetzungen und Methoden der Terrormiliz immer wieder gerechtfertigt und ihn in Gesprächen darin bestärkt, selbst auszureisen und an Kampfhandlungen teilzunehmen. Den Kontakt hält Burak K. auch dann noch, als F. in Hatay vergeblich auf seine Weiterreise nach Syrien wartet.

Über den Messengerdienst Telegram erkundigt er sich regelmäßig über dessen Erfahrungen und Erlebnisse. Er kündigt ihm auch an, er werde selbst ins Kriegsgebiet nachkommen. In Sachen Radikalität steht er seinem Kollegen in nichts nach: Das geht aus Chats mit anderen IS-Anhängern hervor und aus einem kurzen, 17 Sekunden dauernden Video, in dem er einem IS-Führer die Treue schwört. Doch es bleibt im Fall von Burak K. bei Ankündigungen, weil die österreichische Polizei einschreitet und ihn am 22. September festnimmt – eine Woche nach der Verhaftung von Kujtim F. in der Türkei.

Vorzeitige Entlassung

Nach sieben Monaten in Untersuchungshaft stehen Kujtim F. und Burak K. am 25. April 2019 in Wien vor Gericht. Sie werden wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 22 Monaten Haft verurteilt.

Im Dezember lässt man die beiden nach Verbüßung von zwei Dritteln der Strafe auf Bewährung frei, wie das im Gesetz vorgesehen ist. Im Fall von F. gewichtet das Gericht seine Jugend, seine gute Führung im Gefängnis und die positiven Zukunftsperspektiven höher als die Zweifel der Staatsanwaltschaft.

Auch wenn die frühzeitige Entlassung in der österreichischen Öffentlichkeit seit dem Anschlag für Empörung sorgt, erfüllt sie eine wichtige Funktion: „Nur so konnten ihm Bewährungsauflagen gemacht werden“, erklärt sein damaliger Anwalt Rast. Diese bestehen bei Kujtim F. darin, dass er sich drei Jahre einem Programm zur Deradikalisierung unterziehen muss, das regelmäßige Treffen mit Sozialarbeitern und Religionspädagogen umfasst.

Als Koordinator tritt dabei der Verein Neustart auf, der in ganz Österreich 39.000 ehemalige Häftlinge bei der Resozialisierung unterstützt. Andreas Zembaty arbeitet seit Jahrzehnten in der Bewährungshilfe, und er war auch in die Betreuung von Kujtim F. involviert.

Neustart habe seit 2006 mit 116 Personen gearbeitet, die über einen dschihadistischen Hintergrund verfügen; gegenwärtig sind es etwa 50. Nur vier seien neben F. rückfällig geworden, betont Zembaty im Gespräch. Doch keiner sei so wie F. gewesen.

Chance auf Veränderung

Neustart und der deutlich kleinere Verein Derad teilen sich die Arbeit mit Gefährdern auf: Die Bewährungshilfe kümmert sich um weltliche, Derad um religiöse Belange. „Viele dieser Klienten haben mit dem Diesseits abgeschlossen und werden von vermeintlichen Vaterfiguren darin bestärkt, dass sie durch den Dschihad Glückseligkeit im Paradies finden“, beobachtet Zembaty. Entsprechend misstrauisch würden sie den Behörden begegnen. „Wir haben nur eine Chance auf Veränderung, wenn wir mehr als schöne Worte bieten.“

Dazu gehörten die Vermittlung einer Wohnung, von finanzieller Unterstützung und von Ausbildungs- und Arbeitsstellen, umschreibt Zembaty den Ansatz, der auch im Fall von Kujtim F. zur Anwendung kam.

Dass er rasch eine Wohnung in einem Wiener Gemeindebau erhält, lässt den Boulevard heute kochen, doch für Neustart ist es der Versuch, die wieder aufbrechenden Konflikte zwischen dem jungen Mann und seiner Familie zu entschärfen.

F. überlegt sich, den Abschluss nachzuholen oder IT-Techniker zu werden, scheitert aber an den Vorgaben. Er arbeitet bald Teilzeit als Ordner in der Wiener Corona-Test-Straße. Die Uniform, die er dabei getragen habe, sei ihm wichtig gewesen, sagt Zembaty: „Da war er jemand.“

Zu den 33 Treffen mit Neustart in den elf Monaten bis Ende Oktober kommen Gespräche mit den Religionspädagogen von Derad. „Er hat nie ein Treffen ausgelassen und war stets extrem pünktlich“, erklärt Zembaty.

Der junge Mann akzeptiert sogar eine Sozialarbeiterin, obwohl er in einer sehr patriarchal geprägten Familie aufgewachsen ist. Zur Betreuerin habe er scheinbar auch Vertrauen gefasst, meint Zembaty: „Beim letzten Treffen sprachen sie über ,Charlie Hebdo'. Er sagte, im Koran rechtfertige die Beleidigung des Propheten die Tötung eines Menschen nicht.“

Der Pädagoge von Derad, der ihn bereits im Gefängnis begleitete, beschreibt F. im „Profil“ als ruhigen Mann mit einer sehr naiven Vorstellung von Religion: „Er glaubte, dass bei einem wahren Muslim jedes Gebet erhört würde. Er verstand nicht, wieso er trotz seiner Gebete im Gefängnis saß.“

Mit einiger Sorge beobachtete er, wie der spätere Terrorist mehr und mehr wieder Kontakt zu seinen alten Kollegen aus der islamistischen Szene suchte und seinen Bart wachsen ließ. Den Betreuern fiel auf, dass er enorm an Muskelmasse zulegte.

Ermittlungspannen und Probleme

Keine Ahnung hatten die Bewährungshelfer allerdings davon, dass Kujtim F. im Juli 2020 in der Slowakei erfolglos versuchte, Munition für ein Sturmgewehr zu kaufen, und sich in Wien mit Islamisten aus der Schweiz und Deutschland traf.

Der österreichische Verfassungsschutz wusste von beidem, leitete die Information aber nicht weiter. Die Observation des Gefährders stellte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BVT) zudem just an dem Tag ein, als dieser ins Nachbarland reiste. Die Ermittlungspannen, die auch die Frage aufwerfen, ob der Anschlag hätte verhindert werden können, haben bereits zu Rücktritten geführt.

Dazu kommen strukturelle Probleme im Umgang mit verurteilten Gefährdern. So ist der Informationsaustausch zwischen Polizei, Gerichten und Bewährungshelfern kaum institutionalisiert. Gegenseitiges Misstrauen trägt dazu bei, dass oft keine einheitlichen Evaluierungen zustande kommen. Der Verein Derad verfügt zudem über eine sehr schmale finanzielle und personelle Basis. Die Notwendigkeit einer Professionalisierung dieser Strukturen ist weitgehend unbestritten.

Der Anwalt Rudolf Mayer, der unter anderem Burak K. 2019 verteidigt hat, sieht das Problem im Umgang mit Gefährdern. Der radikale Islam biete den jungen muslimischen Männern in Österreich ein ideologisches Angebot, bei dem es vor allem um Macht und Stärke gehe. „Die Verlockungen, die in Moscheen und in der Internetpropaganda dargelegt werden, sprechen die jungen Männer enorm an.“

Dagegen stelle der Staat bei weitem nicht genügend Mittel zur Verfügung. „Nötig wären zusätzlich Tausende von Sozialarbeitern und Psychologen, die sich intensiv um Gefährder kümmern.“

Am ehesten schaffe man dies mit Personen aus den gleichen Milieus wie die jungen Männer. So könne man ihnen das österreichische Wertesystem vermitteln. Für Mayer ist klar: Eine Umerziehung ist illusorisch. „Wenn es eine friedliche Koexistenz in parallelen Gesellschaften gibt, wäre das schon gut.“

Dass für die Bewährungshilfe mehr Ressourcen nötig sind, erkannte die Regierung bereits vor dem Anschlag und stockte das Budget für 2021 auf. Sogenannte Fallkonferenzen, auch zu Gefährdern, sollen die Abstimmung zwischen den involvierten Stellen zusätzlich verbessern.

Dazu soll eine Reform des BVT kommen – und möglicherweise auch Gesetzesverschärfungen im Umgang mit Gefährdern. Ansätze wie die Einführung einer Präventivhaft sind allerdings umstritten – zumal manche Experten insistieren, im Fall von Kujtim F. hätten auch die bestehenden Gesetze eine bessere Überwachung ermöglicht.

Die Winterthurer „Kollegen“

Kujtim F., Burak K. und ein gemeinsamer Freund treffen sich zuletzt am Tag des Anschlags, angeblich um ein Buch zu überreichen. Ob die beiden über die Pläne ihres Kumpanen Bescheid wussten, bleibt im Dunkeln, sie werden aber verhaftet.

Der Rechtsanwalt Rudolf Mayer, der die beiden vertritt, sagt auf Anfrage, er habe die Akten zu dem Fall noch nicht zugestellt bekommen. Er gehe aber davon aus, dass ihnen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen werde.

Unklar ist auch, ob dem Täter jemand dabei geholfen hat, zum Tatort zu gelangen. Die Ermittlungen im Nachgang fördern aber zutage, wie weit sich das islamistische Netzwerk, in dem der Attentäter verkehrte, erstreckte.

Weniger als 24 Stunden nach dem Anschlag verhaften Angehörige einer Spezialeinheit in Winterthur zwei junge Männer, einen 18- und einen 24-jährigen Schweizer. Die Schweizer Sicherheitsbehörden befürchten, dass die beiden auch zur Tat schreiten könnten. Justizministerin Karin Keller-Sutter bezeichnet sie als „Kollegen“ des Attentäters.

Sie bezieht sich dabei auf ein Treffen von Islamisten in Wien im Juli dieses Jahres. Laut der „NZZ am Sonntag“ besuchten die beiden Winterthurer damals nicht nur eine Moschee, die nun geschlossen wurde, sondern trafen auch den späteren Attentäter. Und: Sie waren bereits seit längerem auf dem Radar der Behörden. Der Ältere war 2018 bereits in den sogenannten An-Nur-Prozess verwickelt.

In der gleichnamigen umstrittenen Winterthurer Moschee hielten Gläubige im November 2016 zwei Männer fest, die sie verdächtigten, Spitzel für einen Journalisten zu sein. Sie bedrohten, schlugen und demütigten sie und forderten sie auf, Handydaten und Fotos herauszugeben. Der nun festgenommene 24-jährige Konvertit wurde allerdings freigesprochen, aus Mangel an Beweisen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Zudem führt die Bundesanwaltschaft inzwischen ein Verfahren gegen den jungen Mann.

Auch der zweite Verdächtige, ein 18-jähriger Mann, ist schon vor seiner Verhaftung durch die Spezialeinheit der Polizei negativ aufgefallen – und den Strafverfolgungsbehörden bestens bekannt. Die Jugendanwaltschaft Winterthur führt gegen ihn eine Untersuchung wegen Verstößen gegen das IS-Verbot sowie Gewaltdarstellungen.

Die Netzwerke, denen die Männer angehören, haben sich über mehr als ein Jahrzehnt etabliert. Sie reichen von Wien in die Balkanstaaten, nach Süddeutschland und die Schweiz. Im Zentrum steht bis heute Mirsad Omerovic alias Abu Tejma. Auch wenn der serbischstämmige Prediger selbst 2016 zu einer zwanzigjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, scheinen die Drähte, die er gespannt hat, weiter zu surren.

Der Wiener „Scheich“

Omerovic soll als Elfjähriger mit seinen Eltern aus der Kleinstadt Tutin im mehrheitlich muslimischen Sandschak im Süden Serbiens nach Wien-Favoriten gekommen sein. Kurz nach den Anschlägen von 9/11 reist er zuerst nach Jordanien, um Arabisch zu lernen. Dann, 2002, erhält er laut den Grazer Prozessakten vermutlich ein Stipendium in Medina oder Mekka.

Dort kommt Omerovic in Kontakt mit wahhabitischen Einflüsterern und der islamistischen Ideologie. Zurück in Wien, beginnt er sich ab 2008 als radikaler Prediger zu etablieren. Es gelingt ihm, entwurzelte Migrantenkinder aus Tschetschenien und dem Balkan um sich zu scharen. Laut Medienberichten predigte er auch an der am vergangenen Freitag geschlossenen Tewhid-Moschee an der Murlingengasse.

Als 2011 der syrische Bürgerkrieg beginnt, findet die bisher kaum bekannte Szene einen Fokus, um über die einschlägigen Moscheen hinaus zu agieren. Durch Benefizveranstaltungen im deutschsprachigen Raum treten die Extremisten aus unterschiedlichen Städten miteinander in direkten Kontakt. Oft werden auch etablierte Vereinsstrukturen gläubiger Migranten unterwandert.

Diese wehren sich aber in den meisten Fällen erfolgreich gegen die Vereinnahmung durch radikale Kreise. Auch auf dem Westbalkan werden die Radikalen aus der Diaspora mehrheitlich mit Skepsis betrachtet.

Als Schlüsselmoment für die Verbindung zwischen Omerovics Wiener Kreisen und der Schweiz gilt eine Syrien-Benefizveranstaltung im September 2013 in Winterthur-Töss. Dort scheinen die Schlüsselfiguren aus Süddeutschland und Österreich ihre Kontaktdaten mit den Deutschschweizer Islamisten ausgetauscht zu haben.

Die damalige Leitfigur der Winterthurer Szene, Sandro V., nannte Omerovic alias Abu Tejma seinen „Scheich“. Ähnlich wie in Wien werden mehrere junge Winterthurer zu Dschihad-Reisen nach Syrien oder in den Irak motiviert. Die Drahtzieher in Österreich und der Schweiz sind inzwischen hinter Gittern.

Abseits bekannter Muster

Es ist trotzdem keine Überraschung, dass am Tag nach dem Attentat in Wien auch in Winterthur die Handschellen klicken. Aus Polizeikreisen waren in den vergangenen Jahren Warnrufe zu vernehmen, dass in Winterthur nach wie vor junge Menschen radikalisiert würden.

Das Beziehungsnetz um Abu Tejma scheint an eine zweite Generation „vererbt“ worden zu sein. Dabei wurde das Muster der ersten Generation weiter gepflegt: Wer exklusive Kontakte in andere Länder hat, steigt auf und kann Leute um sich scharen. So dürfte es sich auch bei den zwei verhafteten Winterthurern und Kujtim F. verhalten haben.

Was bisher nicht ins Schema passte, war ein Anschlag aus diesem Kreis. Bei der ersten Generation ging es um die Unterstützung der Terrormiliz in Syrien. Nach der militärischen Niederlage des IS sind solche Kampfpilgerreisen jedoch nicht mehr möglich.Der Anschlag könnte als Frustventil gedient haben.

Auffällig ist die schwere Bewaffnung von F. Zuletzt wurden vor allem Messerattacken begangen – besonders in Frankreich, aber im September auch im waadtländischen Morges. Diese Methode braucht keine Logistik und wenig Verbindungen. Die Abweichungen von diesen Mustern dürften auch die Ermittler in Österreich und der Schweiz interessieren.

Mehr: Lesen Sie hier, den Kommentar: Extremisten spüren die Verwundbarkeit des Staats und die Verführbarkeit der Bürger

Bei dem tödlichen Anschlag eines Islamisten sind vier Zivilisten getötet worden. Foto: dpa
Bei dem tödlichen Anschlag eines Islamisten sind vier Zivilisten getötet worden. Foto: dpa
In Gedenken an die Opfer des Terroranschlages wehte ein Trauerflor vom Dach des Wiener Rathauses. Foto: dpa
In Gedenken an die Opfer des Terroranschlages wehte ein Trauerflor vom Dach des Wiener Rathauses. Foto: dpa
Österreichs Innenminister Karl Nehammer verfolgt die Razzien auf einem Bildschirm. Foto: dpa
Österreichs Innenminister Karl Nehammer verfolgt die Razzien auf einem Bildschirm. Foto: dpa
Nach dem islamistischen Terroranschlag von Wien waren Ermittler in mehreren Ländern im Einsatz. Foto: dpa
Nach dem islamistischen Terroranschlag von Wien waren Ermittler in mehreren Ländern im Einsatz. Foto: dpa